Wildenloh Der Mann hat Sprüche hervorgezaubert, die in ihrer bildhaften Klarheit jeden angestrengten Werbestrategen vor Neid erblassen lassen. „Mit dem Übergewicht der Deutschen könnte man 5000 Eisenbahnwagen beladen“, sagte er mal 1970. Oder: „Es ist ein Missverhältnis, wenn 22 Leute Sport treiben und 22 000 schauen zu – umgekehrt muss es sein.“ Und: „Man kommt aus seinem Wohnbunker, verbringt den Tag in seinem Arbeitsbunker – da muss man nach Feierabend nicht noch in seinen Sportbunker gehen.“

Der Mann heißt Dr. Jürgen Dieckert und ist jetzt 78. Natürlich steht er an diesem Morgen nicht in einem Sportbunker, sondern in einem ganz speziellen Stück Natur. Das ist ein Waldgelände namens Wildenloh am westlichen Stadtrand von Oldenburg. Formell gehört das betriebsame Areal zur Gemeinde Edewecht im Landkreis Ammerland und zur Staatlichen Forstverwaltung. Praktisch ergreifen mehr als 60 000 Freizeitsportler aus Stadt und Land jedes Jahr von ihm Besitz. Ideell darf es sich Jürgen Dieckert seinem persönlichen Grundbuch zuschreiben.

Neue sportliche Wege

Der Trimmpark im Wildenloh dokumentiert einen Teil des Lebenswerks des früheren Professors der Uni Oldenburg und einstigen Präsidenten des Deutschen Turnerbundes (DTB). Am 16. Juni 1973 war mit dem Bau dieser für die ganze deutsche Trimmbewegung mustergültigen Anlage begonnen worden. 40 Jahre später wirkt sie kaum abgeschabt. Sie ist eingerahmt von frischem Grün, aber nicht bedeckt vom Grünspan der Jahrzehnte. Ein Werk voller nachhaltiger Wirkung, würde man heute herausstreichen.

Ab 1970 hatte eine Idee den deutschen Sport umgekrempelt wie keine andere im 20. Jahrhundert. „Trimm dich durch Sport” lautete die Aufforderung: Der Trimmy, ein markantes Männchen mit einem Quadratkopf, bekleidet mit Turnhose und Turnhemd, reckte einen Daumen nach oben und animierte eine ganze Nation zum Sporttreiben. Auf diesen so genannten „Zweiten Weg des Sports” des damaligen Deutschen Sportbundes, nämlich jenen neben dem Leistungssport, bogen Millionen Freizeitsportler.

Dieckert, damals verantwortliches Präsidiumsmitglied für Breitensport, und der kreative und unermüdliche Mitstreiter in der Frankfurter Zentrale, Jürgen Palm, propagierten eine mitreißende Kampagne. Der Bekanntheitsgrad der Trimm-Aktion erreichte nach drei Jahren bereits 93 Prozent. „Inoffizielle” Erweiterungen auf „Trimm dich durch Sex” oder „Trimm dich durch Kirchgang” unterstrichen nur: Trimmy, der abgefeimte Demagoge, verführte eine ganze Nation.

Dieckert, junger Professor am Oldenburger Uni-Vorläufer Pädagogische Hochschule, machte seinen Arbeitsort zu seiner Pionier-Stadt. Einmal pro Woche animierte er die Leser der NWZ  mit seinen bunten, skurrilen und stets anregenden Trimm-Tipps: „Trimm dich bei der Arbeit”, oder: „Trimm dich auf dem Bettvorleger.” Im Blatt ließ er sich schon mal kopfüber an einer Turnstange hängend ablichten, mit noch wallendem blonden Haar.

Früh wurde klar: Das neue Streben nach Gesundheit fördernder Bewegung, nach reinem Vergnügen am Sport in geselliger Runde, nach zeitlicher Ungebundenheit, forderte neue Umfelder. Die damals modisch ohne Tageslichteinfall konzipierten Hallen – die belästerten „Sportbunker” – verloren ebenso an Reiz wie genormte Spielfelder, Schwimmbecken oder Geräte. Dieckerts sportphilosophischer Ansatz zum „Dialog mit dem Körper in der Natur“ verlangte nach praktischer Umsetzung.

Dieckert zog mit einem Gegenentwurf zu den „Vita-Parcours” Schweizer Ursprungs mit kommerziellem Hintergrund ins Feld. „Da wurde genau vorgeschrieben, was genau an welcher Stelle gemacht werden musste, genau wie viel mal”, rümpfte er die Nase. Ihm schwebte eine sinnvolle Reihung von Geräten aus Naturholz vor, durchaus mit Aufforderungscharakter, aber auch in unterschiedlichen Größen: „Es soll jeder selbst entscheiden, wie hoch er die Beine schwingen, wie hoch er die Flanke ansetzen und wie er sich persönlich steigern will.“ Um diesen Platz in der Mitte herum führt eine Laufstrecke von rund 3000 Metern. Für 120 andere Städte, die Interesse zeigten, entwarf er eine Baumappe. Auf dieser Grundlage sind später viele Trimmparks angelegt worden.

Überzeugendes Konzept

Für seinen Prototyp hatte Dieckert ein Auge auf den Wildenloh geworfen. Vom ersten „riesigen Verwundern” bei der Forstverwaltung erzählt er noch gern. Aber der Jung-Professor war ja nicht nur ein eloquenter Mann. Er präsentierte vor allem überzeugende Ideen. Er packte handfest zu, er schmiedete Allianzen. So brachte er alle unter einen Hut: Die Forstverwaltung, die ja andere Planungen für die Holzwirtschaft verfolgte; die Gemeinde Edewecht, die eigentlich kein Geld hatte, aber bis heute die Anlage mit unterhält; die Stadt Oldenburg, die bereit war, Geld zuzuschießen, auf deren Gebiet der Park aber nicht lag. Als am 10. Juli 1973 der für die Bundesrepublik Maßstäbe setzende Trimmpark Wildenloh eingeweiht wurde, waren 37 000 D-Mark aufgewendet worden.

Hinter dieser jedem Steuerzahler zu vermittelnden Summe steckte eine kompakte Portion an ehrenamtlichem Einsatz. Dieckert hatte Bereitschaftspolizei und Bundeswehr ebenso für freiwillige Arbeitseinsätze gewonnen wie Sportverein Eintracht Wildenloh oder den Bürgerverein. 4105 Arbeitsstunden sind am Ende erfasst worden.

An der „wundervollen Zusammenarbeit” aller Partner hat sich bis heute nichts geändert. Hermann Lohbeck vom Sport- und vom Ortsverein bringt es mit Dieckertscher Treffsicherheit auf den Punkt: „Das war von Anfang an hier unser gemeinsames Werk – und das ist es noch heute.“ Aber Lohbeck kann auch noch staunen. „Ich bin das erste Mal als Ruheständler hier”, sagt er - und ist „platt darüber, was um diese Zeit schon im Wald los ist.“ Dieckert schmunzelt: „Das genieße ich regelmäßig zweimal die Woche.“ Hermann Lohbeck wohl demnächst auch.


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