Oldenburg Einen kleinen dicken Mexikaner haben die Bandidos in Oldenburg zurückgelassen. Von einer herausgelösten Scheibe droht sein Abbild wie gewohnt mit Revolver und Machete – wenn man es denn sähe. Witchy, der ehemalige Präsident des Chapters, hat die Scheibe auf einen Tisch gelegt und mit der Sitzfläche eines Barhockers verdeckt. Nicht aus Missachtung, im Gegenteil. Niemandem, der einen Fuß durch das Tor an der Alexanderstraße Nummer 15 setzt, soll noch der Anschein erweckt werden, dies sei ein Clubhaus des Bandidos MC. „Das wäre Anmaßung“, sagt Witchy.

Dies ist nicht mehr das „rough land“, das raue Land der Bandidos, sowenig wie Uwe Wieczorek noch Präsident oder überhaupt Mitglied im berühmt-berüchtigten Motorradclub ist. „Vor 20 Jahren wäre das ein schwerer Schritt gewesen“, sagt der 57-Jährige. „Heute ist mein Leben ruhiger geworden.“

Postkarten in den Farben Schwarz und Orange hängen zwar noch an den Wänden hinter dem Tresen, doch andere Winkel sind inzwischen auffällig kahl. „Was hier noch hängt, sind Postkarten, die du so überall bekommen kannst. Interna müssen abgehängt werden“, sagt Wieczorek. Das sind die Regeln.

Das Aus für das Oldenburger Chapter war beschlossene Sache am 24. September, doch plötzlich kam es nicht. „Das war ein Prozess. Am Ende haben das National Chapter und wir miteinander entschieden, dass das Oldenburger Chapter nicht zu halten ist“, sagt der ehemalige Rocker-Boss. „Es erfüllte nicht mehr den Standard“, sagt Micha, Pressesprecher der Bandidos Deutschland, und wundert sich selbst, wie technisch das klingt.

Fünf Member sollte ein Chapter mindestens haben. In Oldenburg waren es im Sommer noch sieben. Dann verließ der Sergeant at Arms, eine Art Sicherheitsoffizier und Leibwächter des Präsidenten, den Club. Drei weitere Member wechselten zum Chapter nach Aurich. Schließlich waren sie in Oldenburg nur noch zu zweit. „Ich hätte das Chapter auch wechseln können“, sagt Witchy und zuckt mit den Schultern. „Aber das sollen jetzt Jüngere machen.“ Dabei sieht er mit seinen 57 Jahren doch recht frisch aus. Witchy lacht nur: „Da ist das Sofa schon ganz schön nah.“

Vielleicht war die Luft bei den Bandidos in Oldenburg einfach raus.

„Das ist einfach so. Du hast mal fünf gute, und dann auch wieder fünf andere Jahre“, sagt Witchy. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass solche besseren Jahre für den Rockerclub auch in Oldenburg wieder anbrechen. Der offizielle Status des Chapters ist „frozen“, also eingefroren. „Es kann jederzeit wieder eröffnet werden“, erklärt Witchy.

Nach einer guten Zeit sah es noch im Frühjahr dieses Jahres aus. Eine Anfrage der NWZ  beim Deutschland-Chapter der Bandidos für ein Interview? Kein Problem. Ein Treffen im Oldenburger Clubhaus mit dem Präsidenten? Klar, warum nicht? Vor der Kamera des NWZ -TV-Teams stand der Präsident den Fragen dieser Zeitung Rede und Antwort. Das ist ungewöhnlich. Schotten sich die Clubs doch sonst eher nach Außen ab. Interna in der Öffentlichkeit? Das geht normalerweise gar nicht.

„Wir bringen unsere Familien mit, Kinder laufen hier rum“, sagte der Club-Präsident über das Leben im Clubhaus damals. Es war ein Bild mit Botschaft: Sie haben nichts zu verbergen, die Bandidos in Oldenburg. Alles geht hier ruhig seinen Gang. Sogar dann, wenn die Rocker feiern? Sogar dann.

Zur letzten großen Rocker-Party im Clubhaus an der Oldenburger Alexanderstraße waren die NWZ -Reporter eingeladen. Harley an Harley stand unter dem fetten Comic-Mexikaner mit dem Revolver und der Machete. Viele Besucher trugen Kutte mit Abzeichen ihrer Clubs. Da gab es etwa die „Schwarzen Engel“ aus Torsholt; ihr Abzeichen zeigte ein ein düsteres Flügelwesen mit Schwert vor Totenköpfen. Das der „Conquistadors“ aus Bremerhaven zeigte einen spanischen Eroberer mit Hellebarde und Pistole.

Eine Zwei-Mann-Kombo spielte und sang zur Gitarre, es gab Kartoffelsalat und Bockwürstchen. Gezahlt wurde mit Wertmarken. Wer die Kutten um sich herum vergaß konnte meinen, er sei bei einem Sommerfest des örtlichen Sportvereins gelandet. Lediglich die andauernd Patrouille fahrende Polizei erinnerte einen, wo man gerade war.

Aggressiv, bedrohlich, gefährlich? Keine Spur. Sogar eine Tombola veranstalteten die Rocker. Anstelle einer Mettwurst und Schinken gab es jedoch eine Tätowierung zu gewinnen. Gestochen vom Rocker-Chef persönlich.

Trügt der Schein? Immer wieder machen Meldungen die Runde vom Rocker-Krieg. Von Gewalt und Waffen, Drogen und Prostitution. Auch das Landeskriminalamt behauptet im Interview mit der NWZ , dass sich Mitglieder eines Rockerclubs nicht lange aus illegalen Geschäften heraushalten könnten. Was sagt die Oldenburger Polizei?

„Die Polizeidirektion Oldenburg fährt in puncto Rockerkriminalität eine Null-Toleranz-Strategie“, teilte Pressesprecher Matthias Kutzner mit. „Wer sich so bewusst außerhalb jeglicher Rechtsnormen stellt, darf sich zu keinem Zeitpunkt vor staatlichen Konsequenzen sicher fühlen. Und das bedeutet, dass die Polizei alle Möglichkeiten auch in der Zusammenarbeit mit anderen Behörden ausschöpft, um gegen solche Menschen vorzugehen, die bereits mit ihrem Auftreten und Erscheinungsbild für Angst und Verunsicherung in der Bevölkerung sorgen.“ Fragen nach konkreten Straftaten, die den Oldenburger Bandidos angelastet werden, bleiben unbeantwortet.

Auffällig geworden sind die Oldenburger Bandidos in der öffentlichen Wahrnehmung selten. Neben den Bandidos gebe es Mitglieder der Hells Angels und des Gremium MC in der Stadt, ohne dass es zu Reiberein gekommnen sei, so der ehemalige Rocker-Boss.

Drei Schüsse wurden am 30. November 2015 auf das Clubhaus abgegeben, eine Woche später folgte eine Razzia an der Alexanderstraße. Wer geschossen hat? Und warum? Darauf gibt es keine Antworten.

Die wird eventuell der nächste Oldenburger Bandidos-Chef geben. Der bisherige Präsident hat abgeschlossen und ist zufrieden mit seiner Entscheidung. „Mein Leben hat sich nicht geändert“, sagt er. Er wird weiter als Tätowierer arbeiten, seine Harley Davidson ausfahren und an Autos herumschrauben. Ob er die Kutte vermisst? „Das wäre ja traurig, wenn ich mich nur über die Kutte definieren würde.“ Der Mann macht die Kutte, nicht umgekehrt. Das sind die Regeln.

Timo Ebbers Ltg. / Online-Redaktion
Tobias Schwerdtfeger Leitung / Regionalredaktion
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