Oldenburg /Posthausen Die Musik endet in der Sekunde, in der 22 Körper zu Boden fallen. Ein Augenblick vergeht, dann donnert der Applaus los. Es ist Samstagabend, die Hip-Hop-Formation „Rhythm&Style“ aus Oldenburg erhebt sich wieder vom Holzboden des Zeltes auf dem Dodenhof-Vorplatz in Posthausen. Nun sind alle Würfel gefallen oder besser: Nun sind alle Schritte getanzt. Es ist die Norddeutsche Meisterschaft im Videoclip- und Hip-Hop-Tanz des Deutschen Amateur-Turnieramts (DAT) – und die Oldenburger von der Tanzschule „Dance Art Company“ sind heiße Favoriten auf den Sieg.

Fliegender Wechsel: „Rhythm&Style“ verlassen die Bühne, um der nächsten Formation Platz zu machen. Draußen vor dem Zelt Manöverkritik. Über WhatsApp schicken Freunde aus dem Publikum Videoaufnahmen der Choreographie. Worte wie „vertanzt“, „zu früh“ oder „zu spät“ sind zu hören, während die 21 jungen Frauen – und ein junger Mann – über das diskutieren, was sie eben geleistet haben, trinken Wasser oder lassen sich erschöpft auf eine der Bänke vor dem Einkaufszentrum fallen.

Ein langer Wettkampftag für alle Tänzer

Es ist nicht das erste Mal an diesem Tag, dass sich diese Szenen abspielen. Mittlerweile ist es 23.20 Uhr. Seit 16 Uhr sind die Wettkampftänzer schon in Posthausen, haben gerade ihre zweite Show vor den sechs Jury-Mitgliedern getanzt. Einige von ihnen haben zusätzlich noch als Duo zwei weitere Tanzrunden alles gegeben. Sogar schon seit 9 Uhr am Morgen ist Jamina Flowers (33) in Posthausen. Sie ist die Tanzlehrerin von „Rhythm&Style“ und darüber hinaus noch die Besitzerin der Tanzschule. Ihre Stimme ist zu diesem Zeitpunkt nur noch ein Krächzen. Neben „Rhythm&Style“ betreut sie an diesem Tag auch noch zwei weitere Gruppen – „Urban Style“ und „Hip Style“.

Ein paar Stunden zuvor: Der gigantische Parkplatz von Dodenhof platzt aus allen Nähten. Vor einem der Center-Eingänge ist ein großes weißes Zelt aufgebaut, davor ein paar kleinere. Menschen, die den Samstag zum Einkaufen nutzen, laufen hin und her und blicken immer wieder zum Zelt, aus dem laute Musik, Jubelschreie, Applaus und die Stimme des DJs dröhnen und aus dem immer wieder Menschen, vor allem Mädchen und junge Frauen, in auffälligen Outfits kommen: die Teilnehmer der Norddeutschen Meisterschaft. Rund 1200 im Alter von fünf bis 63 Jahren sind es. Glänzende Jacken, bunte Haarschleifen, Netzoberteile und Sportleggings bestimmen das Bild.

Die erfahrenen Tänzer kennen den Ablauf

Für „Rhythm&Style“ ist es nicht die erste Meisterschaft. Erst in der Woche zuvor haben sie auf einer in Bad Oldesloe getanzt – und haben es nur auf den sechsten Platz geschafft. Dennoch ist von Anspannung ein paar Stunden vor dem ersten Auftritt – in jeder Kategorie gibt es zwei Durchgänge – nicht viel zu merken. Die jungen Frauen – und Benedikt Rieger (26), der einzige Mann der Gruppe – komplettieren ihre Outfits, unterhalten sich und warten. Die meisten aus der Gruppe sind erfahrene Wettkampf-Tänzer, sie kennen den Ablauf einer solchen Meisterschaft: Warten und noch mehr warten, unterbrochen von ein paar Tanzeinlagen. Es wird ein langer Tag, die Siegerehrung ist für 23 Uhr angesetzt. Energiedrinks und Snacks machen die Runde, zwischendurch wird die Choreographie geübt. Alleine, zu zweit, in kleinen Gruppen oder alle zusammen.

So hat sich die Formation auf die Meisterschaften vorbereitet.

Ihr Ziel, heute Abend möglichst ganz oben auf dem Treppchen zu landen, verliert die Gruppe dabei aber nie aus den Augen. Denn über die teilweise starke Konkurrenz sind sich alle bewusst. „Das spornt an. Wenn wir jemanden sehen, der super gut ist, dann wollen wir es besser machen“, sagt die 23-jährige Janina Krämer von „Rhythm&Style“.

In Posthausen tritt sie nicht nur mit der Formation, sondern auch als Duo gemeinsam mit Angelina Feist (21) an. Gemeinsam mit sieben anderen Duos tanzen sie ihre eigene einstudierte Choreographie. Was es für alle Paare interessant macht: Keiner weiß im Vorhinein, welche Musik zu hören sein wird. Und das merkt man schnell. Einige Duos finden den Einstieg nicht, tun sich schwer mit der Musik. Die Unsicherheit lässt sich an ihren Gesichtern ablesen. Anders bei Angelina und Janina. Sie sind ein eingespieltes Team, und das scheint auch die Jury zu erkennen. Für die Duo-Kategorie kommen die Juroren auf die Tanzfläche und betrachten die Paare ganz genau.

Das Duo hat schon einen Titel in der Tasche

Schon nach kurzer Zeit und eindringlicher Begutachtung treffen sie ihre Entscheidungen: Sind die Tänzer synchron, wie schwierig sind die Schritte und passt das Tempo auch zur Musik? Die Beurteilung kann dauern, eine festgelegte Tanzdauer gibt es nicht. Erst wenn alle Juroren die Hand heben, schaltet der DJ die Musik aus. Das geht mal schneller, mal dauert es. Als die Musik bei Janina und Angelina verstummt, fallen sich beide in die Arme, schnappen nach Luft. Ob es gereicht hat, um Norddeutscher Meister in der Kategorie Duo Hip-Hop zu werden? Einen Titel haben Janina und Angelina immerhin schon in der Tasche. Letzte Woche sind sie in Bad Oldesloe in der gleichen Kategorie Meister geworden. Doch sicher kann man sich nie sein.

Während beim Duo-Tanz viel Improvisation gefragt ist, tanzen „Rhythm&Style“ eine festgelegte Choreographie. Zwischen dem ersten und dem letzten Ton der selbst gewählten Musik muss jeder Schritt, jede Armbewegung, jeder Gesichtsausdruck passen. Hip-Hop ist kein Standard-Tanz, wo in den Ballsälen dauerhaft gegrinst wird. Beim Hip-Hop ist eine andere, aggressiv-arrogante Grundhaltung gefragt. Zwischen der ersten und letzten Aufstellung vergehen nur knapp drei Minuten, die aber voll sind mit den unterschiedlichsten Bewegungen, ja sogar den unterschiedlichsten Tanzstilen. Jedes Jahr überlegt sich Jamina Flowers eine neue Choreographie für die Meisterschaften, in diesem Jahr erstmals eine Mischung aus Old School Hip-Hop, Jump Style und Voguing. Ob es der Jury gefällt?

Jamina versammelt alle um sich herum

Darüber wird direkt nach dem ersten Auftritt schon diskutiert. Erst in zwei Stunden tritt die Formation wieder auf. An eine Pause denkt jedoch zunächst niemand. Außer Atem und voller Adrenalin finden sich die Tänzer vor dem großen Zelt zusammen. „Die Jury hat total mitgefiebert. Hat jemand gefilmt? Zeig mal“, ruft jemand. „Ich hab’ richtig viel falsch gemacht. Das war schlecht“, sagt eine andere. Jetzt heißt es, sich beruhigen und den Auftritt noch einmal durchgehen. Tanzlehrerin Jamina versammelt ihre Gruppe um sich – so macht sie es nach jedem Auftritt. Obwohl der ein oder andere Patzer dabei war, ist sie zufrieden: „Das war genial. Ich bin so stolz.“

Der Kreis schließt sich: 23 Uhr, der zweite Auftritt für „Rhythm&Style“ ist zum Greifen nah. Ein letztes Mal steht die Formation neben der Bühne und wartet auf ihren Auftritt. Lockerungsübungen – viele tanzen zur Musik einer anderen Formation mit. Der Spaß ist ihnen anzumerken – aber auch die Konzentration, die immer wieder aufkommt. Je näher der letzte, entscheidende Auftritt für diesen Samstag kommt, desto mehr nimmt die Körperspannung zu und desto häufiger wird tief durchgeatmet. Die Köpfe werden zusammengesteckt, die Hände aufeinandergelegt. „Rhythm&Style“ schreien die Tänzer und stürmen kurz darauf die Bühne. Noch einmal drei Minuten alles geben. Drei Minuten Energie, perfekte Bewegungen und Attitüde in Richtung Jury und Publikum abfeuern – bis der Beat ein letztes Mal für „Rhythm&Style“ an diesem Abend droppt.

Alle drei Oldenburger Formationen sind Norddeutsche Meister geworden

Nun sind alle Würfel gefallen oder besser: Nun sind alle Schritte getanzt. Doch an die Heimfahrt ist nicht zu denken. Erst heißt es noch mal: warten. Jetzt merkt man jedem einzelnen Teilnehmer die Erschöpfung an. Es ist 23.30 Uhr, die Luft ist raus. Aber was wäre eine Meisterschaft ohne vernünftige Siegerehrung? Jamina läuft aufgeregt über die Tanzfläche. Denn an jeder Ecke sitzen ihre Tänzer, die jetzt wissen wollen, welchen Platz sie belegt haben. „Der erste Platz in der Kategorie Duo Hip-Hop geht an Janina und Angelina von der Dance Art Company in Oldenburg“, ruft der DJ. Die beiden fallen sich in die Arme und werden bejubelt. Ab aufs Treppchen, Medaille abholen und Siegerfotos machen.

Dann geht es schon weiter mit der nächsten Kategorie. Auch die Oldenburger Formationen „Urban Style“ und „Hip Style“ machen in ihren Kategorien den ersten Platz. Als Letztes wird das Ergebnis der Kategorie Hip-Hop Formation verkündet. „Der siebte Platz geht an...“, „der vierte Platz geht an…“ hallt es durch das Zelt. Doch die Ansagen der Platzierungen gehen halb im Geschrei derjenigen unter, die sich über Platz drei und zwei freuen. Jamina sitzt inmitten ihrer Schüler, zwei Gruppen waren schon erfolgreich, nun bleibt noch „Rhythm&Style“. Die Tanzlehrerin versucht, zwischen dem Jubel der übrigen Platzierten die Stimme des DJs herauszuhören. Platz drei wird verkündet, Platz zwei, kurzes Stirnrunzeln. „Was?“, ruft Jamina Flowers und ihre Schüler lauschen ähnlich angestrengt. „Platz eins“ und „Oldenburg“ ist zwischen dem Geschrei der anderen Gruppen zu hören, kurzer Blick, ein letztes Vergewissern – und dann stimmen „Rhythm&Style“ in den Jubel mit ein. Norddeutsche Meister schreien auch um kurz nach Mitternacht laut.

Claus Arne Hock Redakteur / Online-Redaktion
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