Oldenburg Immer wieder bekommt sie Nachrichten von ihm:

„Wir feiern deinen Geburtstag – und ich bin dein Geschenk.“

„Schade, dass meine Freundin heute dabei ist.“

„Lass uns die Nacht zusammen in deinem Bett verbringen.“

Auch „sexy Bilder“ fordert er. Verena will das nicht. Mehrfach erklärt ihm die Oldenburgerin, dass er aufhören soll. Doch er schreibt ihr immer wieder. Auf allen Kanälen, Whatsapp, Facebook, Instagram.

Der Schreiber, das ist S., ein sogenannter Blackbelt (= schwarzer Gurt), ein hochrangiger Kämpfer im Brazilian Jiu Jitsu (BJJ). Der 28-Jährige lebt in London und ist Welt- und mehrmaliger Europameister, ein Superstar der Szene. Außerdem ist das 1,90 Meter große Kraftpaket Trainer und gibt Seminare in verschiedenen BJJ-Stützpunkten, unter anderem in London, Berlin und Oldenburg. Einer von nur wenigen Athleten in seiner Sportart, die Gurte an die Kämpfer und Kämpferinnen verleihen. Ein Mann mit Macht und Einfluss, in einer Kampfsportart, die eine vertrauensvolle Atmosphäre unbedingt erfordert. Ein Mann, zu dem viele aufschauen. Der das aber offenbar schamlos ausnutzt.

Und Verena ist nicht die einzige BJJ-Sportlerin, die S. anschreibt. Die gleichen Nachrichten schickt er mehreren anderen Kämpferinnen aus der Brazilian-Jiu-Jiutsu-Szene, in Berlin, in Hamburg, in London. Die Masche hat System. Und manchmal auch Erfolg.

Verena vertraut sich einem Trainer an, bald darauf einem zweiten. Sie will etwas gegen S. unternehmen. Doch sie stößt auf taube Ohren. Der eine möchte da nicht reingezogen werden. Der andere sagt, es sei ja nichts passiert. Sie sind nicht bereit, Verena zu unterstützen.

Penetrante Flirtversuche

Verena lernt S. im Herbst 2016 bei einem Event in Berlin kennen. Die 26-jährige Oldenburgerin reißt sich die Innenbänder im Knie. Einige Tage später kommt die erste Nachricht von S.: „Wie geht es dir?“ Natürlich antwortet sie, er ist ja ein Star der Szene, und ein guter Trainer. Sie schreiben eine Weile. Irgendwann will S. nach Oldenburg kommen. „Ich habe ihm mein Sofa zum Übernachten angeboten. Aber er wollte das Bett. Also habe ich geschrieben: ,Ok, dann schlafe ich eben auf dem Sofa.‘“ Doch auch das will S. nicht. Er will eine Nacht mit ihr zusammen verbringen.

Als sie ihrem Trainer davon erzählt, ist auch dieser beunruhigt. Vielleicht ist das nur ein schlechter Flirtversuch, vielleicht geht man so etwas in Brasilien einfach offensiver an, versuchen sie es sich zu erklären. Trotzdem sind beide der Meinung, dass so ein Verhalten für einen Ausbilder wie S. nicht in Ordnung ist.

Und Verena erhält weiter Nachrichten. „Er hat mir wirklich penetrant geschrieben“, sagt sie. Auch nach „sexy Bildern“ fragt er und schickt ihr welche von sich – mit freiem Oberkörper: „So, dass man gesehen hat, dass er nichts an hat…“ Sie denkt, dass er irgendwann aufhören würde, wenn sie nicht darauf eingeht.

Aber es nimmt kein Ende. Immer, wenn er in Deutschland ist, fragt er, ob sie sich in seinem Hotel treffen. Verena wird immer wütender. „Ich war sauer, das habe ich ihm auch gesagt. Dann hat er sich entschuldigt und gemeint, er macht es nicht wieder.“ Es bleibt eine leere Versprechung. Nur ein paar Wochen später schreibt er ihr wieder.

„Er hat uns ganz routiniert gleichzeitig angeschrieben“

Im Herbst 2017 besucht S. mal wieder das Team in Oldenburg. „Ich habe zu meinen Teamkameraden gesagt, dass ich nicht allein mit dem Kerl sein möchte“, erzählt Verena. Gegen Treffen generell hat sie erstmal nichts: „Er hat ja nur geschrieben, bei Treffen hat er ja sonst nichts gemacht.“

Doch nicht alle sind so konsequent wie sie. Eine Freundin aus Berlin erlebt ähnliches. Auch Michaela* lädt er auf sein Hotelzimmer ein, bot ihr Wein und Nackenmassagen an. Sie lässt sich ein Stück weit darauf ein. S. verspricht ihr sogar, seine Freundin für sie zu verlassen. Als sie es beendet, erzählt S. herum, sie sei ein Groupie, das ihn belagert hätte, und er sich auf sie eingelassen hätte. Er schreibt Michaelas Trainer in Deutschland an und entschuldigt sich dafür.

Ein Feature

zum Thema sexuelle Belästigung sowie zum Thema „#MeToo“ finden Sie unter

       

   nwzonline.de/missbrauch

   nwzonline.de/metoo

Als Verena und Michaela darüber sprechen, kommt heraus, dass S. an jenem Wochenende sowohl Verena als auch Michaela in sein Zimmer eingeladen hat. „Er hat uns ganz routiniert zeitgleich angeschrieben“, erzählt Verena – die ihm jedoch eine Abfuhr gegeben hatte.

Das will Verena nicht auf sich sitzen lassen. Sie geht auch zu Michaelas Trainer. „Der war schockiert“, sagt Verena, und ihm sagt sie: „Den können wir doch den anderen Athletinnen nicht mehr zumuten!“ Sie fordert, dass S., der seine Funktion als Trainer so schamlos ausnutzt, nicht mehr als Coach eingeladen wird. Doch vergebens. S. ist weiterhin für das Summercamp eingeplant.

Kaum Unterstützung

Verena kann das nicht glauben, will das nicht akzeptieren. Sie fordert, ihn auszuladen und auch andere BJJ-Standorte zu informieren. Sie will andere Frauen vor dieser Masche schützen. „Wir haben offen um Hilfe gebeten und erzählt, dass er uns über sämtliche Kanäle belästigt, dass er Genitalbilder von sich verschickt, selbst Nacktbilder einfordert und Vorteile und gratis Training für Sex mit ihm verspricht. Aber keiner der Trainer hier hat darauf reagiert“, erzählt Verena.

Einer sagt, er könne den Ärger der Frauen verstehen, wolle aber nicht involviert werden. Ein anderer, dass das ja nicht seine Aufgabe sei. Zu Verena sagt er außerdem, sie habe ja selbst Schuld, sie habe S. schließlich auch geschrieben. Und Michaela habe sich ja aus freien Stücken auf ihn eingelassen.

Verena kann es nicht fassen. Doch sie gibt nicht auf. Und handelt selbst. Sie veröffentlicht einen Post auf ihrer Facebook-Seite, in dem sie all das anprangert, was sie erlebt und von Teamkameradinnen mitbekommen hat.

Die Reaktionen sind so überwältigend wie vielfältig. „Das hat ordentlich was ausgelöst in der BJJ-Szene“, meint Verena. Zum einen bekommt sie viel Zuspruch, von Trainern und anderen Kämpferinnen. Vor allem die in der Sportart BJJ wenigen Frauen loben sie für ihren Mut, den Kampf gegen die Belästigung aufzunehmen und die Missstände aufzudecken.

Zahlreiche (!) Frauen melden sich bei Verena, die ähnliches erlebt haben. Auch in London habe S. einen großen Teil der in seinem Team aktiven Mädchen angeschrieben oder angemacht. Ebenso wie Kämpferinnen des deutschen Bundeskaders. „Ich mache gerade den ganzen Tag nichts anderes, als mit anderen jungen Frauen Geschichten zu lesen und zu erzählen“, sagt Verena. Das koste viel Zeit – und Kraft.

In den Geschichten geht es allerdings auch um andere Trainer und andere Blackbelts. Das Problem hat offenbar ein viel größeres Ausmaß, als Verena geglaubt hat: „Ich habe ja erst gedacht, ich wäre die Einzige. Aber es sind so viele, denen das passiert! Viele haben mir aber auch geschrieben, dass sie sich nie getraut hätten, das irgendwem zu sagen.“

Eine Frau schrieb ihr, sie sei belästigt worden und habe sehr darunter gelitten. Damit sie nicht noch einmal zum Opfer wird, habe sie mit dem Kampfsport angefangen. Und nun hört sie von den Geschichten von S.

Eine andere hat mit dem Training komplett aufgehört, weil sie Angst vor S. hatte.

Doch Verena bekommt auch Gegenwind aus der Szene. Das mache der doch nicht, heißt es. Ein Trainer meint, es sei ja noch nichts passiert, also, nichts physisches. Verena ist entsetzt. Muss denn erst was passieren?

Sie veröffentlicht einen zweiten Post, in dem sie ihrem Ärger über diese Reaktionen Luft macht.

„Für manche bin ich ein Nestbeschmutzer. Eine Lügnerin. Die sagen, ich soll den Mund halten“, berichtet Verena enttäuscht und auch wütend: „Plötzlich interessiert sich keiner mehr für dich.“

Ein Trainer ist sogar sauer, weil sie in ihrem Post keinen Namen genannt hat. Das hätte alle BJJ-Trainer unter Generalverdacht gestellt, meint er.

Das Problem sollte sich bald lösen: Eine Freundin von Verena teilt ihren zweiten Post knapp Wochen später – und nennt auch den Namen von S. Das sorgte nochmals für einen großen Knall. Auf dem Internet-Blog „Kampfkunst-board.info“ ist durch Verenas Initiative eine Diskussion entstanden, in der der Fall seither ausführlich und auch kontrovers debattiert wird. Einige verurteilen das Verhalten von S. scharf, einige finden es nicht so schlimm. Es zeigen sich aber auch einige wenig überrascht und berichten von anderen Fällen, von anderen Blackbelts und Seminarleitern.

„Mein Post sollte ein Denkanstoß sein. Und auch Druck auf mein Team ausüben“, erklärt Verena. Damit was passiert. Und sie hat einiges erreicht, auch wenn es noch nicht das ist, was sie wollte.

S. ist inzwischen von zahlreichen Veranstaltungen, unter anderem mehreren sogenannten „Summercamps“, in Deutschland ausgeladen worden und wurde – unmittelbar nach einem Schreiben von Verena – von der Akademie in London suspendiert, bei der er als Trainer arbeitet.

Frauen ausgegrenzt

Ein guter Schritt, natürlich. Doch das größere Problem ist für Verena ein anderes: Das fehlende Bekenntnis seitens S. selbst und des Teams in Deutschland. Auch auf Nachfrage dieser Zeitung war von S. und vom Team keine Stellungnahme zu bekommen.

Außerdem beklagt Verena die fehlende Unterstützung der Trainer. „Auch wenn es ein Sport geprägt von Selbstbewusstsein ist, müssen Frauen Vorurteile und teilweise Erniedrigung erleben – und es wird akzeptiert“, kritisiert sie: „Frauen verlieren den Spaß am Sport oder machen sich lieber klein, da sie bei Gegenwehr gegen sexuelle Erniedrigung mit Ausgrenzung und Nachteilen zu rechnen haben.“

Sie prangert an, dass man oft noch immer nicht für voll genommen wird, wenn man sexuelle Belästigung meldet, und sogar als Lügnerin bezeichnet wird: „Das Geschehene wurde teilweise einfach nur heruntergespielt, weil der Täter in der Szene eine Berühmtheit ist. Der Schutz der Sportler muss für einen Trainer zu jedem Zeitpunkt im Vordergrund stehen – und nicht das Prestige, einen Weltmeister in seiner Halle zu haben.“

Verena hat ihr Team mittlerweile verlassen, genau wie Michaela und einige weitere Frauen. Ihren Sport betreibt sie aber weiter.

Aufgeben ist keine Option für die Oldenburgerin, denn sie ist eine Kämpferin.

*Name von der Redaktion geändert.

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Mathias Freese
Redakteur
Sportredaktion

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