Kiel /Oldenburg Ein Laufbahn-Berater hätte die Karriere von Handballprofi Ole Rahmel nicht besser planen können. Als Jugendlicher im Alter von 14 Jahren war das Talent vom TuS Norderney (er wuchs auf der Insel auf) zum OHV Aurich gewechselt, zwei Jahre später ins Handballinternat des ruhmreichen VfL Gummersbach. Beim zwölfmaligen deutschen Meister durchlief Rahmel erst die A-Jugend und die zweite Mannschaft, bevor er 2007 erstmals für Gummersbach in der Bundesliga auflief und beim VfL bis 2011 drei Europapokal-Triumphe erleben durfte. Über die nicht minder erfolgreichen Stationen TuSEM Essen (2011 - 2013) und HC Erlangen (2013 - 2017) folgte vor zwei Jahren schließlich der Wechsel zum deutschen Rekordmeister THW Kiel.

„Das waren natürlich ganz unterschiedliche Phasen in meinem Handballer-Leben, die sich alle nicht eins zu eins vergleichen lassen. Gefallen hat es mir überall“, sagt der heute 29-jährige Rechtsaußen, der am 26. April 2015 in Trier in der deutschen Männer-Nationalmannschaft debütierte (5 Länderspiele/10 Tore).

Dass der vorerst letzte Schritt zum THW Kiel der bislang größte war, weiß der in Achim bei Bremen geborene junge Mann nur zu genau. „Der THW ist für jeden deutschen Handballer das Nonplusultra. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich allen im Verein in den ersten Wochen im Sommer 2017 mit Ehrfurcht und Respekt begegnet bin“, erzählt er.

Alles sei anders gewesen. Der damalige Chefcoach Alfred Gislason ein Welttrainer, die Mitspieler auf Weltklasse-Niveau, das ganze Umfeld professionell, alles was man zum Spielen braucht, sei auf den Punkt genau organisiert gewesen. „Das war schon ein ganz besonderes Gefühl, in diesem Club zu sein“, sagt Rahmel und beeilt sich zu betonen: „Und das ist heute immer noch so. Vor 10 285 Zuschauern in die Kieler Arena einzulaufen und damit ein Teil dieser großartiger Atmosphäre zu sein, erzeugt bei mir jedes Mal auf ein Neues eine Gänsehaut.“

Problematischer Start

Allerdings: In seinem ersten Jahr an der Kieler Förde gab es für Rahmel und sein Team nicht viel zu bejubeln. „Das war ein ganz, ganz schlechtes Jahr für den THW. Die Mannschaft war im Umbruch, die Altersstruktur geriet mächtig durcheinander“, will der Rechtsaußen die Saison 2017/18 lieber verdrängen. Kein Wunder, in Kiel – ähnlich wie im Fußball beim FC Bayern – zählen nur Titel. Am Ende der Saison landeten die „Zebras“ auf Platz fünf in der Liga, eine Endplatzierung, die man in Kiel seit 20 Jahren nicht kannte. Der THW hinkte seinem Anspruch meilenweit hinterher. „Nein, das war nichts“, sagt Rahmel.

Nur ein Jahr später, am Ende der Saison 2018/19, war der THW wieder auf Kurs, wurde Vizemeister, gewann den DHB-Pokal und den europäischen EHF-Pokal. Und auch in dieser Spielzeit läuft es beim 20-maligen deutschen Titelträger. „Wir sind in drei Wettbewerben super unterwegs“, verweist Rahmel nicht ohne Stolz besonders auf die bislang starken Auftritte in der Champions-League. Er selbst konnte mit etlichen Treffern zu den Kieler Erfolgen beitragen, auch wenn Rahmel auf seiner Position im schwedischen Weltklasse-Rechtsaußen und Torjäger Niclas Ekberg einen absoluten Ausnahme-Handballer vor der Nase hat.

„Das ist kein Problem. Ecki und ich verstehen uns gut. Er zählt auf seiner Position zu den Top 3 in der Welt. Wir teilen uns das Zimmer und ergänzen uns bestens auf Rechtsaußen“, sagt Rahmel. Das ist auch zwingend erforderlich, haben die Kieler national und international ein Mammutprogramm zu absolvieren. Da benötigt der neue Cheftrainer Filip Jicha jeden Spieler – und vor allem ein funktionierendes Team. „Alle drei, vier Tage steht ein Spiel an. Am Ende der Saison stehen mehr als 60 Pflichtbegegnungen auf dem Zettel eines jeden Spielers“, kennt Rahmel seine Arbeitsplatzbeschreibung nur zu gut.

Ganz oben auf dem Anforderungsprofil steht in dieser Saison zudem der nationale Titelgewinn. Denn den feierte der THW zuletzt 2015, und auch Rahmel jagt dieser Meistertrophäe immer noch hinterher. „Den Traum von der deutschen Meisterschaft habe ich noch nicht aufgegeben. Dieser Titel fehlt mir noch. Vielleicht klappt es ja in diesem Jahr“, überlegt der gebürtiger Achimer. Sein Vertrag beim THW läuft im Sommer 2020 aus, was danach kommt, weiß er nach eigenen Worten noch nicht.

Regelmäßig in Heimat

Als die NWZ Rahmel in den vergangenen Tagen sprach, erholte er sich gerade ein paar Tage mit seiner Freundin in Südfrankreich. Die spielfreie Zeit mit dem THW aufgrund der Länderspielpause nutzte er zum Krafttanken. Die nächste Partie steht erst an diesem Donnerstag auf dem Spielplan, wenn die Kieler im Bundesliga-Spitzenspiel den Dritten MT Melsungen empfangen. Bei den Nordhessen spielt auf Rechtsaußen der deutsche Nationalspieler Tobias Reichmann. Dessen Name wird immer wieder mit dem THW in Verbindung gebracht. „Damit kann ich leben. Kiel ist ein Spitzenclub und ist immer daran interessiert, sich optimal aufzustellen. Dass dann Kandidaten gehandelt werden, gehört halt zum Geschäft“, bleibt Rahmel mit der Erfahrung aus mehr als 300 Bundesliga- und rund 50 Europapokaleinsätzen gelassen.

Entspannung vom Handball-Alltag findet der 1,90-Meter-Mann aber auch in der alten Heimat. Ein-, zweimal im Jahr geht es auf die Insel nach Norderney, und immer wenn es die Zeit erlaubt mit seinem Vater auf die Jagd. Das Revier liegt unweit seines Geburtsortes Achim bei Posthausen vor den Toren Bremens. Jetzt ist die Zeit der Drückjagd. Viel lieber würde Ole Rahmel aber mit seinem THW die Gegner in die Enge treiben und sich am Saisonende deutscher Meister nennen dürfen.

Otto-Ulrich Bals Autor
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