Antholz (dpa) - Umgeben von mehr als zehn Fernsehkameras und umringt unzähligen Journalisten saß Alexander Loginow angespannt und mit ernster Miene bei der Siegerpressekonferenz - und wirkte auf die Betrachter wie ein Weltmeister am falschen Ort zur falschen Zeit.

Als ein Champion, den außer den Russen keiner wollte. Denn auch dreieinhalb Jahre nach seiner abgesessener EPO-Dopingsperre sind die Zweifel an dem 28-Jährigen, der am Samstag bei der Biathlon-WM im italienischen Antholz überraschend Gold im Sprint holte und alle Favoriten deklassierte, nicht verflogen.

"Da ist ein gewisses Geschmäckle dabei, weil er schon mal wegen EPO-Dopings gesperrt war und jetzt wieder auf einem Niveau ist, wie zu Zeiten des EPO-Missbrauches", sagte Olympiasieger Arnd Peiffer, der wie Loginow fehlerfrei geblieben war, am Ende als Siebter aber 39,7 Sekunden Rückstand hatte. Andererseits habe Loginow seine Sperre abgesessen und es gelte die Unschuldsvermutung, "auch wenn das nicht immer leicht fällt. Ich hoffe, dass er sauber ist", sagte Peiffer.

Stunden vor dem Start war Olympiasieger Jewgeni Ustjugow, 2014 Staffel-Schlussläufer der Russen, vom Biathlon-Weltverband des Dopings für schuldig befunden worden. Damit könnten Erik Lesser, Daniel Böhm, Peiffer und Simon Schempp nachträglich Olympia-Gold bekommen. "Wenn ich per Post die Goldmedaille zugeschickt bekomme, ändert das für mein Leben gar nichts. Auch wenn das ein Olympiasieg wäre, wäre das mit negativen Erinnerungen verknüpft", sagte Peiffer.

Vor zwei Jahren hatte es bei der WM in Hochfilzen um Loginow einen Skandal gegeben, nachdem Frankreichs Superstar Martin Fourcade aus Protest bei der Siegerehrung für die Mixed-Staffel, bei der er im Team Silber hinter Deutschland gewann, das Podest verließ. Russland mit dem Ex-Doper Loginow war Dritter geworden und hatte Fourcade, der Loginows Start angeprangert hatte, zuvor den Handschlag verweigert.

Diesmal verzichtete Fourcade auf Podest-Proteste. Loginow sowie der Zweite Quentin Fillon Maillet (1 Fehler/+ 6,5 Sekunden) und der Dritte Fourcade (0/+ 19,5 Sekunden) gaben sich die Hand, gratulierten sich. Angesprochen auf den Überraschungssieger, der in dieser Saison zwar solide war, aber nie mit ganz starken Laufleistungen aufwartete, hielt sich Fourcade diesmal zurück: "Wenn es um Doping geht, erwarten immer alle, dass ich meine Stimme erhebe. Alle wissen, wie wichtig dieses Thema für mich ist und wie sehr es mich schmerzt. Wir haben hier eine wundervolle WM in Antholz und sollten uns auf das Sportliche konzentrieren."

Aus dem norwegischen Lager um den geschlagenen Top-Favoriten Johannes Thingnes Bö (5.) und seinem Bruder Tarjei (4.) kamen indes Vorwürfe auf. "Loginow hat es nicht verdient, hier zu sein", sagte Tarjei Bö. Der ungeliebte Weltmeister, der mit den Medien nicht spricht und nur bei der Pressekonferenz Auskunft gab, blieb aber cool. "Ich bin offen für Gespräche, ich spreche mit allen, über alles, zu jeder Zeit. Meine Frau und ich haben uns vor kurzem eine größere Wohnung gekauft. Ich lade alle ein, damit sie meine tägliche Routine verfolgen können und sehen, dass ich sauber bin", sagte Loginow. Er sei in dieser Saison bis zu 16 Mal getestet worden.

Angesichts des Loginow-Sieges geriet der Rest fast in den Hintergrund. So lief WM-Debütant Philipp Horn auf einen starken achten Rang und hat wie Peiffer für die Verfolgung am Sonntag eine tolle Ausgangsposition. Ex-Weltmeister Benedikt Doll (14.) und Johannes Kühn (40.) waren indes nicht zufrieden.

"Es ist unglaublich, was die Russen gemacht haben", sagte IBU-Generalsekretär Niklas Carlsson dem ZDF mit Blick auf die Ereignisse bei Olympia in Sotschi vor sechs Jahren. Nach dem Urteil des Weltverbandes rückt der Gewinn von Olympia-Gold mit jahrelanger Verspätung für Lesser, Böhm, Peiffer und Schempp immer näher. Denn Ustjugow wurde des Dopings für schuldig befunden, wie die IBU am Samstag mitteilte. Sämtliche Ergebnisse des 34-Jährigen vom 27. August 2013 bis zum Ende der Weltcupsaison 2013/14 wurden annulliert.

Weil der längst nicht mehr aktive Ustjugow zum Sieg-Quartett der Russen bei den Winterspielen 2014 gehörte, disqualifizierte ihn die IBU nachträglich. Ustjugow hat jetzt 21 Tage Zeit, um beim Internationalen Sportgerichtshof Cas Einspruch einzulegen. "Ich werde bis zum Ende gehen. (...) ", sagte Ustjugow, der Doping stets bestritten hat.

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