Manchmal würde ich Erntedank lieber im Frühsommer feiern, wenn die Rosen prachtvoll blühen. Wenn die ersten Erdbeeren und Radieschen gekostet werden können. Wenn das Getreide auf den Feldern zu grünen beginnt – ja, dann ist für mich der Dank für diese wunderbare Schöpfung ein Leichtes.

Inzwischen werden solche Bilder empfindlich gestört: von ausgetrockneten Böden, von Überschwemmungen und zerstörerischen Stürmen, von Bienen- und Vogelsterben, von brennenden Regenwäldern, von mehr Hitze und drohendem Untergang von Inseln. Angesichts dessen können wir nicht mehr wegschauen. Wie aber können wir dann noch Erntedank feiern?

Indem wir einen konsequenten Perspektivwechsel vornehmen, so wie ihn die afrikanische Theologin, Musa Dube aus Botsuana fordert, dass nämlich der Mensch aufhören muss, sich als Herrscher der Erde zu betrachten, weil er dadurch vor allem zum Ausbeuter und auch zum Zerstörer der Erde geworden ist.

Ganz konkret lädt sie dazu ein, auf die Geräusche einer Landschaft oder eines Flusses zu hören, weil in ihnen und durch sie Gott spricht. Musa Dube ist der festen Überzeugung, dass wir dann der Natur ihre eigene Würde zurückgeben, sie wieder als dem Menschen gleichwertiges Schöpfungswerk Gottes betrachten und daher sorgfältig mit ihr umgehen werden. In allem begegnet uns Gott selbst. Als Abbild Gottes haben wir den Auftrag, die Erde zu heiligen, weil wir von Gott geheiligt sind, so die Theologin.

Das Erntedankfest nimmt in seinem Ursprung diese Haltung auf. Die Erde gehört uns nicht, wir besitzen sie nicht! Wir sind Teil dieser Erde. Wenn wir für ihr Überleben sorgen, werden wir überleben. Erntedank weist uns auf unsere Beziehung zur Erde und zu Gott hin, und Erntedank stellt unseren Machbarkeitswahn infrage, unsere stete Forderung nach Mehr, nach Überfluss. Erntedank erinnert uns gleichzeitig an unsere vielfältigen Möglichkeiten, die uns in unserem konkreten und politischen Engagement für das Klima, für die Gerechtigkeit und für die Humanität stärken, damit alle Menschen ein Leben in Fülle haben.

Das ist die Motivation am Erntedankfest 2019.

Susanne Duesmann ist Pastoralreferentin der Katholischen Kirchengemeinde St. Josef in Oldenburg

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