BERLIN Fast 20 Jahre nach der Wiedervereinigung hat Thomas Köhler (70) als erster Spitzenfunktionär das Staatsdoping im DDR-Sport zugegeben und selbst Doping von 16-Jährigen eingestanden. In seinem Buch „Zwei Seiten der Medaille“ (Verlag Das Neue Berlin), das der Nachrichtenagentur dpa vorliegt und am Donnerstag im Handel erscheint, bricht der frühere zweite Mann des DDR-Sports sein Schweigen und unterstellt auch Topathleten auf insgesamt 232 Seiten eine Mitwisserschaft.

„Alle Mittel wurden im Einvernehmen mit dem Sportler verabreicht“, schreibt Köhler. Ehemalige DDR-Athleten reagierten empört. Ines Geipel, Ex-Sprinterin und selbst Dopingopfer, schimpfte: „Das Buch enthält absolut nichts Neues. Vor allem ist es eine Lüge und eine Verklärung seiner Verantwortung im DDR-Sport.“ Ex-Radsportler Uwe Trömer erklärte: „Ich hätte den Hut vor ihm gezogen, wenn er all die Scheiße, die da gelaufen ist, benannt hätte.“

Weil Anfang der 70er Jahre die Chancengleichheit für DDR-Sportler im Ost-West-Vergleich nicht mehr gewährleistet gewesen sei, „entschied sich die damalige Sportleitung für den Einsatz ausgewählter anaboler Substanzen in einer Reihe von Sportarten“, schreibt Rodel-Olympiasieger Köhler, zudem später Vizepräsident des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB).

Die DDR-Verantwortlichen hätten sich für eine „sachgerechte und medizinisch kontrollierte Anwendung ausgewählter Dopingmittel“ entschieden. Laut Köhler waren 1989 in den DDR-Sportclubs 90 Fachärzte tätig. Dazu kamen Verbandsärzte in sämtlichen Sportarten, Mediziner an den Sportschulen und Forschungsärzte in Leipzig und Kreischa. Köhler: „Die Vergabe von Medikamenten erfolgte unter strengster Beachtung der ärztlichen Sorgfaltspflicht .  .  .Schwere gesundheitliche Zwischenfälle oder sogar Todesfälle, die in anderen Ländern durchaus vorkamen, passierten in der DDR nicht“, so Köhler, obwohl er bei den DDR-Dopingprozessen zwischen 1998 und 2000 von vielen geschädigten Sportlern widerlegt wurde.

Der Sportfunktionär räumt auch ein, dass Minderjährige gedopt wurden. „Wenn Sportler bereits ab dem 16. Lebensjahr beteiligt wurden, geschah das vor allem unter Beachtung ihres biologischen Reifegrades.“ Dies sei vor allem im Schwimmen passiert. „Kinder-Doping war in der DDR offiziell verboten. 16-Jährige sind keine Kinder, sondern Jugendliche“, erklärte er der Nachrichtenagentur dpa.

Inzwischen habe sich gezeigt, dass es Verstöße gegen diese Festlegungen gab. „Informationen, die darauf hindeuten, dass Anabolika an Spartakiadesportler vergeben wurden, überraschten mich. Über derartige Verletzungen unserer Nachwuchskonzepte hatte ich keine Kenntnisse“, schreibt Köhler weiter.

war Thomas Köhler ein gefeierter Athlet, Cheftrainer und Spitzenfunktionär des DDR-Sports. Zweimal war der Zwickauer Rennrodel-Olympiasieger, viermal holte er WM-Gold. Lange galt er als „Kronprinz“ von DDR-Sportchef Manfred Ewald. Doch mit der Wende kam das Ende – Köhler spielte im gesamtdeutschen Sport keine Rolle mehr. Ende Juni wurde er 70 Jahre alt, heute lebt er als Rentner in Berlin.

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