Westerstede /Neuenburg Irgendwo hier muss das Meer gewesen sein. Wo sich jetzt eine saftig grüne Wiese sanft absenkt. Wo das Getreide in die Höhe schießt. Wo dazwischen ein junger Kiefernwald Schatten spendet. Am Horizont – im Westen, Süden, Osten – markieren Birken und Torfbruchkanten die Grenzen des riesigen Sees. Am ehemaligen Nordufer führt ein Graben, die Bullenmeersbäke, das letzte Wasser, das hier noch fließt – durch Neuenburg ins Zeteler Tief.

Das Große Bullenmeer ist weg. Den See, einer der größten in der Region, der möglicherweise fast 10 000 Jahre lang die Gegend prägte, gibt es nicht mehr. Vor rund 100 Jahren abgelassen, ausgelaufen, ausgetrocknet. Und fast vergessen.

Fast. Denn wo das Große Bullenmeer genau lag, wie es ungefähr ausgesehen hat und wohin es verschwunden ist, das kann die Nachwelt jetzt erfahren. Zwei Schüler aus dem Westersteder Stadtteil Ocholt habe es für den Wettbewerb „Jugend forscht“ herausgefunden, ein Ex-Lehrer hat ihnen dabei geholfen.

Alte Karten studiert

„Wo ist das Meer geblieben?“, fragen sich Malte Hemmieoltmanns (13) und Lasse Riegel (14). Sie studieren alte und neue Karten, befragen Experten, durchforsten die Literatur, suchen Spuren im Gelände. Und finden mehr, als sie erwartet haben.

„Wir sind sehr naturverbunden“, erklären Malte und Lasse. Ehrgeizig und zielstrebig sind die beiden auch. Und sie haben einen unermüdlichen Förderer: Uwe Riegel, Vater von Lasse, 72 Jahre, ehemaliger Gymnasiallehrer in Westerstede, für Physik und Biologie. „Die Themen ergeben sich von selbst, wenn man raus in die Natur geht“, sagt Vater Riegel. Lasses älterer Bruder erforscht Moore.

Durch Ocholt fließt ein kleiner Fluss: die Gießelhorster Bäke. Was das mit dem Großen Bullenmeer zu tun hat? Nun, Malte und Lasse untersuchen diese Bäke einige Jahre lang, kartieren den Bachverlauf, finden alte Mäander (Flussschleifen) wieder, entdecken zwei Quellen, die nirgends verzeichnet sind. Ergebnis des Projekts: Die Gießelhorster Bäke ist ein natürlicher Fluss.

Eines Tages, bei der Erforschung der Bäke, stoßen die die beiden Jungs auf eine alte Karte „des größten Theils vom Herzogthum Oldenburg“. Der preußische General und Kartograf Ludwig von Le Coq hat sie 1805 angefertigt. Sie zeigt den Nordwesten von der Weser bis Ostfriesland, wie er damals ausgesehen hat. Viele Moore, wenige Orte, kaum Straßen. Besonders auffällig ist ein großer See südwestlich von Neuenburg im heutigen Landkreis Friesland, unweit der heutigen Kreisgrenzen zum Ammerland und zu Leer – das Große Bullenmeer.

Die Schüler sind verblüfft. Sie kennen die Gegend gut. „Wir haben uns gewundert, dass es nicht mehr da ist“, erzählt Malte. „Es ist ziemlich groß. Das müsste man doch eigentlich sehen.“ Die abenteuerliche Suche beginnt.

Malte und Lasse kennen sich seit der Grundschule, verbringen viel Zeit miteinander. Auch wenn der eine jetzt aufs Gymnasium geht, der andere auf die Oberschule. Der eine Schießen als Hobby angibt, der andere Crosstraining. Forschung verbindet.

Wie findet man ein Meer, das es nicht gibt? Malte und Lasse gehen zum Katasteramt Westerstede, vergleichen Karten. Durch Le Coq wissen sie, wo sie ungefähr suchen müssen. Um 1800 ist das Große Bullenmeer noch unberührt. Doch es liegt mitten im Moor. 100 Jahre später beginnt der Torfabbau mit Maschinen. Die Landschaft verändert sich drastisch, wird später eingeebnet. Noch lebende Zeitzeugen? Kann man eher abhaken.

Also weiter. Der pensionierte Geografielehrer Adolf Taute aus Augustfehn hat die Flugsand- und Dünengebiete im Nordwesten untersucht. Er erklärt, wie das Große Bullenmeer wahrscheinlich entstanden ist – durch Windausblasungen in der sandigen Heidelandschaft vor Jahrtausenden.

Nächste Station. Hartwig Ohlenbusch, Heimatverein Neuenburg, hilft mit Literatur und Karten, beteiligt sich bei der Spurensuche im Gelände. „Bei dem Gespräch mit Herrn Ohlenbusch erfuhren wir folgendes: Das Große Bullenmeer war ein flacher, großer See mit sandigem Untergrund mitten im Moor“, notieren die Jungforscher: 1200 Meter lang, 725 Meter breit. Wassertiefe: 50 Zentimeter bis vier Meter. Fläche: 36 Hektar.

Ausgerüstet mit zwei Karten von 1898 und 1979 starten Malte und Lasse zusammen mit Vater Riegel schließlich ihre Suche bei Astederfeld. In die jüngere Karte haben sie die Umrisse des Meeres hineinkopiert.

Sie folgen der tief eingeschnittenen Bullenmeersbäke. Rechts ein flacher Wall, hier könnte das Holzschott gestanden haben, mit dem das Wasser gestaut wurde. Vorne, wo der Kiefernwald wächst, müsste die Landzunge gewesen sein, die in das Bullenmeer hineinragte. Hinter dem Wald fällt die Weide zu einer Senke ab. Unten Sumpf, eingezäunt, damit die Kühe nicht versinken. Der tiefste Punkt des Meeres.

Bullen haben dort aber früher nicht gebadet. Uwe Riegel lacht. Zu tief im Moor. Der Name kommt vom plattdeutschen Wort „bulgen“ – Wellen, die sich auftürmten (bulgten).

Aber wann ist das Meer verschwunden und warum? Ein Gemälde des Malers Heinrich Bley und eine Zeitungsnotiz über Schlittschuhlaufen auf dem See sprechen dafür, dass es im Jahr 1912 noch da ist. Ein Zeitungsartikel von 1915 besagt, dass das Bullenmeer vor einigen Jahren leer lief. Irgendwann dazwischen muss es also passiert sein. Auf Karten wird das Gebiet ab 1917 als „ehemaliges Großes Bullenmeer“ bezeichnet.

See fließt ab

Eine Zufallsbegegnung hilft bei der Lösung des Rätsels. „Als wir zum dritten Mal da waren, kam ein Trecker und ein Bauer stieg aus“, erzählt Malte. Der Mann entpuppt sich als Schwiegerenkel des Landwirts Johann Hinrich Eilers, der das Bullenmeer 1906 gekauft hatte. Der Schwiegerenkel liefert weitere Puzzleteile. Malte und Lasse vermuten, dass Landwirt Eilers den See kontrolliert über die Bullenmeersbäke ablaufen ließ, um Flächen für die Weidewirtschaft zu gewinnen. Bäke vertieft, Holzschott entfernt – weg ist das Meer.

Malte und Lasse wünschen sich ein Schild an der Radroute „Moorerlebnis Südliches Friesland“, die vorbeiführt. Das hätte der große See verdient, meinen sie. „Es gibt keinen Hinweis auf das Bullenmeer“, sagt Malte enttäuscht. „Es wäre sicher eine Touristenattraktion, wenn es noch da wäre“, seufzt Uwe Riegel.

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Marco Seng Redakteur / Reportage-Redaktion
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