Oldenburg „Ihr bekommt eine große Summe Geld, in diesem Fall Spielgeld“, erklärt Lehrerin Birgit Lau (33) ihren Schülern.

„Oooch...“, erwidert die Klasse in gut gespielter Empörung.

„Ihr könnt Euch überlegen, ob Ihr das Geld behaltet oder einem Unbekannten abgebt“, sagt Lau.

„Wieso gibt man denn überhaupt Geld ab?“, will ein Mädchen wissen.

Gute Frage. Aufschreiben, antwortet die Lehrerin. „Wir klären das nach den vier Spielrunden.“

Die Schüler der Gruppe A überlegen kurz, zählen die falschen Fünfer ab, stecken sie in Umschläge. Bis zu 100 Euro darf jeder Spieler von A an einen Spieler der Gruppe B übergeben. Oder nicht.

Birgit Lau erklärt Wirtschaftsethik. Und den „Homo oeconomicus“, einen ausschließlich wirtschaftlich denkenden Menschen.

Montagnachmittag im Alten Gymnasium Oldenburg (AGO). Auf dem Stundenplan steht der Wahlpflichtkurs Wirtschaftslehre in der achten Klasse. 15 Schüler haben sich angemeldet: 14 Mädchen, ein Junge.

Ein typischer Klassenraum: Graues Linoleum, graue Stühle, grüne Tafel. Über eine Leinwand flimmern Tier- und Landschaftsbilder.

Das Unterrichtsfach ist nicht typisch für niedersächsische Schulen. Wirtschaft steht selten auf dem Stundeplan.

Prüfungsfach seit 1995

Am Alten Gymnasium gehört Wirtschaft zu den Schwerpunkten des Unterrichts. Vor 20 Jahren wurde das Fach Wirtschaftslehre als Prüfungsfach in der Oberstufe eingeführt, vor zehn Jahren als Wahlpflichtfach in der Mittelstufe. „Das Alte Gymnasium Oldenburg ging einen für Niedersachsen einzigartigen Weg“, sagt Schulleiter Frank Marschhausen.

Seit 2005 kooperiert die Schule mit dem Institut für Ökonomische Bildung (IÖB) in Oldenburg, das maßgeblich an der Entwicklung des Wirtschaftsunterrichts am AGO beteiligt ist.

„Ökonomische Bildung im allgemein bildenden Schulsystem ist weder als vorberufliche Bildung zu verstehen noch als verkleinerte Volks- und Betriebswirtschaftslehre zu betrachten. Sie ist integraler Bestandteil von Allgemeinbildung!“, ist IÖB-Direktor Hans Kaminski überzeugt.

Zurück in den Unterricht. Die Gruppe B zählt das Spielgeld. In einem Umschlag stecken nur fünf Euro, in einem 45 Euro, der Rest liegt dazwischen. Die Schüler rätseln über den Sinn des Spiels: nichts geben oder 100 Euro, hat doch keine Auswirkung.

Birgit Lau läutet Runde zwei ein. Der Geldgeber steckt wieder eine Summe in den Umschlag. Lehnt der Adressat ab, bekommen beide nichts. Jetzt schwankt die Summe zwischen null und 95 Euro.

Die Mädchen lachen, tuscheln, scherzen. Viele nehmen zögernd an. „Nein, ich will 50“, sagt eine deutlich, die nur 40 Euro bekommen hat.

„Ultimatum-Spiel“ heiße das, erklärt die Lehrerin später. „Gerechtigkeit ist wichtiger als Profit. Lieber selbst leer ausgehen und der olle Geizkragen bekommt nichts.“ Wieder eine Lektion in Sachen Wirtschaft gelernt.

„Die meisten Schülerinnen und Schüler in Deutschland lernen kaum etwas oder gar nichts über die wesentlichen Mechanismen und Institutionen einer Marktwirtschaft – eine empfindliche Lücke in der Allgemeinbildung“, kritisiert Schulleiter Marschhausen. Dabei hätten viele Schüler einen Nebenjob. „E-Commerce und Online-Handel sind für die junge Generation eine Selbstverständlichkeit.“

Das sieht IÖB-Direktor Kaminski ähnlich. Die Komplexität moderner Wirtschaftsgesellschaften erschließe sich nicht allein aus Alltagserfahrungen. „Sie ist ohne ökonomische Grundkenntnisse nicht durchschaubar.“

In Runde drei dürfen sich die Schüler einen Spielpartner aussuchen, dem sie etwas von ihren 100 Euro abgeben – oder nicht. In Runde vier haben sie das Geld – rein theoretisch – mit einem Ferienjob verdient.

In Runde drei geht eine Menge Spielgeld über die Schultische. „Weil es meine beste Freundin ist“, sagt ein Mädchen. „Weil man den anderen kennt.“

In Runde vier ist es mit der Geberlaune vorbei. „Das habe ich doch hart erarbeitet in den Ferien“, rechtfertigt sich eine Schülerin. „Was abgeben, wenn man das Geld selbst verdient hat, ist großzügig“, stellt eine andere fest.

Lehrerin Birgit Lau ist von den Ergebnissen des Experiments nicht überrascht. „Für mich war es aber auch neu und spannend.“

Noch schnell die Hausaufgaben verteilt (Gedanken machen über fairen Handel), das Gemurre darüber ertragen („Warum geben Sie soviel auf. Wir sind doch freiwillig hier.“), dann ist die Doppelstunde Wirtschaftslehre vorbei.

Karl-Josef Burkard, ehemaliger Lehrer am AGO, erinnert sich an die Anfänge des Wirtschaftsunterrichts. An den Februar 1993 etwa, als Hans Kaminski sein Memorandum „Ökonomische Bildung und Gymnasium“ vorstellte. An die Serie von regionalen Fortbildungsveranstaltungen für Lehrkräfte, die dem folgte. An die anfängliche Skepsis der Politik, an die Probleme in späteren Jahren durch die Kürzung von Stundentafeln. An Kopier- und Klebearbeit für dicke Materialienbände, die das nicht vorhandene Schulbuch ersetzten.

„Freilich tat solch mühevolle Kleinarbeit unserem Enthusiasmus keinen Abbruch, denn unsere Mühen wurden reichlich belohnt durch engagierte Schüler“, freut sich der Ex-Lehrer heute.

Burkard hat vor einigen Jahren geholfen, zwei fachlich versierte Lehrer für den Wirtschaftsunterricht am AGO zu gewinnen: Birgit Lau und Ludger Hillmann (59). Lau kümmert sich um die Mittelstufe. Hillmann führt Oberstufen-Schüler zum Abitur.

Praxisnaher Unterricht

Montagnachmittag im Lehrerzimmer. Ludger Hillmann schaut auf die Uhr. Er muss nach Vechta, hat an der Uni einen Lehrauftrag. Wirtschaftslehre, natürlich.

Die Schüler des AGO seien auf das Berufsleben gut vorbereitet, weil sie mit Geld umgehen könnten, sagt er. Es gehe im Unterricht nicht nur um Theorie, sondern um Praxiskontakte und Planspiele. „In der Oberstufe gibt es einen Schüler, der ist schon dabei ein Unternehmen zu gründen“, erzählt Hillmann. „Wir arbeiten viel praktischer als anderswo“, fügt Lau hinzu.

Verbraucherschützer berichten im Unterricht über Verschuldung, Steuerberater kommen in die Schule, Existenzgründer auch. Die Schüler machen sich in Unternehmen schlau. Einmal reiste eine Klasse nach China.

Schulleiter Marschhausen formuliert es am Ende so: „Nur derjenige, der über die notwendigen ökonomischen Kenntnisse verfügt, ist nicht dazu verurteilt, alles glauben zu müssen.“

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Marco Seng Redakteur / Reportage-Redaktion
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