VECHTA Anna und Lena gehen ins Kino. Auch in Vechta sind Sommerferien, und weil das Wetter zu wünschen übrig lässt, bietet das Kino einen passablen Zeitvertreib. In der Pause – es muss sich um einen Film mit Überlänge handeln – gönnen sich Anna und Lena Popcorn und eine Brezel. Allerdings interessiert sich Irene Hepner, Nachhilfelehrerin beim Studienkreis in Vechta, dabei nur für eine Frage: „Wie viel haben sie für diesen Kinoabend insgesamt bezahlt?“

Anna und Lena sind Kinder, die es gar nicht gibt. Es sind Namen in Aufgabenbüchern für Mathematik, die sich in einem Unterrichtsraum des Studienkreises auf einem runden Tisch ausbreiten. Es ist später Vormittag, vier Kinder aus Fleisch und Blut sitzen ringsum, kneten die Unterlippen, nagen an ihren Stiften, blicken angestrengt zur Decke.

Für die neunjährige Gülsüm ist es der zweite Tag hier. Auch sie schiebt die Zahlen in Gedanken übereinander: je 4,50 Euro für den Eintritt, Popcorn für 3,50 Euro, die Brezel für 2,10 Euro. Geldstücke aus Papier, die sie morgens ausgeschnitten hat, ein kleines Portemonnaie und die Finger helfen. Irene Hepner geht reihum, hockt sich neben dieses, neben jenes Kind. Bis ein Junge „14 Euro 60!“, ruft und die ganze Gruppe erlöst. „Sehr schön. Schreibt das bitte in eure Hefte“, sagt die 22-jährige Lehramtsstudentin und lächelt. Die Wand erstrahlt in sonnigem Gelb, eine grüne Palme aus Papier prangt an der Tapete und eine palmenähnliche Pflanze wächst vor sich hin. Arbeit ist es für die Kinder dennoch.

Macht der Empfehlung

Zweimal schon haben andere Kinder ihre Köpfe durch den Türspalt geschoben. Einer davon gehört Gülsüms elfjähriger Schwester Zübeyde. Sie und der zwölfjährige Mustafa haben in Räumen nebenan andere Kurse belegt und sind bereits fertig. Mit ihnen wartet ihre Mutter Asiye Ciftci. Sie hat das vierte Kind, den achtjährigen Yakup, mitgebracht. Yakup wäre gern mit seinen Geschwistern lernen gegangen, aber seine Mutter hat ihn nicht angemeldet. „Er kommt jetzt in die dritte Klasse, das braucht er noch nicht“, sagt Asiye Ciftci.

Aber warum belegen die anderen in den Sommerferien Kurse? Das haben sie in den vergangenen Jahren nicht getan. Und Asiye Ciftcis Kinder sind keine schlechten Schüler. Mustafa und Zübeyde gehen aufs Gymnasium Antonianum. Auch Gülsüm wird nach der vierten Klasse wohl eine Empfehlung fürs Gymnasium bekommen und damit jenes Schreiben, das Hoffen und Bangen besorgter Eltern nährt. Asiye Ciftcis Augen weiten sich, als sie erklären soll, wie wichtig das Papier ist. „Sehr wichtig“, sagt sie langsam, nach kurzer Pause.

„Die Lehrer schauen doch darauf – die Kinder mit der richtigen Empfehlung haben gleich Pluspunkte“, erklärt sie. Den Kindern mit einer Empfehlung nur für die Realschule haftet dagegen offenbar ein Makel an. „Dann heißt es, der hatte sowieso keine Empfehlung. Ich möchte so etwas nicht hören, wenn ich meine Kinder beim Gymnasium anmelde.“

Eltern „massiv verängstigt“

Mit dieser Sorge ist Asiye Ciftci nicht allein. „Die Eltern sind massiv verängstigt“, hat Petra Moll, Leiterin des Studienkreises in Vechta, beobachtet. Manche Eltern müssten zurückgehalten werden, damit sie ihre Kinder nicht die kompletten Ferien hindurch lernen lassen. „Die Empfehlung hängt wie ein Damoklesschwert über den Familien“, sagt auch Claudia Canisius, Gebietsleiterin beim anderen großen Anbieter Schülerhilfe!. Zahlen über den Zuwachs von Kunden mögen sowohl Moll als auch Canisius nicht nennen. „Aber Sie glauben nicht, was für ein Boom das ist“, sagt Petra Moll.

Mit Sorge blickt Peter Rörsch auf diese Entwicklung. Der Leiter des Gymnasiums Antonianum in Vechta hat auch mit Asiye Ciftci über das Thema diskutiert. Dass bereits Grundschüler systematisch in ihren Sommerferien Nachhilfeprogramme in Anspruch nehmen, nennt Rörsch eine „sehr ungesunde Entwicklung“. Die fatale Wirkung des Empfehlungsschreibens kennt er genau. „Das wird wie eine Abstrafung empfunden.“

Die Ursache für die Unsicherheit sieht er in den Reformen, denen das Schulsystem zuletzt ausgesetzt war. „Diese Unsicherheit hat sich auf die Eltern übertragen. Man vertraut der Institution Schule nicht mehr. Darum suchen sich die Eltern Hilfe außerhalb bei den Nachhilfeinstituten.“ Bei einigen Reformen seien zudem Fehler gemacht worden, etwa bei der Verkürzung des Abiturs, ohne dass der Lernstoff entsprechend entrümpelt worden sei.

Aufstieg vor Augen

Im Gegensatz zu vielen Familien aus dem Mittelstand, die den Abstieg fürchten, ist für Familie Ciftci die Aussicht aufs Weiterkommen ein Ansporn. „Die Kinder sehen jeden Morgen, wie ihr Vater früh aufsteht“, erzählt Asiye Ciftci. Derzeit fährt Pasar Ciftci Gabelstapler in Diepholz, eine ordentliche Arbeit. Womit er vorher sein Geld verdient hat, nennt Asiye Ciftci „richtige Drecksarbeit“. Die Kinder planen andere Karrieren. Mustafa möchte Anwalt werden, Zübeyde Lehrerin und Yakup Polizist. Gülsüm flüstert: „Ich will bei einer Bank arbeiten.“ Sie hat die adretten Mitarbeiter beobachtet, später möchte sie zu ihnen gehören.

Als Last empfinden Asiye Ciftcis Kinder die Ferienkurse nicht. Mustafa hat sie selbst vorgeschlagen, nachdem seine Noten in der siebten Klasse abgefallen waren. „Wenn es das gegeben hätte, wäre ich schon zu Beginn der Ferien gekommen“, sagt er.

Asiye Ciftci und ihre Kinder verlassen die Räume des Studienkreises, ein halber Ferientag ist noch übrig. Dennoch: Tut es der Mutter nicht leid um die verlorene Ferienzeit, die Kinder ehedem zum Herumtollen und Faulenzen verwendet haben? Asiye Ciftci lächelt, fast etwas nachsichtig. „Wann war das? Vor 15 Jahren?“ Ihren Kindern müsste sie den zusätzlichen Unterricht ohnehin erst ausreden.

Die großen Anbieter für Nachhilfe, „Studienkreis“ und „Schülerhilfe!“, haben Konzepte für Ferienkurse entwickelt. Sie sind bundesweit mit zahlreichen Standorten vertreten.

Studienkreis bietet die so genannte Summer School an. Das Angebot umfasst „Sachrechnen“ für Kinder von der zweiten bis zur vierten Klasse, einen „Konzentrationskurs“ für Fünft- und Sechstklässler sowie den Kurs „Stressbewältigung und Zeitmanagement“ für Schüler der achten bis zehnten Klasse.

Die Schülerhilfe! bietet ebenfalls eigene Ferienkurse an, in denen der Stoff aus dem abgelaufenen Schuljahr spielerisch aufbereitet und vertieft werden soll.

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Timo Ebbers Ltg. / Online-Redaktion
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