OLDENBURG Die Kreide quietscht nicht, sie versinkt förmlich in der frisch gewischten Tafel. Die Arbeitsanweisung, die der Mann im legeren weißen T-Shirt gerade in der 4c der Grundschule Nadorst aufschreibt, wird immer breiter und blasser auf dem nassen Untergrund. Aber die Schüler von Deutschlehrer Bernhard Tobias haben ohnehin schon verstanden, worum es heute geht: Sie sollen eine Lügengeschichte erfinden.

Der 46-Jährige ist einer der wenigen Männern, die sich für das Grundschullehramt entschieden haben: Der Anteil in den Kollegien in Niedersachsen liegt nach einer Erhebung des Statistischen Bundesamtes bei 12,6 Prozent. „Eigentlich wollte ich Ingenieurwissenschaften studieren. Über ein Praktikum in einer AWo-Werkstatt, das ich als Qualifikation brauchte, habe ich mehr aus Zufall in die Arbeit mit Kindern reingeschnuppert“, erzählt Tobias. Es gefiel ihm so gut, dass er prompt auf Grundschullehramt mit den Fächern Deutsch, Mathe und Sachunterricht umsattelte.

Lehrer und Hausmann

Seit fünf Jahren ist er in Oldenburg-Nadorst in Teilzeit beschäftigt. „Weil meine Frau eine Stelle an der Uni bekommen hat, sind wir aus Nordrhein-Westfalen hierher gezogen. Ich bin jetzt quasi nebenbei Hausmann und kümmere mich um unsere drei Kinder“, sagt er. Besonders gefalle ihm an seiner Arbeit, dass er kreativ sein kann. In dieser Unterrichtsstunde behandelt er das Thema „Lügenbaron Münchhausen“ mit den Kindern.

Lügen, das kann Neele schon wie gedruckt. Der Finger der Neunjährigen schnellt hoch wie ein Pfeil. „Ich bin auf einem 30-Euro-Schein ins Schlaraffenland geflogen“, sagt sie, und ihre Schultern heben und senken sich, als sie über diesen Unsinn leise kichert. Herr Tobias ist beliebt bei den Kindern. „Er ist immer witzig. Und nicht so streng wie unsere Lehrerinnen“, findet Neele. Außerdem seien Männer wichtig für die Jungs, denn: „Die Frauen können ja kein Fußball spielen.“

Auch die Jungs möchten nicht auf ihren Lehrer verzichten. „Ich finde die Mischung gut“, sagt Seyvan. Außerdem gebe es auch einen Grund dafür, dass mehr Frauen unterrichten: „Frauen sind ja schlauer als Männer, von daher ist das schon in Ordnung“, findet der Neunjährige ganz selbstverständlich.

Die Oldenburger Diplom-Pädagogin Gudrun Kallenbach hat Erfahrung mit Jungen gemacht, die kein männliches Vorbild haben. „Die Kinder, mit denen ich arbeite, sind verhaltensauffällig und haben oft keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater“, sagt die Psychotherapeutin. Deutliche Mangelerscheinungen seien zum Beispiel, dass die Jungen sich nichts von Frauen sagen lassen, dass sie ihre Grenzen austesten. „Ist gar kein Mann in der Nähe, kann das zu überbordendem Verhalten führen“, erklärt Kallenbach.

Doch auch für die Mädchen sei Kontakt zu männlichen Bezugspersonen wichtig. „Auch sie müssen aus der Mütterlichkeit herauskommen und einen Lehrer bewundern können, der ihnen den Blick für die Welt öffnet. Männer fordern die Kinder ganz anders als Frauen“, sagt Kallenbach. Der Beruf des Grundschullehrers sei unglücklicherweise mit dem Image der Schwäche belegt.

Corinna Fischer vom Kultusministerium des Landes Niedersachsen weist darauf hin, dass junge Männer, die sich für den Lehrerberuf interessieren, bei Infoveranstaltungen direkt angesprochen werden. „Die angehenden Studenten werden gefragt, ob sie nicht Grundschullehrer werden wollen, denn wir wünschen uns auf jeden Fall mehr Männer“, sagt Fischer.

Lehrer Bernhard Tobias erklärt sich den Mangel damit, dass Männer vor dem Studium oft gar nicht erst mit Kindern in Berührung kommen und den Beruf so nicht für sich entdecken können.

Während sich Schulrektorin Sabine Stehno in Nadorst über vier männliche Lehrkräfte freut, sieht es an anderen Schulen schlechter aus. An der Hermann-Ehlers-Schule in Oldenburg ist ein Mann Schulleiter, die Lehrkräfte allesamt Frauen. „Wenn in der Schule jemand anruft und ich mich melde, sagen die Leute: ,Sie müssen entweder der Hausmeister oder der Schulleiter sein‘“, erzählt Schulleiter Reinhard Struß und lacht. „Ich bin seit 30 Jahren dabei, und es hat im Kollegium immer höchstens zwei bis drei Männer gegeben“, sagt er.

Sabine Stehno an der Grundschule Nadorst wünscht sich eine bessere Verteilung der wenigen Lehrer: „Die Landesschulbehörde achtet bei der Verteilung nur auf das Fach, nicht auf das Geschlecht. Da würde ich mir eine Änderung wünschen. Wir haben wirklich Glück gehabt“, sagt sie.

Für Schulleiter Struß, der auch in der Lehrerausbildung an der Uni Oldenburg arbeitet, liegen die Ursachen in den fehlenden Aufstiegschancen. „Bei vielen jungen Männern überwiegt der Wunsch nach Geld und Karriere. In der Grundschule ist dagegen bei der Position des Schulleiters Schluss“, sagt er. Für den Beruf spreche, dass man viel bewegen kann: „Wenn Macht für Männer wichtig ist, würde ich ihnen klarmachen, dass der Einfluss, den man hat, hier immens ist. Man kann in diesem Alter Weichen stellen. Außerdem ist A12 wirklich kein schlechtes Gehalt“, sagt Struß.

Aufgaben für Männer

Dass Lehrer Tobias für die „männlichen“ Aufgaben an der Grundschule Nadorst zuständig sein würde, war schnell klar. „Ich habe einen Zettel in meinem Fach gefunden – ob ich mich um das Fußballturnier kümmern könnte. Und das habe ich gerne gemacht“, erzählt er.

In der 4c ist die Deutschstunde vorbei. In die Pause wollen viele Kinder aber nicht gehen. In einer Traube hängen sie an Herrn Tobias und schnattern Lügengeschichten durcheinander. Geduldig hört der Lehrer noch eine Weile zu, dann eilt er den Gang hinunter – schließlich muss das Mittagessen für die eigenen Kinder noch gekocht werden.

Im Jahr 2010 arbeiteten insgesamt 18 891 Lehrkräfte an Grundschulen in Niedersachsen (Grund- und Hauptschulen ausgenommen).

16 909 davon waren weiblich, also rund 89 Prozent.

An den 626 Grundschulen im Bereich Weser-Ems arbeiteten 2010 insgesamt 6494 Lehrkräfte. Davon waren 5734 weiblich, also etwa 88 Prozent.

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An allgemeinbildenden Schulen waren im Jahr 2009 insgesamt 75 343 Lehrkräfte beschäftigt, davon waren 32,6 Prozent Männer und 67,4 Prozent Frauen.

Bei Vollzeitbeschäftigung lag der Frauen-Anteil allerdings nur bei 53 Prozent.

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