Sanary-Sur-Mer Viel erinnert nicht mehr an die „heimliche Hauptstadt der deutschen Literatur“, wie der Philosoph und Schriftsteller Ludwig Marcuse den kleinen Fischerort Sanary-sur-Mer einst nannte. Immerhin, neben der Touristeninformation steht eine große Tafeln mit Namen. Sie liest sich wie ein Who is who der deutschen Exilliteratur. Heinrich und Thomas Mann, Stefan Zweig, Lion Feuchtwanger, Joseph Roth, Franz Werfel, Alma Mahler-Werfel und viele andere weilten dort Monate oder auch Jahre, anfangs gern gesehene Gäste, später dann, nach Kriegsbeginn, argwöhnisch beäugt. Sie lebten „notgedrungen im Paradies“, wie Marcuse es formulierte. Kleine Gedenktafeln erinnern an ihre Wohnorte, die nicht besichtigt werden können.

Spottlieder über Nazis

Warum aber gerade Sanary-sur-Mer? Es war im Grunde wie so oft: Da war einer, der einen kannte, der einen kannte. Genauer: Der britische Autor Aldous Huxley („Schöne neue Welt“), der diese Sommerfrische für sich entdeckt hatte, kannte den Kunsthistoriker Julius Meier-Gräfe, der wiederum den Tipp streute. Sanary-sur-Mer hatte einen großen Vorteil: Der idyllische Hafenort zwischen Marseille und Toulon war ruhig und preiswert.

So erzählt es Ina Bérato. Die gebürtige Hessin lebt seit fast einem halben Jahrhundert im nahen La Seyne und arbeitet als Gästeführerin. Dabei wandelt die 70-Jährige auch immer wieder auf den Spuren der Exilliteraten.

Es war ein buntes Häuflein, das dort zwischen 1933 und 1940 Zuflucht fand. Juden und Homosexuelle, Konservative und Kommunisten, Gutbetuchte und bitter Verarmte. Im Gegensatz zu den Manns, Feuchtwangers oder Werfels war Erich Klossowski zum Beispiel nahezu mittellos. Aber der Maler, Kunsthistoriker und Bühnenbildner sprach französisch und war im Ort integriert. Klossowski, genannt „Monsieur Klo“, weil stets im dunklen Anzug gewandet, erhielt 1939 sogar die französische Staatsbürgerschaft.

Die Exilanten mochten noch so unterschiedlich sein, „was sie einte, war der Hass auf Hitler“, sagt Ina Bérato. Hafencafés wie das von Witwe „Schwob“ oder das „Le Marine“, das auch heute noch existiert, wurden ihnen zu einer zweiten Heimat, dort spielten sie Schach, feilten an ihren Texten, haderten mit ihrem Schicksal. Auch Bertolt Brecht schaute herein und sang Spottlieder über Nazi-Größen.

Mit dem näher rückenden Krieg verdüsterte sich die Stimmung gegenüber den Geflüchteten. Sie standen unter einem Generalverdacht: Spionage. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Frankreich mussten sie dann auch noch befürchten, in die Hände der Nazis zu fallen.

Mit Hilfe eines Netzwerkes, das vom amerikanischen Journalisten Varian Fry geleitet wurde, konnten viele über Spanien und Portugal in die USA flüchten. Andere, wie Friedrich Wolf, setzten sich nach Moskau ab.

Einer blieb für immer

Wieder andere blieben, wie Franz Hessel. Er hatte sich unter anderem mit der Übersetzung von französischen Klassikern von Honoré de Balzac einen Namen gemacht. Zweimal wurde er im Lager „Les Milles“ interniert, zweimal wieder freigelassen. Hessel „ist an Gram gestorben“, sagt Ina Bérato. „Er konnte es nicht verkraften, dass er in seinem geliebten Frankreich angefeindet wurde“. Nur einer blieb für immer: Erich Klossowski. Er fand seine letzte Ruhestätte auf dem Friedhof von Sanary-sur-Mer.

Die Touristeninformation am Hafen von Sanary-sur-Mer hält ein Faltblatt mit Ortsplan bereit. Die Gästeführerin Ina Bérato ist erreichbar unter Telefon   0033/494 980 100. Und falls jemand eine Kreuzfahrt mit der „Mein Schiff“-Flotte durch das westliche Mittelmeer macht – es wird ein Ausflug nach Sanary-sur-Mer angeboten.


     www.sanarysurmer.com 
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