Frankfurt /Main Die Einsteigezeit am Gate rückt immer näher, die Schlange vor dem Schalter wird immer länger. „Wie sollen so viele Leute in das kleine Flugzeug passen?“, fragen einige der Urlauber am Gate. Und sie sollen Recht behalten: Die Maschine ist überbucht. Sechs Plätze in der Maschine von Frankfurt in eine europäische Hauptstadt sind doppelt belegt.

Warum überbuchen Fluggesellschaften ihre Flüge?

Die Situation kann bei jeder Fluggesellschaft eintreten, denn alle überbuchen ihre Flugzeuge, um möglichst wirtschaftlich zu arbeiten. Dafür haben die Fluggesellschaften Prognosesysteme entwickelt, die die voraussichtlichen Passagierzahlen jedes Fluges berechnen, sagt Lufthansa-Sprecher Boris Ogursky. „Die Systeme checken den aktuellen Buchungsstand für einen Flug und berechnen, wie viele Buchungen bis zum Abflug noch erwartet werden.“

Anhand der Datenlage wird geschätzt, wie viele Kunden trotz Buchung ihren Flug nicht antreten werden. „Weitere Faktoren bei der Buchungsprognose sind externe Einflüsse wie Messen, Jahreszeiten oder Ferienzeiten“, sagt Gerd Pontius, Vorstand der Unternehmensberatung Prologis in Hamburg. Mathematische Systeme bilden die Prognosen ab, hinzu komme das Bauchgefühl der Manager.

Warum treten Passagiere Flüge nicht an?

Dafür gibt es eine Reihe von Gründen, sagt Pontius. Es komme darauf an, welche Motivation die Passagiere haben, ihre Reise anzutreten. „Buchungsklassen, bei denen die Flüge verfallen, wenn sie nicht angetreten werden, haben eine höhere Erscheinungsdisziplin“, sagt er. Flüge in flexiblen Tarifen werden öfter ausgelassen. „Das ist unabhängig davon, ob es sich um ein Economy- oder Business-Ticket handelt.“ Laut der Lufthansa gab es bei ihr im Jahr 2014 rund 1,8 Millionen sogenannter „No-Shows“, das sind etwa 4,7 Prozent aller gebuchten Gäste.

Sind alle Flüge gleichermaßen überbucht?

Die sogenannten Business-Rennstrecken sind laut Pontius vor allem am Freitagabend und am Montagmorgen schwer einzuschätzen, das Risiko einer Überbuchung ist entsprechend hoch. „In den Maschinen, die etwa auf den Strecken Frankfurt-London oder Hamburg-Paris fliegen, sitzen viele mit flexiblen Tickets“, sagt er. Grundsätzlich gilt: Touristische Ziele haben ein geringeres Risiko einer Überbuchung als Geschäftsstrecken.

Kann man einen überbuchten Flug vorher erkennen?

Als Fluggast kann man eine Überbuchung vorher nicht erkennen, sagt Rechtsanwalt Oliver Matzek aus Hamburg. Wenn es Probleme mit einem Flugzeug gibt und etwa eine kleinere Maschine auf einer Strecke zum Einsatz kommt, kann es sein, dass der Online-Check-in später als normal freigeschaltet wird, sagt Pontius. „Das kann ein Hinweis sein.“ Vielflieger auf typischen europäischen und transatlantischen Geschäftsstrecken wissen außerdem, welche Maschinen oft voll sind.

Was tut die Airline bei einem überbuchten Flieger?

Wer mitreisen darf, entscheidet sich bei Lufthansa nach dem Zeitpunkt des Eincheckens. Wer ganz am Ende eincheckt, bekommt nur noch eine Standby-Bordkarte und muss erst einmal am Boden bleiben, sofern kein anderer Passagier freiwillig später fliegt.

In der Regel wird Reisenden bei Überbuchung Ersatz angeboten, sagt Reiserechtler Matzek - und zwar häufig schon im Vorfeld, wenn die Situation absehbar ist. Normalerweise wird dann nach einem Platz in der nächsten verfügbaren Maschine gesucht, sagt Heinz Klewe, Geschäftsführer der Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr (Soep). „Die Airline honoriert das Entgegenkommen des Reisenden durch eine Geldzahlung oder ein Gutscheinangebot.“

In einzelnen Fällen kann ein Passagier auch in die nächsthöhere Klasse gesetzt werden, so Matzek. Zudem besteht die Möglichkeit, den Passagier von einer anderen Fluglinie befördern zu lassen. „Die Airlines tauschen Plätze untereinander“, sagt Pontius. Manchmal gibt es auch die Möglichkeit, aus einem Direktflug einen Dreiecksflug mit einer Zwischenlandung zu machen, um rasch ans Ziel zu kommen.

Wie kann ich sichergehen, dass ich mitkomme?

Gerd Pontius rät, möglichst frühzeitig per Internet einzuchecken. „Bei den meisten Fluggesellschaften kann man 24 Stunden vor Abflug seine Bordkarte ausdrucken“, sagt er. Wer die hat, ist drin. Das gilt allerdings nicht für den Fall, dass aufgrund eines technischen Problems ein großes Flugzeug durch ein kleineres ersetzt werden muss.

Welche Rechte hat man bei einer Überbuchung?

Wenn das Ticket gebucht und bezahlt ist und damit ein Reise- oder Beförderungsvertrag geschlossen wurde, haben die Reisenden Anspruch auf Beförderung, sagt Matzek. „Dieser Anspruch kann auch durch Ersatzbeförderung erfüllt werden.“ Generell könnten Fluggäste wählen, ob sie sich den Flug zurückerstatten lassen oder einen Ersatzflug annehmen. Außerdem steht jedem, der keinen Platz in der Maschine bekommt, eine Entschädigung zu, wie Heinz Klewe ergänzt. Laut EU-Fluggastrechteverordnung beträgt die je nach Flugdistanz 250, 400 oder 600 Euro.

Für freiwillig vom Flug zurücktretende Passagiere ist die Höhe der Entschädigung nicht gesetzlich geregelt. Laut Boris Ogursky zahlt die Lufthansa dieselben Sätze, die sie auch denen zahlt, die am Boden bleiben müssen. „So finden sich immer wieder Kunden, die freiwillig auf den Flug verzichten und einen späteren nehmen“, sagt er.

Viele Airlines bieten darüber hinaus Unterstützungsleistungen an - unabhängig von der Buchungsklasse. Neben der Umbuchung auf einen Alternativflug gibt es Mahlzeiten, Erfrischungen und bei Bedarf eine Hotelübernachtung inklusive Transferkosten sowie die Möglichkeit zweier Telefonate oder des Versands zweier Telexe, Faxe oder E-Mails.

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