Schwerin Viele von uns haben das Schweriner Schloss schon in der Hand gehabt, jedenfalls ein Abbild davon: auf einer Zwei-Euro-Gedenkmünze aus dem Jahre 2007. Das Original befindet sich auf einer kleinen Insel im Schweriner See, dem drittgrößten in Deutschland. Wir nähern uns dem wohl bekanntesten Bauwerk von Mecklenburg-Vorpommern über die Schlossbrücke, vor uns eine Kulisse, die manche vom „Neuschwanstein des Nordens“ sprechen lässt.

100 Spitzen ragen in den Mecklenburger Himmel, darunter 15 Türme, der höchste misst 73 Meter. Die Spitzen und Zinnen sind vergoldet, ebenso Prunkkuppel und Erzengel, rund 2,3 Kilo Blattgold wurden 1991 aufgetragen, begleitet auch von öffentlicher Kritik. Geht es nach dem Landtag von Mecklenburg-Vorpommern, dann gehört das Residenz-Ensemble in die Weltkulturerbe-Liste der UNESCO. Seit 2014 steht es auf der deutschen Kandidatenliste. „Wir schaffen das“, glaubt Anette Schwarz – für sie ist das Schloss „ein Historismus-Bauwerk von hohem europäischen Rang“.

Schwarz arbeitet seit 1991 im Schloss, unter anderem als Gästeführerin. Zu DDR-Zeiten hat die gelernte Krankenschwester hier Kinder betreut, nach der Wende bot sich ihr eine neue Chance. „Geschichte ist mein Hobby, seit ich denken kann.“ Dann stellt sie uns Niklot vor, das Reiterstandbild des slawischen Fürsten und Urahns der Herzöge von Mecklenburg ziert das Hauptportal.

Es waren die Slawen, die die erste Burg im Schweriner See errichteten, eine Wallanlage, die später von den mecklenburgischen Herzögen zu einer repräsentativen Residenz umgebaut wurde. Mitte des 19. Jahrhunderts erhielt das Schloss unter Großherzog Friedrich Franz II. seine jetzige Gestalt, nach dem Vorbild des französischen Loire-Schlosses Chambord.

Durch ein Tor geleitet uns Schwarz in den fünfeckigen Innenhof. Ziemlich genau hier stand einst die slawische Burg, errichtet auf Eichenholzpfählen, kein leichtes Unterfangen angesichts des feuchten Grunds. Und ein Problem bis heute: „Wir können nicht verhindern, dass das Schloss absackt.“ Nur sollte genau das möglichst gleichmäßig geschehen, sagt Schwarz, sonst leidet die Statik. Man bedenke: Der Hauptturm wiegt allein 3000 Tonnen.

Sterne in Schlosskirche

Vom Innenhof gelangen wir in die Schlosskirche. Sie wurde 1563 geweiht und war der erste protestantische Kirchenneubau in Mecklenburg. Nach ihrer Restaurierung im Jahre 2013, also 450 Jahre später, wurde sie der Schlosskirchengemeinde übergeben. Vor jeder Landtagssitzung findet hier ein ökumenischer Gottesdienst statt. Gut möglich, dass der eine oder andere Abgeordnete während der Predigt andächtig nach oben schaut, zum blauen Gewölbehimmel mit seinen goldenen Sternen, es sind exakt 8758. Für die meisten wurden im Rahmen einer Spendenaktion Patenschaften vergeben, um die Sanierung der Kirche zu finanzieren. Zu den Paten gehören Joachim Gauck, Franz Beckenbauer und die sechs Enkelkinder von Anette Schwarz.

„Unser Schloss hat 953 Räume“, sagt Schwarz – und schaut in verdutzte Gesichter. Das ist das Ergebnis der jüngsten Zählung, bei der man alles zusammengerechnet hat, vom Keller mit seinem historischen Ofen bis zum Dachgeschoss, von der Besenkammer bis zum Plenarsaal.

Zu Zeiten der DDR taten sich die Mitglieder des „Arbeiterparlaments“ noch schwer mit dem „feudalen Bau“, ein Fürstensitz als Parlamentsgebäude, das stieß auf Vorbehalte. Heute ist dagegen häufig vom „schönsten Landtag der Republik“ die Rede, ein Wort, das Altbundespräsident Richard von Weizsäcker 1990 prägte. „Sitz des Landtages ist das Schloss zu Schwerin“, so steht es unverrückbar in Artikel 20 der Landesverfassung, ein Novum in Deutschland.

Musiker im Plenarsaal

Der Plenarsaal selbst wirkt eher unauffällig, umgeben von der ganzen alten Pracht, ist aber bis ins Kleinste durchdacht. Von der halbkreisförmigen Sitzordnung erhofft man sich eine höhere Debattenkultur. Bis 1992 spielte hier die Musik, genauer die Philharmonie. Anette Schwarz konnte die Proben und Konzerte an ihrem Arbeitsplatz verfolgen, „das war immer schön und zu DDR-Zeiten sehr beliebt, die Konzerte waren ständig ausverkauft“. Heute findet im Schnitt einmal im Monat eine Landtagssitzung statt, eingefangen von zwei Kameras über der Eingangstür, eine vom Landtag, eine vom NDR.

Der Gang über das Schlossdach ist – im wahrsten Sinne des Wortes – der Höhepunkt unserer gut eineinhalbstündigen Runde. Von einer Aussichtsplattform auf dem Hauptturm und von der Prunkkuppel, die wir über eine leicht schwankende Metallwendeltreppe erreichen, genießen wir den Blick auf Stadt und Seen.

Gegen Ende führt uns Schwarz noch zur „schönsten Raucherinsel Deutschlands“. In der zur Stadt hin offenen Halle treffen sich all jene aus Parlament und Verwaltung, die es nicht lassen können oder wollen, auch wenn es im Winter durchaus frisch werden kann.

Kopfloser König

Hier begegnet uns auch wieder Niklot auf seinem Pferd. Die Statue wurde im Kern entrostet, auch musste einiges neu anmodelliert werden. Selbst der Kopf war dem Wendenkönig vor Jahren abgefallen. Nun wird die Gipsplastik regelmäßig untersucht. Überhaupt gilt auf dem Schweriner Schloss: Der nächste Bauabschnitt kommt bestimmt. Anette Schwarz: „Irgendwo ist immer ein Gerüst“.

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