Ljubljana /Laibach Die Mittagssonne brennt auf den staubigen Asphalt. An einer langen Leine, hoch über den Platz gespannt, baumeln etliche Schuhe. Ein Meer aus Farben und Formen flutet den Betrachter. Egal wo man hinschaut, zieren Graffiti, Gemälde und Skulpturen die Gebäude. Keines steht für sich. Die Übergänge sind fließend und bilden ein großes Ganzes. Man ist in Ljubljana (Laibach), irgendwie. Und irgendwie auch nicht. Dieser Teil der Stadt ist autonom und nennt sich Metelkova Mesto. Es ist eine Stadt in der Stadt.

Im Gegensatz zu Ljubljana, der schönen, europäisch angepassten Hauptstadt Sloweniens, herrscht Chaos – kreatives Chaos. Es ist schwer zu beschreiben und schwer zu verstehen, selbst für Ana Grobler: „Es ist manchmal verwirrend, immer interessant, viel Arbeit, aber niemals langweilig.“ Die 37-jährige Slowenin engagiert sich als Direktorin der Alkatraz Galerija schon etliche Jahre in Metelkova.

Um Metelkova zu begreifen, muss man seine Geschichte kennen. Metelkova ist ein rund 12 500 Quadratmeter großes, ehemaliges Militärgelände. Die Kasernen wurden 1882 von der österreichisch-ungarischen Armee gebaut. Über ein Jahrhundert war das Gelände im Besitz verschiedener Militärs. Mit Abzug der Jugoslawischen Armee und der Unabhängigkeitserklärung Sloweniens 1991 standen die Kasernen zum ersten Mal leer.

Unzählige Künstler und Kulturaktivisten gründeten eine Initiative, um die Fläche für soziale Projekte zu nutzen. Trotz etlicher Verhandlungen mit der Stadt wurde der Antrag 1993 abgelehnt. Die Gebäude sollten abgerissen werden. „Rund 200 Menschen haben Metelkova dann besetzt, um das zu verhindern“, erzählt Ana. In dieser Zeit blühte Metelkova auf. „Jeden Tag traten Künstler auf, es war wirklich eine wilde Zeit“.

Bis die Stadt im Winter das Wasser und den Strom abdrehte. Nur wenige Hartgesottene blieben. Die Zeit darauf war schwer. „Überall war Dreck, die Leute haben ihren Müll rumliegen lassen, und die Gebäude waren zerstört“, sagt Ana. Doch die Aktivisten hielten zusammen, und heute ist Metelkova mit seinen rund zehn Organisationen und sieben Gebäuden ein Tummelplatz der Alternativen, Studenten und Künstler.

„Es ist ein Ort, wo Menschen anders denken“, sagt Sebastian Kraliczyk, der ebenfalls in der Galerie arbeitet. „Das Problem ist nur, dass den meisten Besuchern nicht klar ist, wo sie sind“. Für viele ist Metelkova nur ein Ort zum Feiern. Die Ministadt explodiert abends regelrecht. In etlichen Clubs treten Bands auf.

Zumindest hat Ljubljana das Potenzial Metelkovas erkannt und sich beteiligt: Die Stadt hat das Projekt, aus dem ehemaligen Militärgefängnis ein Hostel zu machen, finanziell unterstützt. Der Zellencharakter ist bis heute erhalten geblieben. „Die Idee war, einen Ort, der dich der Freiheit beraubt, in das Gegenteil umzuwandeln“, sagt Tanja Lipovec, die das Hostel leitet.

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