Königswinter Könnten Hotels Geschichten erzählen, so wäre das ehemalige Gästehaus der Bundesregierung auf dem Petersberg in Königswinter nahe Bonn ein dickes Lesebuch. 1892 als Hotel auf einem Plateau hoch über dem Rhein eröffnet, genießt das Haus bereits in den 1930er Jahren Weltruf. In den Nachkriegsjahren lassen sich von 1949 bis 1952 die Alliierten Hohen Kommissare dort nieder. Mit dem Petersberger Abkommen im November 1949 setzen die Kommissare den Grundstein für alles, was sich in den kommenden Jahrzehnten als Bundesrepublik Deutschland und somit als akzeptierter eigenständiger Staat etablieren wird.

Legendäre Staatsgäste

„Die Geschichte dieses Hauses ist wahrlich einzigartig“, schwärmt Hoteldirektor Michael Kain. Seit 2015 zeichnet der 59-Jährige für die Geschicke des historischen Hotels auf dem Petersberg verantwortlich. Ein „Umbaudirektor“, der in seiner 40-jährigen Karriere immer dann gerufen wird, wenn ein Haus über eine Renovierung eine neue Zukunft erhalten soll. So auch am Petersberg, der zunächst von 1955 bis 1969 als Pachtbetrieb des Düsseldorfer Luxushotels Breidenbacher Hof geführt wird und in der jungen Bundesrepublik Gäste wie den Schah von Persien und Königin Elizabeth II. beherbergt.

Ein nicht immer einfaches Unterfangen, gilt es doch auch, auf die Besonderheiten der royalen Gäste einzugehen. „Queen Elizabeth II. hat sich 1965 ihr Tafelsilber und das Teewasser aus London mitgebracht. Wenn sie oder andere internationale Staatsgäste im Haus waren, kam der eigentliche Hotelbetrieb zum Erliegen. Im Fall der Queen wurde seinerzeit auf dem Dach des Hotels der Union Jack gehisst, und das Hotel wurde für die Dauer ihres Aufenthaltes zur exterritorialen königlichen Residenz“, erläutert Michael Kain.

Er erzählt auch gern die schon legendäre Geschichte von Leonid Breschnew, für den das Petersberg-Hotel während einer mehrjährigen Schließungsphase in den 1970er Jahren eigens für wenige Tage wiedereröffnet wird. Als Begrüßungsgeschenk findet der Autofan Breschnew ein Mercedes-Coupé vor dem Hoteleingang. Er steigt ein und demoliert sein Gastgeschenk in einer Kurve gleich bei seiner Jungfernfahrt.

Die Neuzeit auf dem Rheinplateau beginnt, als die Bundesregierung im Jahr 1979 für 18,5 Millionen D-Mark den gesamten Petersberg kauft und weitere 137 Millionen D-Mark in das ehemalige Hotel investiert, das 1990 nun ganz offiziell zum „Gästehaus der Verfassungsorgane der Bundesrepublik Deutschland“ wird. Ein Deutsches „Camp David“, für dessen Management seither die Steigenberger-Hotelgruppe verantwortlich zeichnet. Aus Staatsgästen werden seither mehr und mehr Konferenzgäste. 2001 und 2002 finden auf dem Petersberg die beiden Afghanistan-Konferenzen statt, die sich mit der Zukunft des von jahrelangen Kriegen zerrissenen Landes befassen. 2010 wird das Gästehaus zum Schauplatz des 1. Petersberger Klimadialogs, der bis heute zu den jährlichen Highlights des Petersberger Konferenzkalenders gehört.

Bonner Republik

In die Zukunft des Hauses hat die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) als Immobilieneigentümerin seit April 2017 mehr als 35 Millionen Euro investiert. „Wenn im Frühsommer alle unsere 112 Zimmer und Suiten wiedereröffnet sind, sind wir ein Grand Hotel auf höchstem Niveau“, verspricht Hoteldirektor Michael Kain. Der Staub und der Charme der alten Bonner Republik gehören dann weitestgehend zur Vergangenheit – ebenso wie der etwa 15-jährige Investitionsstau im Hotel.

Einen Self-Service-Biergarten auf dem Terrassenplateau, über das im Sommer am Hotel vorbei der Rheinsteig-Wanderweg von Bonn nach Wiesbaden führt, gibt es bereits seit 2016. Die neue Vinothek im Inneren des Hauses wird zur Event-Location, in der monatlich ein Sommelier und ein Weinblogger um die Gunst der Zuschauer buhlen. Die alten Schwarzweißfotos der beherbergten Staatsgäste an den Flurwänden des ehemaligen Bundesgästehauses weichen einer TV-Screen-Präsentation. Und: Die im Alt-Interregio-Türkis gehaltenen Sitzbezüge im namentlich an Charles de Gaulle angelehnten Bistro „Charles“ sind bereits durch eine neue Bistro-Optik ersetzt.

Doch nicht nur im Salon „Adenauer“, sondern auch in den Namen der neuen Restaurants und Bars des Grand Hotels lebt die Geschichte des ehemaligen Bundesgästehauses noch weiter: „Bill’s Steakhouse“ in Anlehnung an Bill Clinton, der 1994 dort mit Helmut Kohl dinierte. „Nelson’s Piano Bar & Lounge“ – eine Reminiszenz an den früheren südafrikanischen Staatschef Nelson Mandela. Das Weinrestaurant „Ferdinand“, benannt nach 4711-Gründer Ferdinand Mühlens, der das nach einer Zwangsversteigerung erworbene Hotel auf dem Petersberg zu Beginn des 20. Jahrhunderts in seiner heutigen Form umbauen ließ. Und eben das vom Wanderweg zugängliche „Charles“, in dem sich der neue Anspruch des Hauses, künftig ein ganz normales Hotel zu sein, an Kachelböden und Kuchenvitrine ablesen lässt.

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