Klein-Dunsum 400 Meter vom Deich entfernt grunzt ein Dänisches Protestschwein. Trude ist groß wie ein Kalb und rot-weiß geringelt. Die Muttersau schnüffelt an ihren Ferkeln, im halboffenen Stall von Landwirt Jan Hinrichsen in Klein-Dunsum.

Was ein Urlauber gemeinhin nicht ahnt: Wie ein quicklebendiges Kulturdenkmal erzählt das Borstentier ein wichtiges Stück Föhrer Geschichte. Doch beginnen wir am Anfang.

Der Aussiedlerhof samt Hofcafé liegt im Nordwesten der Insel Föhr. Er ist umgeben von plattem Marschland. Allgegenwärtig sind hier Nordsee, Wind und weiter Horizont. Hinter dem Deich schweift der Blick übers Wattenmeer bis hinüber nach Sylt. So weit, so erwartbar.

Doch zwischen Hofcafé, Schweinestall und Streichelzoo prangt über einem weiteren Eingang der Schriftzug: „Hinrichsen’s Farm Distillery“ – dazu in typisch amerikanischer Typographie.

Whisky vom Watt

„Seit 1630 betreibt unsere Familie Landwirtschaft auf Föhr mit Hof und Feldern hier in Dunsum“, erzählt Hinrichsen. Doch die fallenden Milchpreise zwangen die Familie zum Wandel. Die Hinrichsens gestalteten ihren Hof komplett um. Dazu gehören nicht nur der Wandel zum Biohof oder das Caférestaurant. Neuerdings ist auf dem Hof die erste Destille der Insel entstanden. Zu verdanken sei die Idee dem typischen Föhrer „Blick über den Tellerrand“.

Jahrhundertelang waren die Nordfriesischen Inseln geprägt durch die Seefahrt. Auf die Zeit des Walfangs folgte die internationale Handelsschifffahrt. Private Navigationsschulen auf Föhr entließen bestens ausgebildete Offiziere und Kapitäne. Zurück kamen sie mit Händen voller Geld und kulturellen Einflüssen aus fernen Ländern.

Moin Amerika

Die westliche Hälfte Föhrs zählte zu dieser Zeit noch zum Königreich Dänemark. Erst nach dem Deutsch-Dänischen Krieg 1864 fiel Föhr – genauso wie Sylt und Amrum – an Preußen und Österreich. Preußen verbot fortan nicht nur die legendären Föhrer Seefahrtsschulen, sondern führte überdies eine dreijährige Militärpflicht ein.

Das war nichts für die sturen und freiheitsliebenden Friesen, die Glück und Verdienstmöglichkeiten kurzerhand woanders suchten – und auf den Inseln mit eben jenem rot-weißen „Protestschwein“ konterten, weil sie die dänische Flagge nicht mehr hissen durften.

Die erste große Auswandererwelle nach Amerika setzte ein: 40 Prozent der Föhrer Konfirmanden emigrierten, darunter auch Jan Hinrichsens Ururgroßvater. Er wurde Baumfäller im Mittleren Westen und kehrte erst nach 15 Jahren zurück, um den Hof weiterzuführen. 1905 ging auch der Uropa, der sich als Barkeeper in Florida verdingte.

Völlig fremde Welt

„Schließlich wanderte 1928 auch mein Opa aus und eröffnete – wie so viele andere – ein Delikatessengeschäft in New York“, erzählt Hinrichsen. „Mein Vater wurde noch in New York geboren und kam erst mit 19 Jahren nach Föhr, um den großväterlichen Hof zu übernehmen.“ Eine völlig fremde Welt sei es für ihn gewesen.

Während in den USA bereits erste Fernseher flackerten und Geschirrspülmaschinen die Hausarbeit übernahmen, gab es auf Föhr ein einziges Telefon fürs ganze Dorf und noch nicht einmal fließend Wasser. Auf der anderen Seite standen die wunderschöne Natur, die gute Luft und die Freiheit der Insel.

Wie viele andere Föhrer Familien halten auch die Hinrichsens bis heute ihre Verbindung zur US-Verwandtschaft. „Auf einer Reise nach New York Upstate war es dann, dass ich Whisky zum ersten Mal als echtes Genussmittel wahrgenommen habe, und ich war begeistert vom Konzept einer Hof-Destille, bei der alle Zutaten direkt von der eigenen Farm kamen“, erzählt Jan Hinrichsen.

Der 45-Jährige las Bücher und besuchte Mälzkurse. Er arbeitet mit Destillen in Dänemark zusammen und lässt sich von Whisky-Experten beraten. Heute steht der Autodidakt auf seinem Mälzboden und demonstriert nicht nur den Keimprozess seiner Gerste, sondern auch seinen ganzen Stolz: die ersten Fässer, gefüllt mit „New Make“. Drei Jahre wird der Tropfen in alten Sherryfässern aus Andalusien zum Whisky heranreifen.

Hauch von New York

Wer Augen und Ohren offen hält, findet auf Föhr zahlreiche Spuren aus der Auswander-Ära. So auch im 2019 eröffneten Café und Deli „Macke Pudel“ im beschaulichen Dörfchen Oevenum. Hinter dem Spitznamen Macke Pudel verbirgt sich der Urgroßvater der Geschwister Stina und Nils Barnert. Auch Macke, eigentlich Markus, wanderte aus und betrieb in den 1950er Jahren ein Delikatessengeschäft in Queens. Im Café auf Föhr geht daher echter New York Cheesecake über die Theke.

Zu guter Letzt darf auch Föhrs Nationalgetränk nicht fehlen: der Cocktail „Manhattan“, ein Rezept, das Rückkehrer aus New York mitbrachten. In knapp drei Jahren wird das Getränk hochprozentige Konkurrenz bekommen – made on Föhr.

 Informationen: Föhr Tourismus, Feldstraße 36, 25938 Wyk auf Föhr, Telefon   04681/ 300, E-Mail: urlaub@foehr.de


     www.foehr.de 
     www.friesen-museum.de 
     mackepudel.de 
     www.hinrichsens-farm.de 

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