Köln Yasemin Balaban sagt, sie wolle keinesfalls politisch werden. Aber das sei ihr schon wichtig zu sagen: „In diesen Zeiten, in denen es Missverständnisse gibt zwischen vielen Kulturen, Ländern und Religionen ist es einfach wichtig, in seinem Kosmos, da wo man lebt - in seiner kleinen Welt - so zu agieren, wie wir es gewohnt waren. Es fiel uns eigentlich nie schwer.“ Ein paar Schritte weiter ist ein kleines Areal mit Mokka-Tassen, Gästebuchseiten und einem großen goldenen Schriftzug aufgebaut: „Bosporus“. So hieß das türkische Restaurant, das Yasemin Balaban und ihr Mann Ali führten.

Das Kölnische Stadtmuseum widmet dem „Bosporus“ seit Freitag eine ganze - wenn auch kleine - Ausstellung. Das Restaurant war einst eines der Vorzeigelokale der Stadt, ausgezeichnet und beliebt bei der Stadtgesellschaft. Formal geht es um die Eröffnung der Ausstellung. In diesen Tagen geht es aber unweigerlich auch um mehr als ein Stück Kölner Kulinarik-Geschichte - es geht auch um die großen Fragen. Um das deutsch-türkische Verhältnis, um Integration. Darum, dass sich zwei Kulturen irgendwie fremd geworden zu sein scheinen.

Manchmal hilft es, sich bei einer verkrampften Beziehung an den Esstisch zu setzen. Genau dafür stand das „Bosporus“. Ali Balaban war eigentlich für ein Architekturstudium nach Deutschland gekommen. Dann entschied er sich aber, den Kölnern die türkische Tischkultur näher zu bringen. 1983 macht das Restaurant in der Weidengasse 36 auf. Die Straße im urkölschen Eigelstein-Viertel gilt bis heute als Schmelztiegel der Kulturen. In den Erdgeschossen verkaufen türkische Juweliere und Gemüsehändler ihre Waren, Restaurants braten Lammfleisch. Eine Etage obendrüber blicken Madonnen-Figuren von den Häuserfassaden. Katholizismus meets Köfte.

Die Geschichte des „Bosporus“ ist ein Stück deutscher Integrationsgeschichte. Die Balabans bemühten sich, in ihrem kleinen Einflussgebiet zwischen den Kulturen zu vermitteln. Als sich ein sogenannter Veedels-Manager - Veedel sind die Viertel in Köln - schwer tat, den Zugang zu den Türken zu finden, zogen sie mit ihm von Tür zu Tür, um den Mann vorzustellen. Im Restaurant speiste türkische und deutsche Prominenz: Harald Schmidt, Alfred Biolek und Horst Köhler etwa - am Tag vor seiner Wahl zum Bundespräsidenten. Ebenso Schauspielerin Sibel Kekilli und Tourismus-Unternehmer Vural Öger. Und 1997 der damalige Istanbuler Bürgermeister Recep Tayyip Erdogan. Der sei damals charmant und offen gewesen, sagt Yasemin Balaban. „Wir haben uns so gefreut, dass die Türkei so europäisch ist.“ Und heute? Sie wolle wie gesagt nicht politisch werden. Aber es fällt das Wort „schade“.

Das „Bosporus“ wuchs, es profitierte von seiner guten Küche und dem Ruf, ein Brückenbauer zu sein. 2013 schloss es. Das Viertel habe sich in den Jahren zuvor irgendwie verändert, sagt Yasemin Balaban. Früher habe jeder jeden auf der Straße gegrüßt, man kannte sich. Dann seien immer mehr neue Mieter gekommen, den Hauseigentümern sei es zugleich aber recht egal gewesen, wer da einzieht. Irgendwie zerfranste das Miteinander. Man lebte wieder aneinander vorbei. Das Erscheinungsbild der Straße änderte sich. Ali und Yasemin Balaban beschlossen, dass sie und ihr schickes Restaurant nicht mehr in die Straße passen.

Nun ist die Einrichtung ein Fall für das Museum. Viele werden hoffen: Das, wofür es stand, hoffentlich noch nicht.

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