Boston /New York Erst vor 240 Jahren gegründet, sind die USA ein verhältnismäßig junges Land. Aber die Geschichte Amerikas hat Europa und oft die ganze Welt beeinflusst. Entscheidende Akteure waren meist die Präsidenten. Unter ihren waren arme Schlucker und Millionäre, Genies und Dummköpfe, Trunkenbolde und selbstlose Diener ihres Landes. Ein Besuch an ihren Gräbern sagt viel aus über ihre jeweilige Zeit - und über die USA von heute, die gerade damit befasst sind, über den nächsten Commander-in-Chief zu entscheiden.

Von den bisher 44 Präsidenten wurden nur 8 westlich des Mississippi geboren. Auch aus diesem Grund lohnt es, sich auf der Suche nach Präsidentengräbern auf die Ostküste zu konzentrieren. Zwischen Massachusetts in Neuengland und dem rund 900 Kilometer südlich gelegenen Virginia sind Grabmale von fast zwei Dutzend Präsidenten und gut zwei Jahrhunderte Geschichte zu entdecken. Ein guter Start ist Boston, wo ohnehin sehr viel amerikanische Geschichte begann.

Im Vorort Quincy sind gleich zwei Präsidenten bestattet. John Adams war der erste Zweite und der zweite Erste: Zunächst Vizepräsident unter George Washington (1789-1797), dann dessen Nachfolger als zweiter Präsident der USA (1797-1801). Adams hatte bereits 1776 die Unabhängigkeitserklärung mitentworfen, deren Hauptautor Thomas Jefferson war - sein ewiger Rivale. Adams“ Sohn John Quincy Adams, der ebenfalls in Quincy beigesetzt ist, wurde später der sechste Präsident der USA (1825-1829). „Wir bekommen nicht allzu viele Besucher“, erzählt Ned Pride von der kleinen Kirchengemeinde in Quincy. „Aber einmal im Jahr versammelt sich hier die Familie Adams, und das ist dann hier wie eine Seite aus dem Geschichtsbuch.“

Insgesamt 44 Präsidenten hatten die USA bislang, nun wird der 45. gewählt. Fünf Präsidenten leben noch: Jimmy Carter (92), George Bush (92), Bill Clinton (70), George W. Bush (70) und Barack Obama (55). 38 frühere Präsidenten sind tot. Der Zählung nach müssten es zwar 39 sein, aber Grover Cleveland zählt doppelt: Er war der 22. Präsident, wurde 1888 abgewählt und vier Jahre später noch einmal gewählt, was ihn auch zum 24. US-Präsidenten machte. Sein schlichtes Grab ist in Princeton zu finden, eine gute Autostunde südlich von New York.

Wer die Reise in New York fortsetzt, findet in der Stadt nur einen Präsidenten bestattet - und der war nicht einmal New Yorker. Ulysses S. Grant war ein brillanter General im Bürgerkrieg, doch seine Präsidentschaft missriet ihm. Als er hoch verschuldet im Sterben lag, riet ihm sein Freund Samuel Clemens, eine Biografie zu schreiben. Grant starb 1885 kurz nach deren Vollendung und wurde auf Wunsch seiner Frau in Harlem beigesetzt - damals ein nobler Vorort New Yorks. Für sein Grabmal, eine kleine Kopie von Napoleons Grab in Paris, wurden lange Zeit Spenden gesammelt. Grants Freund Clemens schrieb auch selbst Bücher, allerdings unter Pseudonym: Mark Twain.

Außerhalb New Yorks liegen zwei wichtige Präsidenten begraben, und beide hießen Roosevelt. Direkt am Atlantik ruht Theodore Roosevelt (1901-1909). Er war mit 42 Jahren der jüngste Präsident, den die USA je hatten. Als sein jüngster Sohn Quentin kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs in seinem Flugzeug abgeschossen wurde, traf das den schon angeschlagen Roosevelt schwer - der Cowboy, Soldat, Politiker und Friedensnobelpreisträger starb im Januar 1919, nur zwei Monate nach seinem 60. Geburtstag. Sein bescheidenes Grab fällt auf dem Friedhof in Oyster Bay auf Long Island kaum auf. Eingraviert ist ein Zitat: „Behalte die Sterne im Blick und die Füße auf dem Boden.“

Franklin D. Roosevelt heiratete eine Frau, die schon Roosevelt hieß: Eleanor, eine Nichte seines entfernten Verwandten Theodore. „FDR“ war der einzige Präsident, der sich mehr als zwei Mal wählen ließ. Er starb 1945 kurz nach Beginn seiner vierten Amtszeit und wurde auf seinem Anwesen Hyde Park nördlich New Yorks begraben. Es ist ein stiller, luxuriöser Ort, der zeigt, wie wenig der zuweilen als Sozialist bezeichnete Roosevelt mit einfachen Leuten zu tun hatte.

Noch drei Präsidenten sind im Bundesstaat New York begraben. Millard Fillmore (1850-1853) ruht in Buffalo unweit der Niagarafälle, Chester Arthur (1881-1885) in einem Vorort von Albany. Beide gelten als eher schlechte Präsidenten, dennoch trauert ein pompöser Engel an Arthurs Grab. Ganz schlicht dagegen ist das Grab von Martin Van Buren (1841-1845), der besser Niederländisch als Englisch sprach. Ein Stein mit der Gravur „M.V.B.“ markiert es in Kinderhook südlich von Albany.

Reist man weiter gen Süden, kommt man durch Pennsylvania. Dort gibt es nur ein Präsidentengrab: das von James Buchanan (1857-1861). Den Vorgänger Abraham Lincolns halten Historiker für einen der schlechtesten Präsidenten der US-Geschichte, der oft betrunken war, während das Land zerbrach. Gleich daneben auf dem Friedhof in Lancaster, westlich von Philadelphia, ist Frederick Muhlenberg bestattet. Der war nie zwar Präsident, aber gerne erzählt man sich in Deutschland, dass nur aufgrund seiner Stimme Englisch statt Deutsch die Nationalsprache der USA geworden sei. Tatsächlich ging es damals nur um die Frage, ob in Pennsylvania alle Gesetze auch auf Deutsch veröffentlicht werden sollten. Muhlenberg war dagegen, damit sich die Deutschen schneller integrierten. Um eine Amtssprache ging es nie.

Wer Pennsylvania passiert hat, ist fast in Washington angekommen. In der Hauptstadt ist nur ein Präsident beigesetzt: Woodrow Wilson (1913-1921). Er liegt in der National Cathedral, die auf den ersten Blick wie ein gotischer Dom aussieht, deren Bau aber erst 1990 endete. Wilson, auch er ein Friedensnobelpreisträger, war lange hoch geehrt, doch seit einigen Jahren ändert sich das Bild: Wilson war nach heutigem Maßstab ein Rassist, der Schwarze benachteiligte.

Zwei weitere US-Präsidenten liegen in der Nähe Washingtons auf dem Nationalfriedhof Arlington begraben, der schon zu Virginia gehört. Der eine ist Wilsons Vorgänger Howard Taft, der mit 160 Kilogramm schwerste Präsident, der angeblich zweimal in der Badewanne des Weißen Hauses steckenblieb, bevor eine runde angeschafft wurde. Der zweite ist ein Popstar: John F. Kennedy hatte den Friedhof im November 1963 besucht und schon zuvor gesagt, er liebe den Platz und wolle für immer dort bleiben. Genau zwei Wochen später wurde er tatsächlich in Arlington beigesetzt, nachdem er in Dallas erschossen worden war. An der ewigen Flamme, die dort seit 53 Jahren brennt, liegen jeden Tag frische Blumen. Neben ihm ruht seine Frau Jacqueline, etwas weiter sein Bruder Robert. Kennedys Grab ist immer noch eine Wallfahrtstätte - fast immer kniet dort jemand im Gebet.

Von den 44 US-Präsidenten kamen 8 aus Virginia, darunter auch der allererste: George Washington (1789-1797) besaß eine Plantage, heute nur ein paar Autominuten von der nach ihm benannten Stadt entfernt. Auf Mount Vernon kann man Washingtons Herrenhaus besichtigen. Erst seit ein paar Jahrzehnten werden auch die Sklavenunterkünfte gezeigt. Sie liegen in einigem Abstand zur Gruft des ersten Präsidenten. Das gilt auch für den Familienfriedhof, auf dem James Madison (1809-1817) in Virginia ruht. Der mit 1,63 Meter kleinste aller US-Präsidenten gilt als Vater der US-Verfassung. Er war der vierte im Amt, seine Plantage Montpelier ist heute ein Museum und geöffnet für Besucher.

Das gilt auch für Monticello vor den Toren von Fredericksburg in Virginia. Die Plantage gehörte Thomas Jefferson (1801-1809), einer ambivalenten Figur. Er pries die Freiheit als höchstes Gut, besaß aber Sklaven. Er schrieb Bücher über gutes Wirtschaften, war aber hoch verschuldet. Auf Monticello - das Gutshaus wurde von dem Hobbyarchitekten selbst entworfen - kann man heute noch einige seiner brillanten Erfindungen sehen. Und natürlich sein Grab. Über wenige Gründerväter diskutieren die Amerikaner so sehr, wie über Jefferson, den Freiheitsapostel, der eine Affäre mit einer Sklavin hatte.

Jefferson verband mit John Adams eine Hassfreundschaft. Als Adams am 4. Juli 1826 - auf den Tag 50 Jahre, nachdem beide die Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet hatten - starb, waren seine letzten Worte: „... und Jefferson hat mich überlebt.“ Das war ein Irrtum: Der Rivale und Freund war nur wenige Stunden zuvor gestorben.

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