Mettmen „Das ist die Tödi-Suite“, erklärt Hüttenwartin Sara und lächelt stolz. Der Gast wundert sich über den Begriff „Suite“ auf einer Berghütte. Die Schweizerin öffnet die Tür zu einem winzigen Zimmer mit schmalem Doppelbett und karierter Bettwäsche. Sonst nichts - außer eine fantastischen Aussicht auf die Bergwelt.

Der Tödi ist der höchste Berg der Glarner Alpen im Osten der Schweiz. Und so hat man das einzige Zwei-Personen-Zimmer auf der Leglerhütte im Kanton Glarus ehrenhalber nach ihm benannt. Wohl mit einem Schuss Ironie. Dennoch, ein Doppelzimmer in einer Berghütte auf mehr als 2000 Metern gilt immer noch als etwas Besonderes.

„Die „Tödi-Suite“ wird am meisten nachgefragt“, berichtet Sara. „Auch die Vierer-Zimmer sind beliebt, vor allem bei Familien.“ Früher gab es in Berghütten nur Matratzenlager für manchmal bis zu 30 Personen. Da wurde viel geschnarcht und oft nicht allzu gut geruht.

Aus Platzgründen kann auch die Leglerhütte auf solche traditionellen „Massenlager“, wie sie in der Schweiz heißen, nicht ganz verzichten. Doch vorbei sind hier die Zeiten der kratzigen Militärwolldecken. Heute bettet sich der Bergsteiger im Federbett. Der Anspruch der Gäste am Berg ist in den vergangenen Jahren permanent gestiegen.

Die Leglerhütte auf 2273 Metern über dem Meer, die zum Schweizer Alpen-Club SAC gehört, wurde 1907 gebaut. 100 Jahre später stand die Generalsanierung an. Der mit Holz verkleidete Hüttenaltbau bekam einen kubusartigen Neubau an die Seite, verbunden mit einem Glasübergang. Die Moderne hielt Einzug auf dem Berg.

Das Hüttenwartspaar Sara und Romano Frei-Elmer erinnert sich noch gut an die Zeit davor, die nicht immer gut war und selten bequem: „Nach dem Abendessen vor der Nachtruhe stand man Schlange.“ Denn das einzige Plumpsklo befand sich 20 Meter vom Haus entfernt. Wer musste, musste auch bei Nacht und Nebel durch die Kälte.

Damals gab es nur kaltes Wasser. Das Abwaschwasser für das Geschirr wurde auf dem Holzofenherd erhitzt. Zähneputzen und Waschen absolvierten die Wanderer im Freien. Die Gaststube war schlecht isoliert, und die Gaslampen spendeten kaum Licht, aber viel Ruß.

Heute sorgen eine Photovoltaik-Anlage und ein Blockheizkraftwerk, gespeist mit Rapsöl, für Strom. So gibt es elektrisches Licht und eine Spülmaschine. Die Waschräume haben warmes Wasser. Andere Hütten bieten vereinzelt sogar schon Duschen.

Die modernen, speziell entwickelten Toiletten funktionieren ohne Wasser. „Die Hütte steckt inzwischen voller Technik“, sagt Romano. „Da muss man sich selbst zu helfen wissen.“ Der Hüttenwart als Haustechniker, auch das ist heute Usus.

„Und mit der Abwärme können wir unseren Hot-Pot draußen heizen“, ergänzt der 35-jährige Hausherr. Was heute nicht alles im Gebirge geht: umgeben von 192 Gipfeln im heißen Zuber sitzen und Steinböcke beobachten. Oder Yoga-Tage am Berg verbringen.

Manchem Bergsteiger geht ein solches Hüttenangebot zu weit. Doch auf der mit 60 Plätzen mittelgroßen Leglerhütte honorieren die meisten Gäste diese Entwicklung. Die Zahl der Übernachtungen und der Tagesgäste ist deutlich gestiegen.

Dies ist auch Folge eines Generationswechsels. Während früher Wandern eher etwas für ältere Herren in Kniebundhosen und Wollstrümpfen war, gilt es heute auch bei jungen Leuten als hip. „Inzwischen ist die Hütte oft das Ziel einer Wanderung und nicht wie früher Basislager für eine Gipfelbesteigung“, erklärt Jerun Vils, der Geschäftsführer des Schweizer Alpen-Clubs SAC.

„Beim Unterhalt und Bau von Hütten hat eine Kostenexplosion stattgefunden“, sagt Vils. Bauen im Hochgebirge ist einfach sehr teuer, dazu kommt die viele neue Technik. Sponsoren springen ein, wo die 150.000 SAC-Mitglieder es nicht alleine schaffen, obwohl der Club in den vergangenen Jahren beständig wuchs.

Der Aufschwung des Wandertourismus beschert den Hütten auch kulinarisch anspruchsvollere Gäste. „Der Trend geht zum Genießen“, meint Romano. Er kocht daher mit Anspruch. Auch Essen für Vegetarier und Allergiker ist bei ihm kein Problem. Manche Wanderer steigen die drei Stunden zur Hütte nur wegen seines „Vier-Gang-Verwöhnmenüs“ auf.

Nicht jeder Hüttenwart kommt mit diesen dienstleistungsorientierten Anforderungen klar, will oder kann nicht Gastgeber sein. Dennoch, den einstigen Feldwebelton lassen sich die Gäste nicht mehr bieten. Sie fragen nach immer mehr Service - WLAN und Wickelkommode, Steckdosen für das Smartphone. Je niedriger eine Berghütte liegt, desto höher ist die Komforterwartung.

Eine Hütte soll immer noch eine Hütte bleiben - das finden Sara und Romano. Doch wollen sie den Komfortwünschen der Gäste nachkommen. Die Zeichen der Zeit erkennend, werden die beiden in Mettmen, das 650 Höhenmeter tiefer liegt, Ende 2016 ein Berghotel eröffnen.

Während auf dem Berg also der Modernisierungstrend herrscht, Altes durch Neues zu ersetzen, schlägt mancher im Tal die entgegengesetzte Richtung ein. Im nahen Örtchen Nidfurn, ebenfalls mit freiem Blick auf den Berg Tödi, bieten Christian Behring und Armin Trinkl in einem Schweizer Landvogthaus vier Gästezimmer an.

Die beiden Schweizer, die keine Handys benutzen, haben das originale Gebäude aus dem 16. Jahrhundert mit Antiquitäten eingerichtet und ein Museum für Wohnkultur geschaffen. WLAN gibt es hier nicht, auch keine Fernsehapparate. „Unsere Gäste wählen bewusst ein nicht-modernes Ambiente“, erklärt Behring. „Sie genießen ein historisches Lebensgefühl mitten in den Bergen.“

Informationen: Schweiz Tourismus, Postfach 16 07 54, 60070 Frankfurt (Tel.: 00800/10020030, E-Mail: info@myswitzerland.com).

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