Grasse Nur etwa 20 Kilometer von den Reichen und Schönen im mondänen südfranzösischen Cannes entfernt liegt Grasse. Malerisch auf einem Hügel steht die Wiege des Luxus-Parfüms. Drei Unternehmen haben den ehemals kleinen Ort zum Weltzentrum der Duftstoffe gemacht. Alle drei haben eine ähnlich lange Tradition, und sie alle enden auf derselben Silbe: Fragonard, Galimard und Molinard.

Grasse liegt im Hinterland der Küstenorte und wirkt, als sei die Stadt gänzlich auf Terrassen gebaut. Egal, wo man steht, von jedem Platz aus kann man weit in die Ebene schauen. Nicht umsonst sprechen die Menschen hier davon, auf dem „Balkon des Mittelmeers“ zu leben.

Zahn der Zeit

Ein Deutscher war es, der Grasse in den 1980er Jahren frischen Ruhm verliehen hat. Patrick Süskind ließ seinen düsteren Roman „Das Parfum“ in den engen mittelalterlichen Gassen rund um die Kathedrale Notre Dame de Puy spielen. Der Autor zeichnet eine Stadt, die „unglaublich schmutzig“ ist. Damit sind wir in der Realität, denn Grasse wirkt auf den ersten Blick tatsächlich schmutzig.

Was man in der Altstadt trotz aller Parfümläden als Erstes riecht, ist kein olfaktorischer Hochgenuss. Die Nase meldet etwas Modriges, Feuchtes mit Essensresten Vermischtes. Es passt zu den verwaschenen Fassaden, an denen die Fensterläden schief herunterhängen, die Wäsche achtlos über die Fensterleinen geworfen und die Farbe von den Türen abgeblättert ist. Wenngleich das alles sehr charmant wirkt, der Zahn der Zeit hat ganze Arbeit geleistet.

Kaum zu glauben, dass hier vor 300 Jahren einmal etwas ganz Großes entstanden ist. Zu verdanken ist dies den Gerbern der Stadt, die in Grasse auf die Lederverarbeitung spezialisiert waren. Weil das Leder einen übel pene­tranten Geruch verströmte, hatte der Gerber Galimard im 17. Jahrhundert die zündende Idee, seine Lederhandschuhe in spezielle Blumenöle aus der Gegend zu tauchen. Die Käufer waren begeistert, ein neuer Geschäftszweig war geboren.

Alle notwendigen Rohstoffe für die internationale Duftszene wachsen ohnehin vor der Haustür. Wenige Autominuten von der Innenstadt entfernt, in der Domaine de Manon sind die Blumenfelder von Grasse. Dort wachsen Jasmin und Orangenblüten, Mimose und der weltberühmte blaue Lavendel. Besonders kostbar aber ist die Mairose. Seit fast 100 Jahren bezieht Chanel für sein Parfüm No.5 diese Rosen und auch den Jasmin-Rohduft aus Grasse. Chanel No.5 gehört zu den Top Ten der weltweit am meisten verkauften Parfüms. Zu Ehren der Mairose findet in Grasse im selben Monat jedes Jahr die „Expo Rose“ statt, wo bis zu 40 000 verschiedene Rosenarten präsentiert werden.

Im internationalen Parfümmuseum erfährt man alles über die Geschichte der Düfte und wie sie produziert werden. Fragonard, Molinard und Galimard waren nicht die Ersten auf dem Duftparkett, sondern die Ägypter und Inder. Aber die drei Großen aus Grasse haben die neuere Geschichte bestimmt. Alle drei bieten Führungen durch die Produktion mit anschließendem Verkaufserlebnis an.

Herz- und Kopfnoten

Ein wahres Abenteuer aber sind die Workshops der Firmen. Dort erfährt man in zwei Stunden, was es mit Basis-, Herz- und Kopfnote auf sich hat und wie das alles harmonieren kann. Jeder Teilnehmer kreiert seinen eigenen Duft, man nimmt ihn am Ende mit, und bei Gefallen lässt er sich nachbestellen. Gebucht wird online, dreimal am Tag werden die Kurse in acht Sprachen durchgeführt.

Nathalie Nestler ist Deutsch-Französin und begleitet seit 15 Jahren deutsche und französische Teilnehmer als „Nase“. So werden die Parfümeure in Grasse scherzhaft bezeichnet. „Unsere Ausbildung dauert im Schnitt 14 Monate. Wer aber eine Meisternase werden will, braucht sieben Jahre. Das ist lang, aber dann können sie immerhin 6000 verschiedene Rohessenzen unterscheiden und ein entsprechend anspruchsvolles Parfüm kreieren“ erklärt Nathalie Nestler.

Jeder Teilnehmer sitzt auf einem kleinen Drehhocker vor der sogenannten Duftorgel. Auf drei Ablagen stehen insgesamt 127 verschiedene Geruchsessenzen in kleinen braunen Apothekerfläschchen. Auf dem Tisch sind ein schlanker Glaskolben, ein Mischbecher und mehrere Papierstreifen verteilt. Nathalie Nestler hilft bei der Methodik, der Struktur und dabei, alles nacheinander und vor allem passend zueinander zu kombinieren.

Zuerst muss man einen Bogen mit seinen persönlichen Daten ausfüllen. Dort wird jeder Schritt der nächsten Stunden notiert. Den Anfang macht die Fantasie. Wie soll das eigene Parfüm später heißen? Vielleicht Duftwolke. Parfümeurin Nestler stellt das erste kleine Tablett auf den Tisch. Drei Fläschchen aus zehn sollen gewählt werden. Auf das Etikett darf man dabei nicht schauen, nur die Nase soll entscheiden. Und das im Schnellverfahren, ohne abwägen, ohne nachdenken. „Die erste Auswahl ist die wichtigste. Was hier ausgewählt wird steht für die Persönlichkeit, für die grundsätzliche Richtung, die meinem Teilnehmer gefällt“, sagt Nathalie Nestler.

Dann geht es los. Es sind viele Arbeitsgänge nötig, Dutzende Male werden Fläschchen aufgeschraubt und wieder zugeschraubt, ein neuer Duft in Erwägung gezogen und wieder verworfen. Es dauert nicht lange, bis sich die eigene Nase wie in Trance anfühlt. Jede gewählte Geruchsrichtung wird protokolliert und in eine Geschmacksreihenfolge gesetzt.

„Man braucht übrigens nur eine gesunde Nase, um Parfümdesigner zu werden. Das könnte also praktisch jeder werden, der gute Ideen und Fantasie hat“, sagt Nathalie Nestler und legt das Mischungsverhältnis fest. Zehn Milliliter hiervon, zwanzig davon, zehn von dem und so weiter. So kennt man noch Jahre später die Zusammensetzung des Ergebnisses. Nathalie Nestler macht Vorschläge, was passen kann und was nicht, „letztlich liegt die Entscheidung aber beim Teilnehmer“, sagt sie.

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