MARIENBAD Das Beruhigende: Schon Goethe hat es getrunken. Das Beunruhigende: Es schmeckt wie flüssiger Rost. Aber das Marienbader Quellwasser soll heilen und hat seine Stadt weltberühmt gemacht. In einem weißen klassizistischen Tempel steht das Allerheiligste der böhmischen Kurstadt: der Kreuzbrunnen. Aus rostigen Hähnen tropft das Wasser unablässig in die Schnabeltassen durstiger Kurgäste.

Feine Gesellschaft

Zwei Liter pro Tag sollten es schon sein, möchte man eine der unterschiedlichsten Wirkungen erfahren, die dem mineralhaltigen, hellgelben Wasser zugeschrieben werden. Die Trinkkuren gehen unter den strengen Augen des Schöpfers von Marienbad vonstatten: Doktor Johannes Nehr wacht in der Halle des Kreuzbrunnens als bronzene Büste über sein Werk. Anfang des 19. Jahrhunderts ließ der Arzt des nahe gelegenen Klosters Tepl diesen böhmischen Sumpf trockenlegen, um ein Kurbad zu gründen – der vielen Heilquellen wegen.

Heute ist Mariánské Lázne berühmt für sein Wasser, seine pompöse Bäderarchitektur, seine berühmten Gäste. Vom Kreuzbrunnen geht der Blick nach Süden über den Kurpark, einen wundervollen englischen Landschaftsgarten. Die Straßen werden zu beiden Seiten gesäumt von Zuckerbäcker-Hotels.

1820 kam Johann Wolfgang von Goethe zum ersten Mal nach Marienbad. Er wird mit der Kutsche nicht wesentlich langsamer gewesen sein als der Zug, der heute in Schrittgeschwindigkeit durch den Wald ächzt.

Im Jahr 1821 machte Goethe die Bekanntschaft von Ulrike von Levetzow und verliebte sich in die 17-Jährige. Der Dichterfürst war zu diesem Zeitpunkt 72 Jahre alt, seine Ehefrau Christiane seit fünf Jahren tot.

Im Sommer 1823 ließ er den Großherzog von Weimar, Carl August, um die Hand Ulrikes bitten. Ihre Familie lehnte ab. Die Geschichte war in Weimar schon zum Skandal geworden, bevor Goethe dort wieder ankam. Noch in der Kutsche schrieb er den ersten Entwurf der Marienbader Elegie nieder. Der Geheime Rat verliebte sich nach allem, was wir wissen, bis an sein Lebensende nicht mehr – und mied fortan Marienbad.

Marienbad hat seinem größten Promi ein Museum im ehemaligen Hotel zur goldenen Traube am jetzigen Goetheplatz eingerichtet. Man weiß, was man dem Großdichter zu verdanken hat. Goethe hatte die feine Gesellschaft hierher geführt. Ein Jahrhundert lang galt ein Kur­urlaub in Marienbad als Statussymbol für Europas Geld- und Geistesadel.

Die wichtigsten Kuranwendungen von damals werden heute noch praktiziert. Die klassischste Form ist das Mineralbad. Eine sehr große, sehr rostig aussehende Badewanne ist mit angewärmtem Quellwasser gefüllt, dem Mariengas zugesetzt wurde. Überall blubbern Blasen, bei jeder Bewegung schäumt es. Sehr entspannend, auch wenn die Rostflecken an den Unterarmen nach ein paar Minuten unangenehm auffallen.

Strenges Regiment

Derartig durchblutet, ist der Besucher gerüstet für eine der Hauptbeschäftigungen, denen die Gäste Böhmens seit Jahrhunderten nachgehen – essen. In Marienbad findet man weder Kneipen noch Discos, dafür Cafés und Restaurants in einer unglaublichen Dichte. Zuerst Prager Schinken, dann böhmisches Rauchfleisch, hinterher Schweinebraten mit Knödeln, dazu Pivo, also Bier – danach kann man sich zur Verstoffwechselung schon wieder ins Mineralbad legen.

Falls man sich im 19. Jahrhundert so Wellness vorgestellt hat: Gesund war das sicher nicht. Immerhin war das Trinkregiment früher strenger. Gustav Mahler beschwerte sich darüber, schon um 5 Uhr früh zu irgendeiner Quelle aufbrechen zu müssen, um einen Viertelliter der gelblichen Flüssigkeit zu trinken. Der englische König Edward VII. wiederum tat das mit großer Freude, ebenso Richard Wagner, Jan Neruda, Frederic Chopin, Friedrich Nietzsche, Mark Twain, Stefan Zweig und ungezählte mehr.

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