Canossa „Ich bin von Canossa gefangen“, sagt Mario Bernabei (65) und lacht. Dabei ist seine Herzdame, von der er mit viel Leidenschaft und Begeisterung erzählt, schon lange tot. Bernabei ist Präsident des „Castella“-Clubs für die Burgen und Schlösser der Region Emilia Romagna in Norditalien. Wenn man mit ihm über die Markgräfin Mathilde von Canossa (1046–1115) spricht, ist es, als rede man über eine gute Nachbarin.

Schnelle Sportwagen

Nachdem ich die letzten steilen Meter zur Burg Canossa hinaufgestiegen bin, kann ich ein wenig nachempfinden, wie Heinrich IV. sich bei seinem Bußgang nach Canossa im Winter 1077 gefühlt haben muss – nur dass mir an diesem schönen Spätherbsttag sehr heiß wird. Einsam thront die Halbruine auf dem weißen Sandsteinfelsen im hellen Sonnenlicht, von Unwettern, Erdrutschen und Kanonenkugeln in Mitleidenschaft gezogen, aber mit einem wunderbaren Rundumblick auf die Ausläufer des Apennin-Gebirges und die Nachbarburgen.

Innerhalb einer Stunde erreicht man von der Adriaküste aus mit dem Auto das hügelige Hinterland der Emilia Romagna. Kein Städtename sondern „Terre di Canossa“ steht an der Ausfahrt der A 1, die ins Zielgebiet führt. Für die Region sind Mathilde und ihr Mythos von großer Bedeutung. Eine Frau, die – ungewöhnlich für ihre Zeit – lesen und schreiben konnte und deren Herrschaftsbereich mehr als ein Drittel der italienischen Halbinsel umfasste.

Abseits der Touristenströme der Adria erstreckt sich eine ursprüngliche, von mittelalterlichen Dörfern und Burgen geprägte Landschaft. Naturliebhaber, Wanderer, Radfahrer und Wassersportler kommen in zwei Nationalparks und 14 Regionalparks auf ihre Kosten. Die Städte Reggio Emilia und Modena – die Heimat von Luciano Pavarotti und Enzo Ferrari – sind reich an kulinarischen Köstlichkeiten, kulturhistorischen Schätzen und Designerboutiquen, Sportwagen-Manufakturen und Museen.

Die ehemalige Burgkapelle von Canossa, vor deren Tür der exkommunizierte König aus dem Geschlecht der Salier im tiefsten Winter drei lange Tage im Büßergewand und ohne Königsinsignien ausharrte, um Papst Gregor VII. um Vergebung zu erbitten, ist nur noch als Ruine erhalten. Vermutlich verdankt der in Goslar geborene Heinrich die Aufhebung des Kirchenbanns unter anderem der Fürsprache der Markgräfin Mathilde von Canossa, die dem Papst Unterschlupf gewährt hatte. Von Heinrichs Vater, dem deutschen Kaiser, als Kind nach Goslar verschleppt, war Mathilde vorübergehend gemeinsam mit Heinrich aufgewachsen.

Noch heute gibt es eine Verbindung in den Harz. Auf dem Großen Burgberg in Bad Harzburg steht das Bismarck-Denkmal mit dem Zitat: „Nach Canossa gehen wir nicht“. Der Ausspruch von Kanzler Otto von Bismarck während der Reichstagssitzung am 14. Mai 1872 war eine Anspielung auf die Demütigung Heinrichs des Löwen durch Papst Gregor VII. im Hochmittelalter.

Berühmtes Zitat

Erst durch das Bismarck-Zitat gelangte Canossa ins kollektive Gedächtnis einer ganzen Nation. „Nach Canossa gehen“ wurde weltweit zum Synonym für „Demütigung und Vergebung“. Dabei hatte der Reichskanzler nur die Besorgnis zerstreuen wollen, dass die Reichsregierung die Souveränität der deutschen Gesetzgebung gegenüber dem Vatikan preisgeben könnte.

Das ehemalige Haupthaus der Burg ist vor einigen Jahren mit großem Aufwand rekonstruiert worden. Jetzt dient es als Museum. 20 000 Besucher kommen jährlich, vor allem Amerikaner und Deutsche. Der berühmteste war wohl in den 1970er Jahren Kardinal Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI.

2015 werden noch mehr erwartet, denn dann wird es in der Region zahlreiche Festivals zum 900. Todestag der Mathilde von Canossa geben.

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