Stadland /Elsfleth /Brake Es war ein Wolf, der durch ihren Garten lief. Im Dezember, in Rodenkirchen (Gemeinde Stadland). Hinten rein, quer über die Wiese, um die Hausecke, vorne wieder raus. Edith Schweers ist sich ganz sicher. „Keine zwei Meter war ich an dem Tier dran“, sagt sie.

War es nicht vielleicht ein Hund? „Nein“, sagt Schweers. „Ich kenne jeden Hund in der Gegend.“ Sie habe sofort im Internet nachgeschaut. „Es war ein Wolf.“ Lange Beine, etwas abgemagert. Davon lasse sie sich nicht abbringen. Auch nicht durch Lästereien im Dorf. Für ein Foto war sie leider zu aufgeregt.

Edith Schweers wohnt in einer ruhigen Siedlung am Ortsrand. Dahinter ein schmaler Baumgürtel, der Deich, der weite Groden. Es ist still hier an kalten Wintertagen. Kaum Spaziergänger. Nur die versammelte Gänseschar auf der Außenseite des Deichs macht manchmal Alarm. Dass irgendwo dort draußen ein Wolf herumstreift, kann man sich zumindest vorstellen.

Wolfsberater zweifelt

„Ich glaube nicht, dass sich in der Wesermarsch Wölfe aufhalten“, sagt Franz-Otto Müller. Die Fantasie verblasst.

Müller ist ehrenamtlicher Wolfsberater in der Region. Der Braker geht davon aus, dass Edith Schweers einen Hund gesehen hat. Das sagt ihm die Erfahrung. Nachprüfen kann er es Wochen später ohnehin nicht mehr. „Der Landkreis Wesermarsch ist wolfsfrei“, betont Müller.

Die Schäfer in der Region werden das gerne hören. Kaum jemand fürchtet das Auftauchen der Raubtiere so sehr wie sie. Doch nicht alle sind zuversichtlich. „Die Wesermarsch ist nachweislich noch nicht betroffen“, sagt Schafzüchter Fred Wachsmuth aus dem Elsflether Stadtteil Moorhausen. „Aber sie werden kommen. Das ist so sicher, wie das Amen in der Kirche.“

Der Blick auf die Wolfskarte lässt vermuten, dass die Wölfe die Deiche und das Meer längst erreicht haben. In den 1990er Jahren wandern die ersten Tiere aus Westpolen nach Sachsen ein. 1998 siedelt sich ein Wolfspaar in der Muskauer Heide an, zwei Jahre später werden dort die ersten Welpen nachgewiesen. In den neuen Bundesländern gibt es inzwischen mehrere Rudel. Die Zahl der Schafsrisse steigt.

Und die Wölfe wandern weiter nach Westen. In Niedersachsen gibt es 2007 den ersten Nachweis für Wolfsvorkommen. Zunächst erobern sie die Lüneburger Heide. Doch spätestens seit 2013 haben die Wölfe auch den Nordwesten erreicht.

Im Kreis Cuxhaven lebt ein Wolfspaar. Der berüchtigte Goldensteder Wolf, der in den Kreisen Vechta, Oldenburg und Diepholz zahlreiche Schafe gerissen hat, soll nicht mehr alleine unterwegs sein, wie es heißt.

Für Wölfe, die auf Wanderschaft Strecken von bis zu 70 Kilometer am Tag zurücklegen, wäre es ein Katzensprung in die Wesermarsch.

„Der Wolf benötigt keine pure Wildnis, er geht dem Menschen aus dem Weg. Bereiche, die tagsüber von Menschen genutzt werden, können nachts durchaus von Wölfen belaufen werden“, heißt es bei der Landesjägerschaft Niedersachsen.

Edith Schweers erinnert sich noch genau an den Tag, als der Wolf durch den Garten lief. Durchs Fenster erblickte sie ihn, ging auf die Terrasse. „Der hätte mich sehen können. Jeder Hund hätte gekuckt.“ Doch das Tier sei einfach weitergelaufen. Fast arrogant, meint Schweers. „Die haben keine Scheu.“

Wie der Wolf in den Garten rein- und wieder rausgekommen ist, darüber rätselt die ehemalige Berufsschullehrerin noch immer. Maschendrahtzaun, Feuerhecke, Rhododendron, ein undurchdringlicher Schutzwall umgibt den Garten. Auch wegen der Labrador-Hunde ihrer Kinder, die sie manchmal versorgt. „Die kommen nicht weg.“

Der Wolf schon. „Der muss gesprungen sein“, vermutet Schweers. Durchs Küchenfenster sieht sie noch, wie sich das Tier in aller Ruhe über die Straße davontrollt. „Die Kaninchen sind verschwunden“, fügt Schweers’ Lebensgefährte Wolfgang Noack hinzu; die wilden, die auch den Garten bevölkerten. Ein Indiz für einen Wolf in der Gegend?

Zwei Wochen später sieht Edith Schweers den Wolf noch einmal. Abends, im Scheinwerferlicht ihres Autos, einige Straßen weiter. Ganz kurz.

Nur wenige Kilometer weiter, in der Deichschäferei direkt am Atomkraftwerk, glaubt man nicht an einen Wolf in der Gegend. Hilke Strodthoff-Schneider hat keinen gesehen, nichts von einem gehört. „Das wüsste ich.“ Ein großer Hund soll sich aber rumtreiben, meint sie.

Wolfsberater Franz-Otto Müller versucht angesichts des mit Deichschafen reichlich gedeckten Tischs eine logischen Erklärung: „Der wandert hier nicht nur rum und frisst Mäuse. Bei Übergriffen müsste es Spuren geben.“

Übergriffe gibt es in der Wesermarsch. Das Land hat bei den gemeldeten Nutztierrissen in Niedersachsen 2015 zwei Fälle aus Elsflether Sand gelistet. Einmal war es ein Hund, einmal kein Wolf.

Schafherde in Panik

In Ovelgönne-Neustadt bricht Mitte Dezember in einer Schafherde der Züchterin Alke Feise-Addicks Panik aus. Zahlreiche Tiere ertrinken auf der Flucht in einem Graben. Auf der Liste der Nutztierrisse stehen 25 tote Schafe. Wolf oder Hund? Die DNA-Proben sind noch nicht ausgewertet.

Wolfsberater Müller hat bisher zwei angebliche Sichtungen in der Wesermarsch an das Wolfsbüro in Hannover weitergeleitet. Im Ovelgönner Ortsteil Großenmeer will ein ehemaliger Förster gleich zwei Wölfe am Rande einer Neubausiedlung gesehen haben. In Ovelgönne, Ortsausgang Richtung Brake, beobachtet eine Altenpflegerin nachts ein wolfsähnliches Tier. Der mögliche Wolf im Garten von Edith Schweers ist die dritte Meldung. Die Spur führt nach Norden.

Marco Seng Redakteur / Reportage-Redaktion
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