Oldenburg An seinem ersten Arbeitstag auf der herzchirurgischen Intensivstation im Klinikum Oldenburg hatte der junge Pfleger Niels Högel, 22 Jahre alt, eine beeindruckende Begegnung. Vor ihm stand ein erfahrener Kollege, der Kittel blutbespritzt, auf den Lippen ein lässiger Satz: „Wir haben da gerade einem Patienten 100 Blutkonserven reingedrückt.“

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Der Mordprozess gegen Niels Högel wird am 16. und 17. Mai mit den Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Nebenklage-Vertretern fortgesetzt. Der für diesen Freitag angesetzte Prozesstag entfällt.

Für Högel stand fest: So ein „Hardcore-Pfleger“ wie dieser Kollege wollte er auch werden.

Es kam dann sehr viel schlimmer.

Es ist Tag 20 im Prozess gegen den früheren Krankenpfleger Niels Högel, angeklagt wegen Mordes an 100 Patienten, und am Zeugentisch sitzt Professor Dr. Henning Saß, 74 Jahre alt, Psychiater, Hochschullehrer. Saß soll die Schuldfähigkeit Högels beurteilen, er ist vor einigen Monaten kurzfristig für den erkrankten Gutachter Dr. Konstantin Karyofilis eingesprungen. Nun muss er unter erschwerten Bedingungen arbeiten: Högel hat sich geweigert, ein weiteres Mal mit einem Psychiater zu sprechen. Saß muss sich deshalb auf die Akten verlassen, auf Urteile, ältere Gutachten, Vernehmungsprotokolle, in denen sich Högel-Aussagen wie die Episode mit den 100 Blutkonserven finden.

Saß kennt das. Auch die Hauptangeklagte im NSU-Prozess, Beate Zschäpe, sprach nicht mit ihm persönlich. Saß befand sie anhand der Akten für schuldfähig.

Jetzt also Högel. Das Material ist „umfangreich“, so Saß, „ausreichend“. In scharfen Konturen zeichnet er daraus das Bild eines Mannes, der gestörte und krankhafte Züge hat, aber keineswegs ein „gravierend psychisch kranker Mensch“ ist. Nach links schaut Saß während seines Vortrags nicht. Dort sitzt der Angeklagte, mittlerweile 42 Jahre alt, im unvorteilhaften Querstreifen-Shirt und stiert mit ausdruckslosem Blick ins Leere.

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Es ist wenig schmeichelhaft, was Högel über sich zu hören bekommt. Dass er ein notorischer Lügner ist, haben vor Saß auch schon andere Gutachter festgestellt. Saß bescheinigt ihm nun auch noch eine ethische Verwahrlosung und menschliche Verrohung; ein guter Patient sei für ihn ein Patient, „wenn ein grünes Tuch über ihm liegt“. Er attestiert Högel ein „Fehlen von Scham und Reue“ und sieht einen „bemerkenswerten Mangel an Empathie“.

Getötet habe er aus einem ganzen Motivbündel, so Saß weiter. Er nennt da Högels Geltungsbedürfnis vor Kollegen, eine Rivalität mit den Ärzten auf der Station, den Wunsch nach Selbsterhöhung als „Herr über Leben und Tod“, die Suche nach der stimmungshebenden Wirkung von Notfall-Einsätzen.

Högel, so Saß, zeige Merkmale einer Persönlichkeitsstörung, schwer krank sei er aber nicht. Kurz: Högel ist schuldfähig; Gründe, ihn in die Psychiatrie oder in eine Entzugsklinik einzuweisen, sieht der Experte keine.

Die Frage, ob bei Högel zusätzlich zur lebenslangen Haftstrafe eine Sicherungsverwahrung angeordnet werden sollte, gibt Saß zurück ans Gericht. In den vorangegangenen Prozessen sahen die Gutachter die Notwendigkeit nicht. „Ich bin da skeptischer“, sagt Saß. Er hält Högel aufgrund seiner Persönlichkeitsmerkmale für gefährlich; Högel könnte nach einer Haftentlassung auch in einem anderen Umfeld als im medizinischen Taten begehen.

Das Landgericht Oldenburg will das Urteil über Niels Högel am Donnerstag, 6. Juni, sprechen.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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