Oldenburg Höher. Weiter. Schneller. Wer ganz nach oben will, muss sich anstrengen. Fünf Stockwerke hochsteigen zum Beispiel. Oder fliegen. Dörthe Heuer nimmt den Fahrstuhl. Mit dem bienenbedruckten Jutebeutel in der Rechten bahnt sie sich den Weg vorbei an purpurnen Roben und rosa Perücken.

Zweimal links abgebogen öffnet sie die Tür zu ihrem Revier. Hinter dem Notausgang zum Dach wird seit Sonnenaufgang geschuftet.

Es ist halb neun morgens. Im Oldenburgischen Staatstheater gibt es noch nichts zu sehen. Auf dem Dach dafür einiges. 120 000 Honigbienen leben hier. Engagiert wurden die emsigen Insekten von Gesine Geppert, die als Leiterin der Sparte 7 verschiedene Projekte zu Nachhaltigkeit und Naturschutz organisiert. Weil sie sich allerdings besser mit zweibeinigen Künstlern auskennt, hat sie eine Fachfrau um Hilfe gebeten. „Bingo“, hat Dörthe Heuer gesagt, als sie zum ersten Mal die Feuertür zum Theaterdach geöffnet hat.

Begeistert war die Vorsitzende der Oldenburger Imkervereins nicht wegen der tollen Aussicht – auch wenn die gelernte Dolmetscherin eher selten Cäcilienpark, Schloss und City aus dieser Perspektive bewundern kann. Viel wichtiger, dass die beiden Bienenvölker hier, in rund 20 Metern Höhe, ihre Ruhe, Sonne, ein bisschen Wind und ideale Nahrungs- und Arbeitsbedingungen haben.

Arbeitsreiches Leben

„Kastanie, Weide, Kirsche, Brombeere und in ein paar Wochen Linde “, zählt Dörthe Heuer auf und kramt ihren weißen Schutzanzug aus dem Bienen-Jutebeutel. Nach so üppiger Flora und Fauna können Bienen in ländlichen Gebieten der Region lange suchen. Dort gäbe es überwiegend Monokulturen, die wichtigen Grünstreifen zwischen den Feldern verschwänden. Leicht haben es die Insekten nicht, weiß die 51-Jährige.

Ein mühsames und arbeitsreiches Leben liegt allerdings in der Natur der Sache. Ein bis zwei Wochen bleiben die weiblichen Theater-Bienen derzeit auf der Welt. „Danach sterben sie. Vor Anstrengung“, sagt die Imkerin und zieht sich das Netz ihres Imkerhutes vors Gesicht. Männliche Kollegen, die Drohnen, haben es etwas besser. Sie bleiben die meiste Zeit zuhause im Stock und werden gefüttert. Im Gegenzug wärmen sie ihre Weibchen. Vergänglicher Höhepunkt ihres Lebens ist die Begattung einer fremden Königin, nach der sie tot auf den Boden sinken. Mit bis zu 20 Drohnen vergnügt sich eine Königin – das reicht, um an die fünf Jahre Nachwuchs auf die Welt zu bringen. 2000 Eier legt die begattete Monarchin am Tag. Kein Wunder, dass hier inzwischen ein 120 000-köpfiges Volk herumschwirrt.

Zu Verirrungen kommt es trotz großem Aufkommens selten: In den zwei Bienenstöcken herrschen klare Regeln. Die jeweils regierende Königin sendet spezielle Duftstoffe aus. Pheromone. An denen sich ihre Untertanen orientieren. Wer doch mal den falschen Eingang wählt, kassiert Prügel.

Ansonsten seien die beiden Völker allerdings sehr friedlich, sagt Dörthe Heuer und verzieht das Gesicht. Gerade hat die Imkerin ihren zig-hundertsten Stich kassiert. Daran sei sie gewöhnt und ihr Körper inzwischen immun, sagt sie schulterzuckend. Seit zehn Jahren beschäftigt sich die 51-Jährige mit Bienenzucht. Angefangen habe alles mit der Frage, wie der Kirschbaum im Garten besser gedeihe.

Bienen waren die Lösung und sind heute leidenschaftliches Hobby. 20 Stöcke betreut die Vereinsvorsitzende mittlerweile. Bei den geheimen Hauptdarstellern des Staatstheaters schaut sie alle anderthalb Wochen nach dem rechten. Mitte Juni wird sie das erste Mal Honig ernten. „Der sitzt hier“, sagt sie und zieht eine klebrige Wabe aus dem obersten Kasten des vierstöckigen Bienenpalastes auf Styroporbasis. Die elf Rahmen dienen den Insekten zur vermeidlichen Vorratshaltung. Weiter unten sitzt die Brut und gut geschützt in der Mitte die Königin.

Dass Dörthe Heuer ihren Völkern die Honigwaben wegnimmt und leer zurückgibt, ist insofern fair, als dass die Bienen im Sommer laufend Nachschub produzieren und zur Winterzeit von der Imkerin mit Zuckerwasser versorgt werden. „Honigbienen können ohne Menschen nicht überleben“, sagt Dörthe Heuer. Sie erzählt von krankmachenden Milben, gegen die die europäischen Arten keine Chance haben und vor denen die Imker sie bewahren. Zwischen Oktober und Februar können die fleißigen Tiere übrigens relaxen. Wer im Herbst geboren wird, arbeitet sich nicht zu Tode und kann bis zu einem halben Jahr leben. In dieser Zeit wird überwiegend gekuschelt. „Die Bienen formieren sich zu einem Knäuel. In der Mitte sitzt die Königin und wird gewärmt“, sagt die Imkerin. Ab Temperaturen um zehn Grad unternehmen Bienen auch mal Ausflüge. Der Alltag spielt sich im Winter jedoch im Stock ab. Weil die Theater-Bienen Dauergäste bleiben sollen, werden sie oberhalb von Oldenburgs Dächern überwintern. Ihre Miete: Theaterhonig. Auf 50 Kilo hofft Dörthe Heuer.

Mischhonig in Gläsern

Verkauft werden kann die süße Ernte erst nach dem Schleudern und Rühren. „Drei Wochen lang zwei mal am Tag, bis er anfängt zu kristallisieren und fest wird“, sagt die Imkerin. In Gläser abgefüllt soll der Mischhonig dann ab Herbst im Theatercafé erhältlich sein. So bekommt das Publikum geschmackvoll die Thematik Bienensterben aufs Brot geschmiert.

Aus eigener Kraft protestierend aufs Dach steigen und Theater machen können die Insekten nämlich nicht. Wäre auch nicht ihre Art. Die tierisch fleißigen Tausendschafen lieben es höher, weiter, schneller. Jetzt haben sie die passende Kulisse.

Lea Bernsmann Redakteurin / Redaktion Oldenburg
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