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Oldenburg /Delmenhorst Wird sich das harte Vorgehen der Staatsanwaltschaft gegen erinnerungsschwache Zeugen aus dem Klinikum Oldenburg auf das Aussageverhalten ihrer Kollegen auswirken?

Im Mordprozess gegen Niels Högel will das Gericht an diesem Donnerstag weitere Mitarbeiter des Klinikums hören, darunter Pfleger der herzchirurgischen Intensivstation und die damalige Vorsitzende des Betriebsrats. Gegen vier weitere Ex-Kollegen des früheren Krankenpflegers Högel, deren Zeugenaussagen vor Gericht die Staatsanwaltschaft nicht glaubwürdig fand, sind mittlerweile Verfahren wegen Meineids eingeleitet worden. Einem weiteren Kollegen wird unendliche Falschaussage vorgeworfen.

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Gar nichts sagen werden unterdessen die ehemaligen Führungskräfte des Hauses, gegen die wegen Tötung durch unterlassen ermittelt wird. Ihnen wird vorgeworfen, Högel nicht gestoppt zu haben, obwohl ihnen Hinweise auf ein Fehlverhalten vorlagen. Da sie selbst im Fokus der Ermittler stehen, steht ihnen ein Auskunftsverweigerungsrecht zu. Vier Mitarbeiter aus dem Klinikum Oldenburg und zwei aus dem Klinikum Delmenhorst haben bereits angekündigt, davon Gebrauch machen zu wollen. Das Gericht verzichtet deshalb auf ihr Erscheinen und hat die Zeugen wieder abgeladen, wie es im Gerichtsdeutsch heißt.

Der Fall Högel

Er ist einer der furchtbarsten Serienmörder der deutschen Nachkriegsgeschichte: Ex-Krankenpfleger Niels Högel ist bereits wegen sechs Taten zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Doch ihm könnten weit mehr Menschen in Oldenburg und Delmenhorst zum Opfer gefallen sein.

NWZ-Chefreporter Karsten Krogmann – ausgezeichnet 2016 für die Reportage „Warum stoppte niemand Niels Högel?“ – berichtet an dieser Stelle aktuell vom Prozess in der Weser-Ems-Halle in Oldenburg.

Hintergrund: Der Fall Niels Högel steht für die größte Mordserie in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Der ehemalige Krankenpfleger soll in den Jahren 2000 bis 2005 zunächst 36 Patienten im Klinikum Oldenburg und dann 64 weitere Patienten im Klinikum Delmenhorst getötet haben, indem er ihnen heimlich Medikamente in Überdosis spritzte. Für sechs weitere Taten im Klinikum Delmenhorst wurde der inzwischen 41-jährige Högel bereits in früheren Prozessen verurteilt. Er verbüßt eine lebenslange Haftstrafe in der Justizvollzugsanstalt Oldenburg.

Multimedia-Dossier: Der Fall Högel

31. Januar: Zeugin will Vereidigung verweigern

Dramatische Szene im Gerichtssaal: Als Richter Sebastian Bührmann im Högel-Prozess eine aussageunwillige Zeugin vereidigen will, verliert die 67-Jährige die Fassung: „Ich will nicht vereidigt werden!“, sagt die frühere Krankenschwester Alwine C. aus dem Klinikum Delmenhorst. „Ich weiß nicht, was ich sagen darf und was ich nicht sagen darf“, erklärt sie aufgelöst ihr Verhalten. „Ich habe die Befürchtung, dass ich mich selbst reinreiße. Ich habe die Angst, dass ich jetzt schuld bin.“

Das Gericht verzichtet daraufhin auf die Vereidigung. „Ich merke, dass Sie am Rande sind dessen, was Sie körperlich und gesundheitlich ertragen können“, sagt Bührmann. „Ich werde Sie deshalb erst mal entlassen.“

Auch wenn das Aussageverhalten der Zeugin laut Bührmann „fatal“ ist: Die Szene zeigt eine Dimension des Falls Högel, die bislang wenig Beachtung fand. Nämlich: Welche Folgen haben die intensiven Ermittlungen gegen Ex-Kollegen des wegen hundertfachen Mordes angeklagten Högel? Die Staatsanwaltschaft hatte gegen sechs Klinik-Mitarbeiter aus Delmenhorst Anklage erhoben, in vier Fällen hat das Landgericht Oldenburg die Anklage zugelassen. Der Vorwurf: „Tötung durch Unterlassen“. Der Prozess gegen Klinikmitarbeiter soll nach Abschluss des Verfahrens gegen Högel beginnen.

Dass dies merkliche Spuren hinterlassen hat in der Belegschaft, zeigt nicht nur der Auftritt von Alwine C. Bereits am Vortag hatte Krankenpfleger Michael F. sich nur zäh und mühevoll erinnert an die Vorgänge auf der Intensivstation. Wiederholt musste das Gericht ihm Zitate aus früheren Vernehmungen durch die Polizei vorhalten. Auch gegen F. war Anklage erhoben worden, das Landgericht hatte diese Anklage aber nicht zugelassen. Mehrfach sagte Richter Bührmann den Zeugen, dass sie nichts zu befürchten hatten - offenbar vergeblich.

Eine weitere Zeugin berichtete zudem, dass es so etwas wie einen „Maulkorb“ gegeben habe für die Mitarbeiter des Klinikums, nachdem Högel 2005 auf frischer Tat ertappt worden war. Verfügt habe ihn die Stationsleitung. „Es sollte nichts nach draußen getragen werden“, sagte Birgit S. vor Gericht. Auch andere Abteilungen des Krankenhauses sollten nichts vom Fall Högel erfahren. Der Ruf des Hauses dürfe nicht beschädigt werden.

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30. Januar: Klinik-Chef Tenzer verteidigt Vorgehen

Vorstandschef Dr. Dirk Tenzer hat am Mittwoch vor Gericht das Vorgehen des Klinikums Oldenburg verteidigt, allen Mitarbeitern für Zeugenaussagen im Fall Högel einen Anwalt zur Seite zu stellen und auch zu bezahlen. Der 46-jährige Krankenhausmanager sagte am zehnten Verhandlungstag in der Weser-Ems-Halle, er sehe das als seine „Fürsorgepflicht“ an. „Für unsere Mitarbeiter ist es eine absolute Ausnahmesituation, überhaupt in diesem Mordprozess aussagen zu müssen“, so Tenzer. Weil die Mitarbeiter zum Teil „große Ängste“ gezeigt hätten, habe man entscheiden: „Die müssen da nicht allein hingehen.“

Fast alle Mitarbeiter des Klinikums hatten sich zu Vernehmungen durch die Polizei von einem Anwalt begleiten lassen. Auch vor Gericht war ein Teil der Mitarbeiter mit Rechtsbeistand erschienen. Beamte der Soko „Kardio“ hatten dieses Vorgehen auf Nachfragen des Richters als „auffällig“ bezeichnet und zudem große Erinnerungslücken der Zeugen aus dem Klinikum festgestellt.

Auch Richter Sebastian Bührmann sagte, es sei ihm in knapp 20 Jahren Richtertätigkeit „noch nicht vorgekommen, dass ein Arbeitgeber jedem seiner Arbeitnehmer einen Zeugenbeistand stellt und bezahlt“. Aber, so Bührmann, „alles an diesem Verfahren ist ungewöhnlich“. Es sei das Recht jedes Zeugen, sich anwaltlich beraten zu lassen. Der Richter sagte aber auch, „es kann ein anderer Eindruck entstehen“, nach dem Motto: „Wes Brot ich ess‘, des Lied ich sing‘“.

Klinikum-Chef Tenzer wies den Eindruck zurück, er habe über den Anwalt Einfluss nehmen wollen auf Zeugenaussagen. Er könne ausschließen, „dass es Anweisungen von meiner Person gegeben hat, dass Zeugen mundtot gemacht werden, was mir hier ja unterschwellig vorgeworfen wird“.

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23. Januar: Nebenklagevertreter fühlen sich „zum Narren gehalten“

Gleich der erste Zeuge des Prozesstages hat in der Weser-Ems-Halle für Verärgerung gesorgt: Mehrere Nebenklagevertreter wollten Erklärungen abgeben, weil sie sich von Johann K., stellvertretende Stationsleitung im Klinikum Oldenburg „zum Narren gehalten“ fühlten oder ihnen „gleich der Kragen platzt“. Der 53-jährige K., Ex-Kollege des wegen hundertfachen Mordes angeklagten Pflegers Niels Högel, hatte zuvor in eineinhalbstündiger Vernehmung große Erinnerungslücken offenbart.

Auch der neunte Prozesstag vor dem Landgericht Oldenburg legt den Fokus auf die ehemaligen Kollegen Högels. Als zweiter sagte Stephan K. aus. Der 48-Jährige arbeitete sowohl in Oldenburg als auch ab 2003 zusammen in Delmenhorst mit Niels Högel. Er war auch privat mit ihm befreundet und sollte dem Gericht vor allem Erkenntnisse zur Person, dem Charakter und möglichen Wesensveränderungen geben.

Ebenfalls auf der Zeugenliste stehen zwei Krankenschwestern, mit denen Högel eine Beziehung hatte. Das Gericht schloss für ihre Vernehmung am Nachmittag die Öffentlichkeit aus. Es würden „Umstände aus dem persönlichen Lebensbereich“ zur Sprache kommen, begründete Richter Sebastian Bührmann die Entscheidung, „Fragestellungen betreffen den Sexual- und Intimbereich“. Durch das große Medieninteresse an dem Fall könnte die Privatsphäre der Zeuginnen in den Fokus der Öffentlichkeit geraten.

Auch für die nächsten Prozesstage in der kommenden Woche sind ehemalige Kollegen aus Delmenhorst und Oldenburg geladen.

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22. Januar: Wussten Kollegen frühzeitig von Högels Taten?

Der Krankenpfleger Frank Lauxtermann hat im Mordprozess in der Weser-Ems-Halle seine ehemaligen Kollegen im Klinikum Oldenburg schwer belastet. „Es gab Kollegen, die haben die Zusammenhänge gesehen, mit den Todesfällen, Reanimationen, dem Namen Niels Högel“, sagte der 55-Jährige als Zeuge vor Gericht. Spätestens Ende 2001 sei die „Stimmung“ gekippt auf der herzchirurgischen Intensivstation, so Lauxtermann. Verschiedene Kollegen hätte sich Sorgen gemacht.

Im Gegensatz zu anderen Zeugen aus dem Klinikum verzichtet Lauxtermann darauf, sich von einem Anwalt beraten und begleiten zu lassen. Das Klinikum habe ihm angeboten, die Kosten zu übernehmen. „Ich habe davon abgesehen, weil ich das Gefühl hatte, das man mich auf eine gewisse Linie bringen wollte“, sagte er am Dienstagvormittag. Er wolle frei sprechen.

Gleich der nächste Zeuge, ein leitender Oberarzt aus dem Klinikum, kam mit Anwalt. Er habe kaum Erinnerungen an Einzelsituationen, sagte er gleich zu Beginn. „Herrn Högel kenne ich nur vom Bild her“, sagte der 60-Jährige.

Lauxtermann berichtete, dass er von Kollegen gehört habe, wie 2005, als Högel in Delmenhorst auf frischer Tat ertappt worden war und erste Zeitungsartikel veröffentlicht wurden, es auch in Oldenburg „geschäftiger“ wurde. Ehemalige Kollegen hätten ihn sogar gebeten, eine anonyme Anzeige zu erstatten. Sie selbst hätten offenbar Angst gehabt, eine Anzeige zu erstatten, weil dies bekannt werden und sie ihren Job verlieren könnten.

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4. Januar: Schon früh gab es konkrete Hinweise

Wenn die Soko „Kardio“ an der Tür klingelte, reagierten die Angehörigen der mutmaßlichen Högel-Mordopfer zumeist bestürzt – häufig aber auch mit einem Kopfnicken. „Das war für sie sehr oft die Bestätigung eines lange gehegten Verdachts“, sagt ein Polizist am siebten Verhandlungstag des Mordprozesses gegen Niels Högel. „Viele hatten die Vermutung schon lange, da stimmt was nicht.“

Dass es trotzdem auch frühzeitig schon konkrete Hinweise gab auf mögliche Mordtaten des Krankenpflegers Högel, macht ein Delmenhorster Kriminalbeamter deutlich. Der inzwischen pensionierte Polizist hatte 2005 die Ermittlungen übernommen, nachdem Högel im Klinikum Delmenhorst auf frischer Tat ertappt worden war. Er ließ sich damals Sterbefälle, Dienstpläne und Listen zur Medikamentenbestellung geben – und ging frühzeitig von einer möglicherweise größeren Zahl an Taten aus. 2006 hätten alle Informationen der Staatsanwaltschaft vorgelegen, sagte der Beamte. Eine Pflegekraft habe ihm damals berichtet, dass sie Högel dabei beobachtet habe, wie er einem ihrer Patienten heimlich ein Medikament spritzte. Der Patient sei dann gestorben.

Dennoch kam es 2006 nur zur Anklage wegen Mordverdachts in einem einzigen Fall: Dieter M., an dessen Bett der Pfleger im Juni 2005 auf frischer Tat ertappt worden war. Der Beamte sagt noch einmal, was er auch schon im Prozess 2014/15 ausgesagt hatte: „Wenn es nach uns gegangen wäre, hätten wir das schon 2006, 07 in dem Maße durchgezogen, wie es ab 2014 geschehen ist.“

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3. Januar: Die vielen Lügen des Niels Högel

Am sechsten Tag der Verhandlung sagen erstmals Zeugen aus. Arne Schmidt, Leiter der Soko „Kardio“, bezeichnet Niels Högel als Lügner, der „durchaus geplant und inszeniert“ vorgehe. Als Beispiel nennt Schmidt eine Aussage Högels bei einer frühen Vernehmung: „Er hat beim Leben seiner Tochter geschworen, dass er in Oldenburg keine Taten begangen habe.“ Högel ist mittlerweile angeklagt, 100 Patienten ermordet zu haben – 36 davon soll er im Klinikum Oldenburg getötet haben.

Schmidts Aussage setzt auch die betroffenen Kliniken unter Druck. So hat es im Klinikum Delmenhorst frühzeitig Hinweise auf einen erheblich gestiegenen Verbrauch des Herzmittels Gilurytmal gegeben, sagt er. Die Medikamentenkommission habe sich bereits im April 2004 mit dem Thema befasst – 14 Monate, bevor Högel, der Gilurytmal als Mordwerkzeug nutzte, auf frischer Tat ertappt wurde.

Laut Schmidt zog die Medikamentenkommission allerdings die falschen Schlussfolgerungen aus der Entdeckung. Sie stufte das Herzmittel, das bislang nur auf Sonderanforderung zu bestellen war, zum Standardmedikament herab, um den Bestellvorgang zu vereinfachen – „aus ökonomischen Gründen“, so Schmidt. Gilurytmal galt als kostengünstiges Medikament.

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12. Dezember: Gedanken an Suizid – und viele Widersprüche

Einmal, so erzählt es Niels Högel am fünften Prozesstag, will er in den Wald gefahren sein, um sich zu Tode zu trinken. Ein Freund habe ihn davon abgehalten. Seine Festnahme 2005 habe er als „eine Art Befreiung“ erlebt. „Ich war froh, dass es vorbei ist“, sagt er. Die erste Woche in der Haft habe er fast nur geschlafen. Auf die Frage von Richter Sebastian Bührmann, warum er nicht vorher aufgehört habe, antwortet Högel: „Es war automatisiert... so eine Art Routine.“

Mit allen 100 Mordvorwürfen wird das Gericht den Angeklagte schließlich konfrontiert haben. 43 Taten gibt Högel zu, fünf streitet er ab. An die übrigen 52 Patienten kann er sich angeblich nicht erinnern, er schließt eine Tat aber auch nicht aus.

Viele Widersprüche und Ungereimtheiten bleiben. Was man Niels Högel glauben darf, wird das Gericht sorgfältig prüfen müssen.

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11. Dezember: Vom Wunsch, ertappt zu werden

Högel überrascht mit der Aussage, er habe sich „gewünscht, erwischt zu werden“. Er sei immer mehr Risiken eingegangen, habe „Herausforderungen“ gesucht. Immer öfter habe er Patienten die tödliche Medikamenten-Überdosis gespritzt, wenn Kollegen am Bett standen.

Den Ex-Kollegen in Delmenhorst warf er indirekt vor, ihn nicht gestoppt zu haben. „Man hat ja gesehen, dass ich etwas injiziere, und unmittelbar danach tritt die Reanimationssituation ein“, sagte er vor Gericht. „Da hätte man ja schon den Zusammenhang herstellen können. Oder sogar müssen.“

Mit fortschreitender Dienstzeit verblasst offenbar seine Erinnerung an Taten und Patienten zunehmend. Konnte er sich bei den Vorwürfen, die seine Zeit im Klinikum Oldenburg betreffen, noch an 22 von 36 Fällen erinnern, ist es mit Blick auf die Zeit in Delmenhorst nicht einmal mehr ein Drittel.

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22. November: Högel bittet um Entschuldigung

Es ist der dritte Verhandlungstag, das Gericht konfrontiert den Angeklagten weiter Fall für Fall mit den Mordvorwürfen. „Ich sitze hier aus voller Überzeugung, jedem einzelnen Angehörigen eine Antwort geben zu wollen“, sagt Niels Högel.

An den Fall des Herrn Brinkers, der am 14. September 2001 im Klinikum Oldenburg nach einer Überdosis Lidocain starb, erinnert sich Högel offenbar nicht. Aber er richtet einige Worte an den Sohn des Verstorbenen: „Herr Brinkers, ich kann nichts gutmachen. Es ist schwer nachzuvollziehen, was passiert ist. Ich entschuldige mich in aller Form bei Ihnen.“

Am Ende des Tages wird Högel sich insgesamt zu 50 toten Patienten geäußert haben, 26 „Manipulationen“ wird er zugegeben haben. Vier Taten streitet er ab, an die anderen Fälle erinnert er sich nicht, schließt eine Tat aber ausdrücklich nicht aus.

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21. November: Högel empfindet „Ekel“ vor sich selbst

Die Krankenakten der ersten 30 toten Patienten aus der Anklageschrift hatte Niels Högel zur Vorbereitung im Gefängnis durcharbeiten sollen. Rechtsanwältin Gaby Lübben, die fast 100 Nebenkläger vertritt, fragt Högel, was er heute empfinde, wenn er die Krankenakten lese, wenn er sich an seine Taten erinnere. „Scham“, sagt Högel, „teilweise Ekel vor mir selbst. Und ein großes Fragezeichen.“ Dann sagt er erstmals: „Jeder einzelne Fall, auch wenn ich es lese, tut mir unendlich leid.“

26-mal wird der Richter Högel an diesem Tag fragen, ob er sich erinnern könne: an den jeweiligen Patienten, an die Krankheitsgeschichte, an eine Manipulation. „Manipulation“, so heißt hier vor Gericht der mutmaßliche Mord am Krankenbett. 15-mal wird Högel angeben, er erinnere sich, er habe manipuliert. In den meisten anderen Fällen kann oder will er sich nicht erinnern. Aber fast immer sagt er: „Ich kann es nicht ausschließen.“

Manchmal fällt ihm sogar ein Motiv ein für eine Tat. Er wollte mit seinen Reanimationsfähigkeiten eine spezielle Kollegin beeindrucken, sagt er einmal, „das war dieses Imponiergehabe gegenüber Schwester L.“.

Lesen Sie: „Ich fühle Scham und teilweise Ekel“, Reportage vom 2. Verhandlungstag

30. Oktober: Auftakt mit Schweigeminute – Högel sagt aus

Mit einer Schweigeminute für die Opfer lässt Richter Sebastian Bührmann den Prozess beginnen. Niels Högel, der im Prozess 2014/15 bis zum Schluss geschwiegen hatte, äußert sich nun. Auf die Frage, ob die Tatvorwürfe größtenteils zutreffen, antwortet er knapp: „Ja“.

Zu den Hintergründen der Tat erklärt Högel, er habe von einer „elitären Gruppe“ von Pflegekräften auf der Intensivstation anerkannt werden wollen. Schon als Schüler habe er Krankenpfleger werden wollen, später im Beruf habe er unter dem hohen Druck gelitten. „Heute weiß ich: Ich hätte aufhören sollen, ich hätte gar nicht nach Oldenburg gehen sollen“, sagt er.

Ob Högels Aussagen stimmen, darf bezweifelt werden. „Was können wir Ihnen glauben?“, fragt Bührmann. Högel war nach früheren Vernehmungen und im ersten Prozess mehrfach der Lüge überführt worden.

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Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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