Schortens /Mülheim /Lugano /Parma Die Strada Farini, eine belebte Einkaufsstraße im norditalienischen Städtchen Parma. Cafès, Zeitungskioske und viele kleine Lädchen gibt es hier, darunter auch Feinkostgeschäfte, in denen der weltbekannte Parmaschinken an Fleischhaken unter der Decke hängt.

In dieser kleinen Straße soll auch die Firma Thomas Food ihren Sitz haben, die ein Riesenprojekt realisieren will. Es geht um eine gigantische Lebensmittelfabrik im gut 70 Kilometer entfernten Bondeno. Rund 300 Millionen Euro sollen investiert werden und mehrere hundert Arbeitsplätze entstehen.

Ein identisches Werk soll ab 2015 im interkommunalen Industriegebiet Jade-Weser-Park in der Stadt Schortens (Landkreis Friesland) errichtet werden, zudem war ein Standort im spanischen Calatayud im Gespräch.

Seit Monaten gibt es aber Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Projekte. Die Hoffnung auf Großaufträge und viele neue Arbeitsplätze ist inzwischen Skepsis und Ernüchterung gewichen. Selbst die zunächst euphorischen kommunalen Träger des Gewerbegebiets in Schortens wollen erst weiter verhandeln, wenn klar ist, wer wirklich hinter den Plänen steckt. Das ist und bleibt aber ein Geheimnis. Bisher gab es nur heiße Luft statt Tiefkühlkost.

Die NWZ  macht sich deshalb auf Spurensuche in ganz Europa. Im Gepäck: Adressen von Beteiligungsfirmen, Planungsbüros und angeblichen Investoren in Deutschland, der Schweiz und Italien. Und viele offene Fragen.

Als Investor für die Pizzafabrik in Schortens tritt die Industrial Group for Food Production IGFP auf. Im Oktober 2012 überreichten Repräsentanten dieser Firma im Rathaus der Stadt erste Bauunterlagen und Planskizzen. Seitdem ist nichts passiert: Kein Bauantrag, kein Grundstückskauf, kein vollmundig versprochenes Personalanwerbe- und Informationsbüro.

Die IGFP firmiert in Mülheim an der Ruhr. Dort ist auch Aldi Süd ansässig. Das führte zu Spekulationen über eine Beteiligung des Discounters. Doch diese Spur führte ins Leere, Aldi dementierte.

Für die Projekte in Schortens und Bondeno laufen die Fäden bei der schweizerischen Ingenieursgesellschaft Enumplan in Lugano zusammen. Seit kurzem ist auch der Name eines Investors bekannt. Thomas Food firmiert an jener Strada Farini 51 in Parma. Mehr ist nicht zu erfahren.

Das passt ins Bild. Die genannten Firmenadressen führen meist nur zu Briefkästen und Haustürklingeln. Beispiel Thomas Food: Die Adresse in Parma gehört zu einem dreistöckigen Geschäftshaus, das sicher schon bessere Zeiten gesehen hat. Verwitterte geschlossene Fensterläden, abgeplatzte Fassadenfarbe. Unten eine kleine Boutique und ein Maklerbüro. Neben einer mächtigen Holztür ist ein bierdeckelgroßes Plexiglasschild mit Messingstiften an die Hauswand geschraubt worden. Darauf in edlem Blau ein Firmenlogo und der Name Thomas Food. Das Klingelschild lässt auf sechs Mietparteien schließen. Sogar ein Baron soll hier wohnen. Doch adelig oder gar nach sehr viel Geld sieht das ganz und gar nicht aus. 300 Millionen Euro hinter klapprigen kaputten Fensterläden?

„Thomas Food“ steht auf einem Klingelschild. Doch auf das Klingeln reagiert keiner. Die Gegensprechanlage bleibt stumm, vormittags um halb zwölf, während ringsherum reges Geschäftsleben herrscht. Ein Briefkasten ist nicht zu sehen. Unten in der Boutique hat noch niemand etwas von dem Unternehmen gehört.

Ähnlich die Situation in Mülheim an der Ruhr, Kaiserstraße 20. Dort residiert die International Group For Food Production (IGFP SE), die bislang als Investor für das Werk im Jade-Weser-Park auftrat. Doch auch dort schweigt der Türsummer. Also hinein ins Haus. Eine große Zahnarztpraxis ist hier ansässig. „IGFP? Da kommt gelegentlich mal Werbepost oder ein Brief, das stecke ich in deren Briefkasten“, sagt die Zahnarzthelferin auf Nachfrage der NWZ . Immerhin gibt es einen Briefkasten. Einen Mitarbeiter der IGFP habe sie aber noch nie gesehen, erzählt die Praxismitarbeiterin. Vielleicht haben sie bloß niemals Zahnschmerzen?

Auch nebenan, in einer Jobbörse der Stadt Mülheim, weiß man nichts. Die Mitarbeiterin am Empfang kennt ihre Nachbarn nicht: „Nie gesehen.“

In Parma führt die Suche nach Thomas Food von der Strada Farini zur Camera di Commercio, zur örtlichen Handelskammer. Aber auch dort nur ratloses Achselzucken. „Non lo conosco“, sagt die Büromitarbeiterin, „die kennen wir nicht“.

Das wiederum kennt man. Wo man auch hinfährt und fragt, guckt und klingelt – an der Haustür bleibt es mausetot.

Immerhin, in Lugano residiert die Enumplan AG in einem mehrstöckigen und videoüberwachten Geschäftshaus an einer stark befahrenen Straße. Am Eingangstor stehen Briefkästen – nicht genug, dass jeder einen eigenen bekäme. Ihren Briefkasten teilt sich die Enumplan mit drei weiteren Namen.

Kontakt gab es bislang nur schriftlich per E-Mail. Bei Anfragen verwies die Planungsfirma auf einen Info-Abend an diesem Donnerstag in Bondeno. Die Spurensuche geht weiter.

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Oliver Braun Agentur Hanz / Redaktion Jever
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