Vechta Es ist derselbe Saal (Nummer 138), dieselbe Sitzordnung (der Angeklagte Tepe sitzt außen rechts), Karl Tepe hat sogar dasselbe Sakko angezogen (bei der Prozesseröffnung vor eineinhalb Jahren trug er ebenfalls das braune).

Aber zwei Dinge sind anders, erstens: Der Angeklagte Tepe lächelt (zumindest am Anfang). Zweitens: Am Saalende unter dem Kreuz sitzt ein neuer Richter (er ist der Grund für Tepes Lächeln). „Ich habe Hoffnung, dass es diesmal besser wird“, sagt Tepe.

„Diesmal“ – damit meint Tepe den zweiten Durchgang im bundesweit beachteten Dioxin-Prozess vor dem Amtsgericht Vechta. Der erste Durchlauf war im Januar nach neun Monaten und 21 Sitzungstagen geplatzt, nachdem dem 16. (!) Befangenheitsantrag gegen Richterin Anette Klausing stattgegeben worden war. Jetzt soll ihr Kollege Thomas Heitmann das Verfahren neu aufrollen.

Dazu müssen aber zunächst die alten Vorwürfe verlesen werden: Tepe (49) und sein ehemaliger Kollege Bernard B. (64) sollen als Geschäftsführer der Landwirtschaftlichen Bezugsgenossenschaft Damme (LBD) im Dioxin-Skandal 2010/11 noch Unbedenklichkeitsbescheinigungen für ihr Tierfutter ausgestellt haben, als sie längst von der Dioxin-Belastung wussten. Dadurch soll zumindest ein Hühnerhalter aus Neuenkirchen-Vörden (Landkreis Vechta) unwissentlich verseuchte Eier in den Verkauf gebracht haben. Auch ihrer Rückruf-Pflicht für belastetes Futter sollen Tepe und B. nicht nachgekommen sein.

Auf die Vorwürfe folgen die bekannten Erwiderungen: Die Kausalkette Tierfutter-Dioxin­eier sei nicht nachweisbar, die Staatsanwaltschaft habe fehlerhaft ermittelt, der Prozess sei politisch motiviert. „Es muss auf Gedeih und Verderben ein Sündenbock her“, glaubt Bernard B., der sich erstmals zur Sache äußert.

Der Verteidiger von Karl Tepe, Dr. Frank Roeser aus Essen, sagt, das erste Verfahren habe dem Ansehen der niedersächsischen Justiz geschadet. Er dankte den Medien, die den Prozess begleitet hatten: „Hätten Sie das nicht gemacht, hätte man kurzen Prozess mit uns gemacht - alles deutet darauf hin, dass das so geplant war.“ Sein Kollege Axel Dohmann aus Kassel, der Vertreter von Bernard B., sieht mit Blick auf das lange erste Verfahren inzwischen jeden denkbaren Strafverfolgungsanspruch verwirkt. Es gehe hier um Vorwürfe, die im Höchstmaß mit Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr bedroht seien „und mithin vom Gesetzgeber im Range einer einfachen Beleidigung kriminologisch eingeordnet sind“. Sein Mandant habe aufgrund der Vorwürfe seine gut dotierte Stellung verloren und sei großen Anfeindungen ausgesetzt gewesen. Der Mitangeklagte Karl Tepe hatte sich bereits vor Wochen exklusiv in der NWZ  über die privaten Folgen des Strafverfahrens gegen ihn geäußert.

Aber seit Donnerstag werden nun in Saal 138 die Argumente des mitunter kuriosen ersten Verfahrens wiederholt. Etwa der Vorwurf, dass der Hauptzeuge der Anklage, der Eierhändler Josef R., im ersten Prozess als Lügner entlarvt wurde. „Haben Sie gegen ihn inzwischen strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet?“, will Rechtsanwalt Roeser von Oberstaatsanwältin Susanne Böhm wissen. „Ich glaube nicht, dass ich dazu vor versammelten Publikum Auskunft geben muss“, antwortet Böhm.

Also alles zurück auf Start? Nicht ganz. Richter Heitmann hat die Akten des ersten Verfahrens sorgfältig studiert; jetzt versucht er, Antworten auf Fragen zu finden, die seine Vorgängerin nicht gestellt hat. Drei Stunden lang muss der erste Zeuge Jörg L. aussagen, der Leiter der Futtermittelkontrolle beim Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) in Oldenburg. Und diesmal muss er das eben auch unter der Überschrift: Gab es möglicherweise Versäumnisse der Behörden? 

Richter Heitmann sagte zu Beginn, er hätte sich eine Einstellung des Verfahrens vorstellen können; bei einem Erörterungstermin mit Staatsanwaltschaft und Verteidigung sei aber keine Einigung zustande gekommen. Zehn Verhandlungstage hat er nun für den zweiten Prozess angesetzt. „Fair“ sollen sie werden, wünschen sich die Verteidiger Roeser und Dohmann. „Ohne Polemik“, schlägt Oberstaatsanwältin Susanne Böhm vor, „wenn ich mir hier schon etwas wünschen darf“.

Karl Tepe blickt inzwischen recht angespannt.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.