Oldenburg Die ansteckendere britische Coronavirus-Variante dominiert inzwischen – auch im Oldenburger Land. Der Oldenburger Virologe Axel Hamprecht gibt jedoch zumindest in einem Punkt Entwarnung: Die zugelassenen Impfstoffe sind dennoch hochwirksam.

Frage: Indien ist wegen der sogenannten indischen Mutante derzeit besonders von der Pandemie betroffen. Gibt es diese Virusvariante auch in Deutschland?

Virologe aus Oldenburg

Prof. Dr. Axel Hamprecht (44) ist Inhaber des Lehrstuhls für Medizinische Mi­krobiologie der Universität Oldenburg und Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Virologie am Klinikum Oldenburg. Er war 2019 vom Universitätsklinikum Köln nach Oldenburg gewechselt.

Prof. Dr. Axel Hamprecht: Derzeit sind bei uns nur sehr wenige Fälle bekannt; insgesamt hat das Robert Koch-Institut seit Jahresbeginn 64 Fälle bundesweit registriert. In Deutschland mit Abstand am stärksten verbreitet ist die britische Variante; sie liegt schon über 90 Prozent aller Fälle zugrunde. Diese starke Verbreitung stellen wir in unserem Labor auch für die Region Oldenburg fest. Diese Virusvariante ist deutlich infektiöser als der sogenannte Wildtyp und konnte sich deshalb auch so stark durchsetzen – von zwei Prozent aller Fälle zu Jahresbeginn auf jetzt über 90 Prozent.

Frage: Was weiß man heute über den Impfschutz bei Mutationen?

Hamprecht: Auch bei den Virus-Varianten bieten die Impfstoffe einen Schutz vor einer Infektion oder zumindest einem schweren Verlauf – dieser ist aber je nach Variante und Impfstoff unterschiedlich ausgeprägt. Bei der britischen Mutante ist der Impfschutz nach dem Ergebnis verschiedener Studien nur leicht herabgesetzt. Etwas kritischer ist es bei der südafrikanischen. Mit allen derzeit verwendeten Vakzinen besteht weniger Schutz vor einer Ansteckung. Aber wahrscheinlich bietet die Impfung einen Schutz vor schwereren Verläufen. In Deutschland ist die südafrikanische Variante noch wenig verbreitetet, sie ist für etwa 1,2 Prozent aller Infektionen verantwortlich. In Oldenburg konnten wir sie bisher aber bei keinem Patienten nachweisen.

Frage: Bietet der Impfstoff von Johnson & Johnson den gleichen Schutz wie die bislang schon eingesetzten Präparate?

Hamprecht: Das Vakzin von Johnson & Johnson ist vom Wirkprinzip vergleichbar mit Astrazeneca. Die Wirksamkeit ist aufgrund der einmaligen Gabe aber etwas niedriger. Auch hier sind vereinzelt Thrombose-Fälle aufgetreten – letztere bei Johnson & Johnson aber etwa zehn mal seltener als bei Astrazeneca. Welche Faktoren diese Thrombosen begünstigen und bei wem sie auftreten, verstehen wir noch nicht vollständig. Fest steht: Die Fälle sind anders gelagert als Thrombosen, die zum Beispiel im Zusammenhang mit der Einnahme der Pille oder Flugreisen beobachtet werden – der Mechanismus ist ein anderer. Es ist gut, dass die Impf-Priorisierung bei Astrazeneca und Johnson & Johnson inzwischen aufgehoben wurde und damit potenziell mehr Menschen zeitnah Impfschutz erhalten können. Die Ständige Impfkommission empfiehlt zwar beide Präparate für die Altersgruppe ab 60. Doch bei einer entsprechenden Aufklärung und Beratung ist auch der Einsatz bei Jüngeren möglich. Viele Länder setzen diese Impfstoffe auch bei Jüngeren ein, beide Impfstoffe sind von der Europäischen Arzneimittelagentur EMA ab 18 Jahren zugelassen.

Frage: Wie ist Ihre Meinung zum russischen Impfstoff Sputnik?

Hamprecht: Nach den vorliegenden Studien hat der Impfstoff eine hohe Wirksamkeit. Allerdings haben wir deutlich weniger klinische Daten zu diesem Impfstoff. Sputnik ist ein Vektorimpfstoff und somit ähnlich aufgebaut wie die Impfstoffe von Astrazeneca und Johnson & Johnson. Über Nebenwirkungen wie Thrombosefälle wird nicht berichtet – wie gut aber das Monitoring dieser seltenen Nebenwirkungen in Russland und den Ländern ist, wo Sputnik V eingesetzt wird, wissen wir nicht. Dass die Überwachung seltener Nebenwirkungen nicht trivial ist, haben wir ja auch bei Astrazeneca gesehen. Bei Sputnik wird Ad26 eingesetzt, das gleiche Vektorvirus wie bei Johnson & Johnson – insofern ist das Potenzial für ähnliche Nebenwirkungen nicht gering. Wenn man die Medienoffensive und den Einsatz von Sputnik V anschaut, wird man auch den Eindruck nicht los, dass dieser Impfstoff für Propagandazwecke der russischen Regierung genutzt wird. Es mag sein, dass Sputnik ein guter Impfstoff ist – vollständig beurteilen können wir es aber nicht. Und die Intransparenz sehe ich als ein großes Problem.

Frage: Wie weit ist die Entwicklung von Arznei gegen Covid-19?

Hamprecht: Es gibt eine Reihe neuer Entwicklungen, aber zu vielen haben wir noch wenig belastbare Ergebnisse. Die sogenannten monoklonalen Antikörper können – sofern im frühen Stadium einer Erkrankung eingesetzt – einen positiven Verlauf begünstigen. Je nach Studie funktioniert dies aber nur dann, wenn sie als Cocktail eingesetzt werden – also eine Kombination von verschiedenen Antikörpern. Ein prominenter Patient, der damit behandelt wurde, ist der frühere US-Präsident Donald Trump. Aber nicht zuletzt aufgrund von Studien, bei denen die Wirksamkeit monoklonaler Antikörper nicht bewiesen werden konnte, kommen sie in deutschen Krankenhäusern bislang wenig zum Einsatz.

Christoph Kiefer Chefreporter / Reportage-Redaktion
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.