Bremen /Im Nordwesten ​ Die blauen Haare von Kea Hinsch sind vom Regen durchnässt. Von ihrer Jeans tropft das Wasser schon herab. Ausgerechnet kurz vor dem Ziel – die Teerhofbrücke an der Weser in Bremen – ihrer 800 Kilometer langen Reise bricht der Himmel auf und Regen prasselt herab. Ausgestattet mit einer Regenjacke tritt die 19-Jährige auf den letzten Metern an der Schlachte in Bremen noch mal kräftig in die Pedalen ihres Fahrrads. Beim Zieleinlauf fährt sie durch einen Vorhang aus Plastikmüll, der von Mitarbeitern des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) gehalten wird. Denn Müll stand im Mittelpunkt ihrer Reise.

Meeresschutzbüro des BUND-Landesbüros Bremen

​​„Tour de Meeresmüll“ nennt die Bundesfreiwillige des Meeresschutzbüros des BUND-Landesbüros Bremen ihr Vorhaben, das sie am 2. Juni in Zingst (Mecklenburg-Vorpommern) beim Umweltfotofestival „Horizonte“ startete. Am Dienstagvormittag kommt sie wieder in Bremen an. Unterwegs machte sie Halt in Rostock, Wismar, Lübeck, Kiel, Föhr, Hamburg, Stade, Cuxhaven und Bremerhaven.

Plastikmüll ist immer und überall – wichtige Fakten

Plastik ist überall: Von der Brotbox bis zum Fernseher, vom Fensterrahmen bis zur Sonnenbrille – der moderne Alltag wäre ohne Kunststoffe undenkbar. Jährlich werden in Europa nach Angaben der EU-Kommission rund 49 Millionen Tonnen davon auf den Markt gebracht, weltweit waren es 2015 rund 322 Millionen Tonnen. Seit den 1960er Jahren hat sich die Produktion weltweit verzwanzigfacht. Und in den kommenden 20 Jahren werde sie sich noch einmal verdoppeln, heißt es in einer Analyse der EU-Kommission.

Wenn von Plastikmüll und den dadurch entstehenden Umweltgefahren die Rede ist, geht es meist nicht um Produkte zum Mehrfachgebrauch, sondern um Wegwerfware. Dies gilt nach Kommissionsangaben für knapp 40 Prozent der gesamten Kunststoffnachfrage in Europa.

Jährlich entstehen europaweit knapp 26 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle. Weniger als 30 Prozent werden zur Wiederverwertung gesammelt und noch viel weniger davon tatsächlich in Europa recycelt: nach Angaben der Kommission nur 2 bis 3 Millionen Tonnen im Jahr. Für Deutschland geht das Umweltbundesamt für 2015 von 5,92 Millionen Tonnen Kunststoffabfällen aus. Rund 46 Prozent davon seien werk- oder rohstofflich genutzt worden. Fast der gesamte Rest wurde verbrannt.

Müllsammelaktionen, Müllkunst und Improvisationstheater: An den einzelnen Stationen hat sie zusammen mit den regionalen BUND-Gruppen Müllaktionen durchgeführt. So inszenierte sie mit Kollegen zum Beispiel gesammelten Müll an einem Findling am Elbstrand in Hamburg. „Da schauen die Leute schon mit großen Augen hin und sind schockiert.“

Einsatz für Schutz des Meeres

Die Idee, eine solche Aktion auf die Beine zu stellen, schlug sie dem BUND vor, nachdem sie im vergangenen Jahr ihr Abitur absolvierte. Bei der Organisation, die sich sehr für den Schutz des Meeres einsetzt, traf sie damit auf offene Ohren.

Der Müll im Meer ist mittlerweile unübersehbar. „Die weiterhin zunehmenden Müllmengen sind ein weltweites Problem, das noch die nächsten Generationen beschäftigen wird“, heißt es beim BUND-Landesverband Bremen. „Wir stehen noch lange nicht am Ende“, erklärt Prof. Dr. Hubert Weiger, BUND-Vorsitzender, der Kea Hinsch in Bremen willkommen heißt. Laut BUND verstricken sich gerade Tiere im Plastikmüll oder fressen ihn und sterben daran. Umso erfreuter zeigt sich Weiger, dass das Projekt der Bundesfreiwilligen auf so viel Resonanz stößt. „Die Aktion ist schon bemerkenswert.“

60 Kilometer am Tag zurückgelegt

Rund 60 Kilometer legte sie im Schnitt am Tag zurück – und das bei Wind und Wetter. „Ich habe auch nicht geschummelt, ich habe mich nicht in den Zug gesetzt“, sagt Kea Hinsch lachend. Das konnte sie auch gar nicht, denn sie wollte schließlich ihren Zeitplan einigermaßen einhalten. Dass sie ganz nachhaltig mit dem Fahrrad fahren wird, war für die 19-Jährige von Anfang an klar. Dabei war das jedoch auch die größte Herausforderung, da es bei Regen und starkem Gegenwind teilweise ganz schön anstrengend wurde. Zudem trug Kea Hinsch einiges an Gewicht mit sich herum: Schlafsack, Isomatte, Zelt, Klamotten und reichlich Infomaterial brauchte sie bei ihrer Reise.

Unterwegs kam die gebürtige Bremerin zwar meist bei BUND-Mitgliedern unter. Rentner, Familien oder junge Leute beherbergten sie in den verschiedenen Städten. Zwischen ihren Stationen musste sie ihr Zelt jedoch auf Campingplätzen aufstellen. Angst hatte sie dabei nicht – lediglich gesunden Respekt, sagt die 19-Jährige. Auch bei ihrer Familie und ihren Freunden überwiegt der Stolz, dass sie sich so für ihr Herzensprojekt, das von der Postcode Lotterie gefördert wird, einsetzt.

Nachhaltigkeit leben

Die Nachhaltigkeit hat Kea Hinsch immer im Blick: Sie achtet im Alltag sehr darauf, Plastik zu vermeiden. Somit benutzt sie zum Beispiel eine Holzzahnbürste aus Bambus, einen Seifenblock als Shampoo und auch verpackungsfreie Zahnpasta. Darüber hinaus kauft sie am liebsten in einem verpackungsfreien Geschäft im Bremer Viertel ein.

An das Müllsammeln gewöhnt

Bierfass, Grill, unbenutzte Plastikbecher oder gar der Reifen eines Kinderwagens: Um die 100 Müllsäcke sammelte die junge Frau, die derzeit im niedersächsischen Weyhe wohnt, mit BUND-Kollegen und Helfern. Viele Zigarettenstummel haben sie zudem gefunden. Die Kippen werden, ohne darüber nachzudenken, in die Umwelt geschnipst, erklärt Kea Hinsch. Oft dauert es jedoch Jahre, bis sie sich zersetzen.

Und nach dem Projekt? Kea möchte nun erstmal Reisen. Danach kann sie sich vorstellen, in den Gebieten Umweltschutz und Nachhaltigkeit zu arbeiten. Das Thema Müllsammeln wird sie jedoch wohl nicht so schnell loslassen. Mittlerweile hat sie sich so sehr an das Müllsammeln gewöhnt, dass sie auch im Alltag automatisch auf Abfälle achtet. „Ach, da liegt auch eine Kippe“, sagt Kea Hinsch und zeigt dabei auf einen Zigarettenstummel am Weserufer.


Mehr Infos unter   bit.ly/2tu4tj7 
Keas Blog unter   www.tourdemeeresmuell.com 
Anna-Lena Sachs
Volontärin, 2. Ausbildungsjahr
NWZ-Redaktion

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