Wangerooge /Rom Die Geschichte klingt wie das der berühmten Villa Massimo in Rom.

Man hört schon den beiden Buchtiteln an, dass Wangerooge und die Küste mit im Spiel sind beim Literaten Karl Alfred Wolken. Kaum ist der Aufenthalt in Rom beendet, bekommt Wolken den Förderpreis der Bayrischen Akademie der Künste (1963). Er verarbeitet seine Erlebnisse als Schreiner in seinem zweiten Roman, „Zahltag“, und der gleichzeitig erscheinende Gedichtband heißt „Wortwechsel“.

Nun geht es nicht mehr um die Küste, sondern um spätere Erlebnisse, die damals gerade erst unter dem Rubrum „Literatur der Arbeitswelt“ hochgeschätzt wurden, denn die Arbeitswelt ist bis „1968“ eigentlich kein Gegenstand der Literatur gewesen. Wolken ist einer der wenigen Autoren, die sie kennen und das Erlebte umsetzen können.

Er beschreibt einen Tag im Leben des Tischlers Alex Brenckies, und dieser eine Tag reicht aus, um die Spanne von Abhängigkeit und Gewalt darzustellen, in der dessen Arbeit sich vollzieht: im Jahr 1964 ein gewagtes Thema. Das Wirtschaftswunder floriert, Maßhalten ist angesagt und ein Schreiner ist ein Schreiner, auch wenn er die Villa Massimo durchlaufen durfte. Daneben mahnt die NZZ an, Wolken solle sich nicht mit Grass „in Puncto Sexualität und Unappetitlichkeit messen“.

Direktorin geheiratet

Aber Wolken ist Wolken – er lebt nun als Verlagslektor der Deutschen Verlagsanstalt kurz in Stuttgart, danach schließt sich ein Jahr in Berlin (1964/65) an. Seitdem ist er endgültig in Rom ansässig, nachdem er die frischge- backene Direktorin der Villa Massimo, Elisabeth Gericke, geheiratet hat, die die Künstlerateliers und das Anwesen von 1965 bis 1993 leiten wird. Seine Frau ist Urenkelin des Stifter-Gründers der Villa, Eduard Arnhold, eines jüdischen Kohlenmagnaten in Oberschlesien. Drei Jahrzehnte lang wird Wolken als „Prinzgemahl“ die Geschicke der Künstlerakademie mitprägen.

Ein sicher nicht immer leichter Posten, der den weiterhin Lyrik Schreibenden nicht nur gelinder Kritik aussetzt: Am 1. Dezember 1972 notiert einer der Stipendiaten: Einladung zum Abendessen „mit der Direktorin, ihrem Mann, ein vergammelter Lyriker, mit Beatle-Haar, grau-silbern, fein angezogen, aber triefligem Blick“.

Der sich da so durchaus spießig gibt, heißt Rolf Dieter Brinkmann und das abschätzige Urteil wird 1979 in seiner Collage „Rom, Blicke“ publiziert werden. Da hat Wolken die Erzählprosa, nicht aber die Lyrik längst aufgegeben. 1968 trug sein Gedichtband den Titel „Klare Verhältnisse“.

Der selber als Naturlyriker renommierte Karl Krolow urteilte wenig später in Kindlers Literaturgeschichte: „In der Nähe des frühen Piontek kann man das sehen, was Wolken vorgelegt hat. Eine vitale Handschrift, ein Zupacken und Zur-Sache-Kommen, – sonst etwas, das bei der so oft kompliziert angelegten Naturlyrik selten anzutreffen ist…“

Wangerooge und das Oldenburger Land lagen weitab, und so nahmen ihm seine Landsleute etwas übel, dass er sich hier nicht wieder habe blicken lassen. So jedenfalls nahm es sich aus der Perspektive meines friesischen Kunstlehrers Hein Bredendieck aus.

Zu früher Ruhm

Die Gedichtbände aber heißen nun „Außer Landes“ (1979), „Die richtige Zeit zum Gehen“, eine Jugend in Gedichten (1982) und „Eigen- leben“, Gedichte aus der Villa Massimo (1987). Der Lyriker ist vom Landschaftsgedicht zum Erzählgedicht übergegangen, wird aber von der Literaturkritik zunehmend ignoriert.

Karl Ludwig Arnolds Kritisches Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur erwähnt ihn nicht einmal mehr. Und das, obwohl Arnold und er Teilnehmer der heute legendären Gruppe 47 gewesen waren. Früher Ruhm scheint hier mit später Vergessenheit bezahlt worden zu sein. 1997 veröffentlicht der 68-Jährige einen Gedichtband „Die ungeheure Masse der Sonne“ – nurmehr in 30 Exemplaren für Freunde!

Als es 2017 zu einem Veteranentreffen der „Gruppe 47“ in der Pulvermühle bei Forchheim kam, hat Wolken abgewinkt, 50 Jahre nach dem letzten Treffen dort. Peter Handke und Hans Magnus Enzensberger kamen. Seinen 90. Geburtstag feierte er noch am Schliersee, weil es in Rom zu heiß war. Am 2. Juli 2020 ist Karl Alfred Wolken in der ewigen Stadt gestorben.

Mit Hausherrenstolz

Bezeichnenderweise war es nicht Rom, nicht die Villa Massimo und nicht die deutsche Exilliteratur, die ihn beschäftigte, als ich Wolken 1987 in der Villa besuchen konnte. Irene Kowaliska hatte uns introduziert, die Keramikerin der „Periodo tedesco“ in Vietri am Golf von Salerno. Hausherrnstolz war nicht zu verkennen, als er uns den Garten zeigte, den Garten, nicht so sehr das Haus. Hier entfaltete sich die römische Antike in den Statuenfunden der nahe gelegenen Via Nomentana, die der villegiatura von 1910 bis heute ihr antikes Gepräge geben.

Ein Postskriptum: Ausgerechnet 1968 hatte er im Bertelsmann-Verlag eine Anthologie mit dem Titel „Blick auf Rom“ veröffentlicht und ausgerechnet dieser Titel sollte nicht in Brinkmanns „Rom, Blicke“ (konzipiert 1972) seine kritische Brechung als Negation erfahren haben? Ob er selbst das auch so sah, können wir Karl Alfred Wolken nun nicht mehr fragen.

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