Oldenburg Henrik Mouritsen (45) muss nicht lange überlegen. Auf die Frage, wie Philatelie und Geschichte zusammenpassen, antwortet er prompt: „Das ist eine gute Kombination.“ Der Biologie-Professor an der Universität Oldenburg ist Philatelist seit seiner Kindheit und hat sich vor allem der Postgeschichte verschrieben. Dass Briefmarkensammeln heute nicht mehr so angesagt ist, findet er schlichtweg blöd. „Die Belege erzählen Geschichte“, sagt der 45-Jährige.

Wertvolle Exponate

Eine Ansicht, die Gerd Steinwascher, Direktor des Niedersächsischen Landesarchivs in Oldenburg, Hannah Feist, Mitarbeiterin des Archivs, und Thomas Heidorn, Doktorand am Institut für Geschichte der Uni Oldenburg, teilen. Der Philatelist und die Historiker mussten deshalb auch nicht lange suchen, um ein gemeinsames Thema zu finden: die dänisch-oldenburgische Personalunion.

Als Graf Anton Günther 1667 ohne legitimen Nachfolger stirbt, fallen Oldenburg und Delmenhorst an Dänemark, mit dem das Haus Oldenburg verwandtschaftlich eng verbunden ist. Die dänisch-oldenburgische Personalunion besteht bis 1773. Aber das Jahrhundert gemeinsamer Geschichte hat bislang weder in Dänemark noch in Oldenburg eine Rolle gespielt. Das wollen Philatelisten und Historiker nun ändern.

Den Auftakt bildet zum einen eine Ausstellung vom 28. Juli bis 28. August in der Universitätsbibliothek, an der das Institut für Geschichte der Universität Oldenburg, das niedersächsische Landesarchiv Oldenburg, das Deutsche Schifffahrtsmuseum Bremerhaven, dänische und deutsche Philatelistenverbände und die Oldenburgische Landschaft beteiligt sind.

Ein philatelistisches Großereignis zum Thema Dänemark und Oldenburg ist zum anderen die Wettbewerbsausstellung vom 28. bis 30. Juli des dänischen Philatelistenverbandes, des Bundes deutscher Philatelisten, den Nordwestdeutschen Philatelistenverbandes und der Briefmarkenfreunde Oldenburg in der Sporthalle der Universität. Gezeigt werden aus fünf außergewöhnlichen privaten Briefmarkensammlungen rund 650 Rahmen mit jeweils zwölf Blättern. Es sind Exponate von dänischen, deutschen, amerikanischen und englischen Sammlern. Eine Jury mit Philatelisten aus Kanada, der Schweiz, Dänemark und Deutschland nimmt die Bewertung vor.

„Die zwei besten Oldenburg-Sammlungen sind zum ersten Mal wieder in Oldenburg zu sehen“, freut sich Mouritsen. Das wertvollste Exponat der Schau, zu der bis zu 5000 Besucher erwartet werden, ist der legendäre Zwölfer-Block der 1859 in Oldenburg ausgegebenen Ein-Drittel-Groschen-Marke.

Zu den Raritäten, die nicht nur die Herzen der Philatelisten höher schlagen lassen, zählen die dänischen Königsbriefe aus der Deutschen Kanzlei in Kopenhagen. Die Kanzlei ist die Verwaltungsstelle der dänischen Herrschaftsgebiete und von 1667 bis 1773 auch für die Grafschaft Oldenburg-Delmenhorst zuständig. Dabei kooperiert sie mit den Verwaltungsorganen vor Ort, die die Gesetze und Verordnungen umzusetzen haben. Und davon gibt es eine Menge – zum Beispiel die Verordnung gegen mit Blei eingegossene Gehstöcke von 1706, die Verordnung über Art und Beschaffenheit der Trauerbekleidung von 1737 oder die Verordnung für die Rettung verunglückter Personen von 1772, die jeden Untertanen zur Ersten Hilfe verpflichtet.

Über den Tellerrand

Den gemeinsamen Rechts- und Wirtschaftsraum beleuchtet die historische Ausstellung „ein frey und offen landt?“ der Universität Oldenburg und des niedersächsischen Landesarchiv in Oldenburg. „Es wird endlich Zeit, den nationalistischen Unfug auszuräumen“, sagt Archivdirektor Gerd Steinwascher (63). Die Dänenzeit lasse sich nicht auf die Pest, den Oldenburger Stadtbrand und die Weihnachtsflut 1717 reduzieren. „Man hat damals weit über den Tellerrand geguckt“, verweist er auf die weitreichenden Handelsbeziehungen Dänemarks, von denen die Region profitiert habe. „Die Bauern in Butjadingen allemal.“

Politisch und gesellschaftlich war es eine aufregende Zeit. Ein Beispiel ist die Struensee-Affäre, die auch in Oldenburg hohe Wellen schlug. Johann Friedrich Struensee (1737–1772) war Leibarzt des geisteskranken Königs Christian VII. und mit einer königlichen Generalvollmacht ausgestattet. Er setzte etliche Reformen (zum Beispiel die Pressefreiheit) durch. Damit machte sich der Liebhaber von Königin Caroline Mathilde viele Feinde und wurde 1772 hingerichtet.

Anhänger und Freunde von Struensee werden versetzt, darunter Georg Christian von Oeder (1728–1791). Als Landvogt lässt er Oldenburg akribisch kartografieren und errichtet die erste Witwen-, Waisen- und Leibrentenkasse Oldenburgs. „Anhänger Struensees haben die Aufklärung nach Oldenburg gebracht“, sagt der Historiker Thomas Heidorn (27).

Die Struensee-Affäre, das 300. Thronjubiläum, das 1749 in Oldenburg in großem Stil gefeiert wird, die Weihnachtsflut und andere Ereignisse aus der Dänenzeit beleuchtet Hannah Feist (19) in der Ausstellung in einer historischen Tagesschau. Daran beteiligt sind Teilnehmer eines Jugendworkshops des Oldenburgischen Staatstheaters.

Die Ausstellungsvorbereitungen waren für den Philatelisten Mouritsen und die Historiker Steinwascher, Heidorn und Feist so etwas wie eine Entdeckungsreise. Die wollen sie fortsetzen und ein weitgehend vergessenes Kapitel deutsch-dänischer Geschichte weiter aufarbeiten.

Die historische Ausstellung„ein frey und offen landt“ ist vom 28. bis 30. Juli im Bibliothekssaal der Universitätsbibliothek Oldenburg (Uhlhornsweg 49–55) zu sehen. Originaldokumente, Hörstationen, Filme, Vorführungen zu historischen Brieffalttechniken und Raritäten aus Privatsammlungen geben einen Einblick in den Alltag der Menschen zur Zeit der Personalunion vor 350 Jahren. Öffnungszeiten: Freitag 11–18 Uhr, Samstag 10–18 Uhr und Sonntag 10–16 Uhr.

Anschließend wird die Ausstellung bis zum 28. August im Foyer der Universitätsbibliothek gezeigt. Öffnungszeiten: montags bis freitags 8–24 Uhr, samstags und sonntags 10–19 Uhr.

Die Wettbewerbsausstellung der Philatelistenverbände aus Dänemark und Deutschland findet vom 28. bis 30. Juli in der Turnhalle der Universität Oldenburg (Ammerländer Heerstraße 114) statt. Öffnungszeiten: Freitag 11–18 Uhr, Samstag 10–18 Uhr, Sonntag 10–16 Uhr. Der Eintritt zu beiden Ausstellungen ist frei.

Lore Timme-Hänsel Redakteurin / Kulturredaktion
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