Oldenburg Wenn Paul Maar im Interview auf seine Kindheit angesprochen wird, antwortet er sachlich, freundlich, ohne jemandem weh zu tun. „So in der Mitte“ sei sie gewesen, weder extrem schlimm, noch extrem schön. Nur die vielen Bombennächte in seiner Heimatstadt Schweinfurt schildert der 81-Jährige als furchtbare Erfahrung. Sein Leid am tyrannischen Vater jedoch, der ihm das Lesen verbot, Literatur für Zeitverschwendung hielt und ihn stattdessen im Sportverein anmeldete, lässt sich nur erahnen.

Möglichst unauffällig

Tatsächlich hat Paul Maar, der heute einer der bedeutendsten deutschen Kinderbuchautoren und Schirmherr der diesjährigen Oldenburger Kibum ist, als kleiner Junge eine Überlebensstrategie entwickelt. Wenn der Vater, der nach langer Kriegsgefangenschaft nach Hause kam und vor den Scherben seiner Existenz stand, seinen Frust an ihm ausließ, hat er sich „in eine gewisse Unsichtbarkeit gerettet, möglichst nicht auffallen, bescheiden sein“. Und er deponierte ausgeliehene Bücher – er las „Grimms Märchen“ oder „Winnetou“ – bei einem Freund, um sie heimlich verschlingen zu können, während sein Kumpel draußen Fußball spielte.

Zum Glück gab es zuvor noch den besseren Teil seiner Kindheit. Nachdem der Bombenkrieg einen Krater in den Garten gerissen hatte, floh seine Stiefmutter mit dem kleinen Paul für ein paar Jahre aufs Land, ins unterfränkische Obertheres, wo ihre Eltern eine Gastwirtschaft betrieben. Sein Stief­opa, auch ein großer Erzähler, erkannte sein Talent und ermutigte ihn.

Nach der Pubertät, zurück in Schweinfurt, stand für Maar fest, dass er später einmal Künstler werden wollte. Das hat sich dann aber doch etwas anders entwickelt als geplant. „Ohne meine Frau wäre ich nur ein mittelmäßiger Provinzmaler geworden“, erzählte er vor Kurzem der „Zeit“. Nele Ballhaus, Schwester des späteren Hollywood-Kameramanns Michael Ballhaus, lernte er zu Beginn des Abiturjahrs kennen. Ihre Eltern, Schauspieler aus Berlin, hatten 1946 das Fränkische Theater gegründet.

Sohn Michael hatte den Lesehunger seines Vaters geerbt, und Paul Maar entdeckte, lesend und vorlesend, die Kinderliteratur. Die Bücher allerdings, die er als Kunststudent aus der Stadtbücherei nach Hause brachte, gefielen ihm nicht – zu verstaubt, zu konventionell. Das konnte Maar, der nebenbei für das Fränkische Theater Schloss Maßbach schon zwei Kindertheaterstücke geschrieben hatte, viel besser.

Also habe er die Staffelei in die Ecke gestellt, erzählt er in seinen „Erinnerungen“, vier unlinierte Briefblöcke gekauft und sein erstes Kinderbuch geschrieben: „Der tätowierte Hund“, der einem Löwen die Geschichten zu den Bildern auf seinem Fell erzählt, erschien 1968.

Berühmt wurde er 1973 mit dem Sams, einem kindlichen, vorwitzigen Fabelwesen mit Rüsselnase, roten Haaren und blauen (Wunsch-)Punkten im Gesicht, das bevorzugt im Taucheranzug herumläuft und das Leben des schüchternen Herrn Taschenbier durcheinanderbringt. Der ist ohne Zweifel ein Verwandter des jungen Paul Maar.

Angeblich haben die „Wunschpunkte“ des Sams eine ganz schlichte Erklärung, die aber wie so vieles im Leben des Kinderbuchautors wie eine Fiktion anmutet. Demnach sollte das Sams eigentlich Sommersprossen bekommen, aber weil Maar durch einen Telefonanruf abgelenkt war, vergaß er, den Pinsel, mit dem er zuvor den blauen Anzug des Sams ausgemalt hatte, auszuwaschen. So vermischte sich die braune Farbe für die Sommersprossen mit dem Blau – und die „Wunschpunkte“ waren erfunden. Dichtung oder Wahrheit? Egal.

Inzwischen verbindet das Sams mehrere Leser-Generationen, wurde mehrfach verfilmt – unter anderem 2001 mit Christine Urspruch in der Titelrolle – und füllt neun Bände. Der letzte erschien 2017 und wird keine Fortsetzung mehr bekommen. Seit Nina Dulleck die Bücher illustriert – „ich weiß nicht warum, aber sie hat ein völlig neues Sams entworfen“ –, will Paul Maar keine Geschichte mehr zu seiner Figur einfallen. Als er im Interview davon berichtet, die Unterschiede zwischen seinem Sams und dem von Dulleck haarklein auflistet, klingt er ausnahmsweise nicht mehr so sachlich, sondern ein bisschen traurig.

Erfundene Hunde

Was ihn glücklicherweise nicht davon abhält, neue Kinderbücher zu schreiben. Ende September ist „Snuffi Hartenstein und sein ziemlich dicker Freund“ im Oetinger Verlag erschienen – wieder spielen zwei Hunde die Hauptrolle, wenn auch im doppelten Sinne erfundene. Hunde sind Paul Maars Lieblingstiere, seit er als Kind in seinem Elternhaus für sie zuständig war.

Ganz bestimmt auch ein Grund, weshalb seine Kindheit nicht grauenhaft, sondern „so in der Mitte“ war.

Regina Jerichow Redakteurin (Ltg.) / Kulturredaktion
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