Oldenburg Das wurde ja auch Zeit, dass endlich Ordnung ins unstete Leben des Horst Janssen gebracht wurde: Vor 20 Jahren, am 13. November 2000, wurde dem Zeichner, Radierer, Holzschneider, Plakatkünstler, Illustrator, Autor und Grafiker zu Ehren ein neugebautes Museum in Oldenburg eröffnet. Dass sogar Bundeskanzler Gerhard Schröder („Ein klasse Bau“) anreiste, hätte dem Weltbürger und Heimattreuen gefallen: Janssen liebte Wein, Weib und Gesang. Und weil er alles in allem zu viel von alledem genoss, wurde das Genie gerade mal 65 Jahre alt. Sein Grab auf dem Gertrudenkirchhof befindet sich fünf Fußminuten vom Museum entfernt.

Das mangelnde Interesse der Stadt Hamburg, in der der Künstler ja viel länger lebte als an der Hunte, hatte das Sammler-Ehepaar Carl und Carin Vogel bewogen, Oldenburg seinen umfangreichen Bestand an Janssen-Werken anzubieten. Mehrere Tausend Arbeiten wechselten zum Preis von anderthalb Millionen Mark den Besitzer. Dazu kam 1995 der grafische Schatz der Claus-Hüppe-Stiftung, der dem kommenden Museum als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt wurde. Derart reich gesegnet war die Stadt mit einem Horst Janssen gewidmeten Haus in der Pflicht.

Seither hat sich das Museum prächtig entwickelt. Die 2016 angekaufte Sammlung des Hamburgers Stefan Blessin stellte das Gebotene auf die nächste Stufe und ermöglichte den Blick auf das Œuvre des Meisters.

Die im März 2020 eröffnete Dauerausstellung „Janssen neu entdecken“ bietet nicht nur ungesehene Einblicke in die Welt des Künstlers, sie liefert auch Handfestes. Vier Themenbereiche stellen Werk und Drucktechniken vor, und sie sollen Lust wecken, es ihm gleichzutun.

„Hands off“ hieß es im Frühjahr, bis die Corona- Pandemie die Kultur weltweit lahmlegte und die offizielle Eröffnung der Ausstellung verhinderte. Seither zerbrechen sich die Verantwortlichen den Kopf darüber, wie Kunstschauen funktionieren können, wenn außer dem Kopf auch noch andere Körperteile eingesetzt werden sollen.

„Janssen in seinem Museum zu erleben, bedeutet, in seinen Kosmos einzutauchen“, stellt Leiterin Dr. Jutta Moster-Hoos fest.

Die Liebesbeziehung der Stadt zum späteren Ehrenbürger musste reifen. Inzwischen ist Horst Janssen nicht mehr wegzudenken. „Oldenburg wurde damals eine große Chance geboten“, ist Oberbürgermeister Jürgen Krogmann sicher. Spätestens mit der Sammlung Blessin wurde das Museum zur Institution ersten Ranges.

Dass spät, aber nicht zu spät eine Dauerausstellung etabliert wurde, war dem Wunsch vieler Besucher geschuldet. Wo und wie Janssen gelebt hat, erfährt man anhand der reich bebilderten Biografie, der eine Abteilung der Ausstellung gewidmet ist.

Zeitzeugen berichten an Hörstationen über den Freund, den Geschäftspartner, den Ehemann und Vater, den Zeichner, den Biennale-Preisträger, aber auch über den Tod des Künstlers.

Vom Meister lernen

Mindestens genauso spannend ist das Lebenswerk des Druckgrafikers und Ausnahmetalents. Wie druckte er seine Holzschnitte, seine Lithografien und seine Radierungen? Alle Techniken Janssens werden in Kurzfilmen vorgestellt.

Weitere Fragen drängen sich auf: Was hat ihn inspiriert, wie hat er künstlerisch gearbeitet? Einzelne Aspekte, die den zeichnerischen Stil Janssens prägen, werden anhand von Beispielen erläutert: seine künstlerischen Vorbilder oder seine Vorliebe für die Darstellung der vergänglichen Welt. Seine Sicht der Dinge kann an einem Zeichentisch erarbeitet werden.

Oder war er gar mehr Schriftsteller denn bildender Künstler? In jedem Fall war er Buchillustrator, Autor einer Vielzahl eigener Texte und aufmerksamer Leser und „Verwerter“ von Texten anderer Schriftsteller. Häufig steht bei Janssen das Wort neben dem Bild; Grund genug, auch dieser Facette Horst Janssens einen Raum zu geben.

Vom Leben gezeichnet

In der einschlägigen Literatur wird Janssen auch „der Gezeichnete“ genannt. Nur schwer war der eigene Raubbau am Körper am Ende mithilfe der Kunst aufzufangen. Die Dauerausstellung vermittelt den ganzen Kerl mit allen Stärken und Schwächen. Die Neugier blieb bis zum Tod 1995 erhalten.

Das Horst-Janssen-Museum wurde am 13. November 2000 in Oldenburg eröffnet. Die Baukosten wurden mit 11,7 Millionen Mark angegeben (rund 6 Millionen Euro). Der ovale Baukörper beherbergt drei Etagen mit rund 1000 Quadratmetern Ausstellungsfläche.

Wegen der Pandemie ist das Museum derzeit geschlossen. Mindestens bis 17. Januar 2021 wird die Ausstellung „Das kann nur Zeichnung! Von Beethoven bis Pinterest“ zu sehen sein. Die Schau zeigt Zeichnung als Kulturtechnik.


     horst-janssen-museum.de 
Oliver Schulz Leitender Redakteur / Redaktion Kultur/Medien
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