Oldenburg Das Leben ist bunt und farbenfroh, heißt es zurecht in unserer offenen, pluralistischen, diversen und freiheitlich-demokratischen Gesellschaft, und gerade in diesen Tagen darf man nicht müde werden, dies zu wiederholen.

Man darf aber auch feststellen, dass manches besser in Schwarz und Weiß funktioniert. Den Beweis liefern die Fotos der Schupmann Sammlung, die unter dem Titel „Fotografie in Westdeutschland 1945-2015“ von 14. November bis 14. Februar 2021 im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg zu sehen sein werden.

Rund 700 Schwarz-Weiß-Fotografien hat Allgemeinmediziner Dr. Michael Schupmann mit seiner Frau Ingrid, im hessischen Bad Hersfeld lebend, zu einer exquisiten Sammlung zusammengetragen. Eine Auswahl von rund 200 Werken wird nun in Oldenburg zu sehen sein.

Mehr als eine Zeitreise

Die Schau ist weit mehr als eine Zeitreise durch die Geschichte der Bundesrepublik, obwohl sich einige Fotos fest ins Gedächtnis der Nachkriegsgeneration im Westen gebrannt haben. Die heraus-ragende Bildjournalistin Barbara Klemm zum Beispiel hat sich Anfang der Siebzigerjahre auf die Straße begeben, hat die Proteste der Außerparlamentarischen Opposition und der Nachrüstungsgegner genauso fotografiert wie die Gespräche der Lenker und Machthaber der Weltpolitik.

Zu sehen sind Heinrich Böll im stillen Widerstand in Mutlangen 1983 und Startbahn-West-Gegner 1981 einerseits, Willy Brandt und Leonid Breschnew in Bonn 1973 oder Helmut Kohl vor den wendetaumelden Dresdnern im Dezember 1989 andererseits.

Schicksalhafter Besuch

Im selben Jahr, also 1989, kam es in Frankfurt zur schicksalhaften Begegnung, die die Initialzündung der Sammlung werden sollte. „Bei einem Besuch der Stadt trafen meine Frau und ich zufällig auf das Fotografieforum. Das war eine Fundgrube für jemanden, der sich seit vielen Jahren mit Fotografie und deren Geschichte beschäftigt hatte“, erinnert sich Michael Schupmann.

Der Mediziner fing Feuer und die Sammlung wuchs stetig. „Eine Photogravüre von Steichen oder einen Baryt- abzug von Uelsman oder Gibson persönlich in der Hand zu halten, bescherte mir Glücksgefühle, die weiter gepflegt werden mussten. Aus zehn Fotos unterschiedlicher Provenienz für die Wohnzimmerwand wurde ab 1991 eine Fotosammlung, die bald ein Oberthema und eine Eingrenzung fand: Schwarz-Weiß-Fotografie in Deutschland nach 1945.“

Die Auswahl ist erlesen. Angefangen bei den Mitgliedern der Gruppe „fotoform“, die nach dem Zweiten Weltkrieg durch ungewohnte Sichtweisen und Dunkelkammer-Experimente auf sich aufmerksam machten, über die Reportagefotografie von Barbara Klemm oder Will McBride und Modefotografie von F. C. Gundlach, Hubs Flöter oder Walde Huth bis hin zu den Arbeiten des Digitalpioniers Andreas Müller-Pohle.

Hohe Qualität

Bei aller Verschiedenheit haben die Aufnahmen eines gemein: die hohe künstlerische Qualität. Sie eröffnen einen neuen Blick auf die Welt, überraschende Perspektiven und tiefe Einblicke in die westdeutsche Gesellschaft.

Im Jahr 2002 haben die Schupmanns bis auf einige wichtige Ausnahmen einen Schlussstrich gezogen. „Das hatte auch mit dem Wandel zu tun hin zur Digital-, Farb- und Monumentalfotografie, der mit einem Qualitätsverlust in den Neunzigerjahren einherging. Es schien mir ein guter Zeitpunkt“, sagt Michael Schupmann, Jahrgang 1949, der selbst seit früher Jugend fotografierte und viele Stunden in der Dunkelkammer verbrachte.

Typischer Querschnitt

„Es war nie unser Bestreben, das jeweils ,schönste Bild’ der Autoren, sondern einen charakteristischen Quer- und/oder Längsschnitt der Fotografie unterschiedlicher Genres zusammenzutragen“, so Schupmann. „Also eine kleine private und damit nicht vollständige, aber doch repräsentative Fotohistorie der Bundesrepublik darzustellen.“

Von Anfang an suchte das Sammlerpaar den persönlichen Kontakt zu den noch lebenden Fotografen. „Wir wollten eine Sammlung nicht nur besitzen, sondern auch leben.“ So ergab sich eine intensive Reisetätigkeit im Rahmen der für einen Landarzt aus zeitlichen Gründen raren Möglichkeiten. Auch Auktionshäuser und Galerien wurden besucht – in einer Zeit des Internets in den Lauflernschuhen ein mühsames Geschäft.

Teile des Bestandes werden in zeitlich naher Folge parallel in Oldenburg, Würzburg und Bad Arolsen gezeigt. Bei der Kuratierung hat Michael Schupmann den Museen und Häusern freie Hand gelassen.

Im Mittelpunkt steht bei allen drei Ausstellungen das ausgesprochen künstlerische Interesse an der Fotografie. Zumindest in dieser Hinsicht kann es beeindruckender sein, die Dinge schwarz-weiß zu sehen.

Seit Beginnder Neunzigerjahre hat Dr. Michael Schupmann mit seiner Frau Ingrid etwa 15 Jahre lang Fotografien gesammelt. Die eher kleine, private Sammlung mit rund 700 Abzügen zeichnet sich durch Fotografie in ihren künstlerischen Aspekten aus. In Oldenburg sind rund 200 Werke zu sehen.

Die Ausstellung im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte (Oldenburger Schloss) ist von 14. November 2020 bis 14. Februar 2021 geöffnet. Öffnungs- zeiten: dienstags-sonntags 10-18 Uhr


     www.landesmuseum-ol.de 
Oliver Schulz Leitender Redakteur / Redaktion Kultur/Medien
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