Nordhorn Eine Treppe führt hinauf zur Pyramide von Nordhorn. Sie ist nicht annähernd so alt und nicht annähernd so hoch wie die berühmten Vorbilder in Ägypten, aber bestens geeignet für eine erste Orientierung. Von der Anhöhe, auch Povelberg genannt, hat man einen guten Blick auf die einst so erfolgreiche Textilstadt nahe der niederländischen Grenze.

Uns zu Füßen liegt die ehemalige Weberei der Firma Povel mit ihrem geschwungenen Dach, heute ein Kulturzentrum mit „Museums- fabrik“. Dann, in etwa 300 Metern Entfernung, der Povelturm aus dem Jahre 1906, ein 26 Meter hoher Wasser- und Staubturm.

Das größte erhaltene Gebäude aus den goldenen Jahren ist der Spinnereihochbau der Firma NINO (eine Abkürzung aus Niehues und Nordhorn), ein „Industriedenkmal von überregionaler Bedeutung“, so die Tafelinschrift auf der Pyramide. Alte Weberei, Povelturm und NINO-Hochbau – alle drei sind Ausstellungsorte des Stadtmuseums. Wer mehr über Textilgeschichte Nordhorns wissen möchte, ist hier richtig.

Familiengeschichten

„Wie der Vater so der Sohn und der Großpapa“, heißt es im „Nordhorner Weberlied“ von 1947. Und so ungefähr war es auch bei der Familie von Gitta Hoesmann. Ihr Opa arbeitete bereits bei Povel, ihr Vater war dort Meister in der Weberei und Spinnerei. Hoesmann selbst hat Industriekauffrau bei Rawe gelernt und zum Schluss im Export gearbeitet, bei den „Sessel- pupern“, wie die Leute im Büro auch genannt wurden, zu Zeiten, in denen noch jeder Auftrag auf einer Karteikarte notiert wurde.

Heute macht die 50-Jährige Führungen zur Textilgeschichte Nordhorns. Sie empfängt uns am NINO-Hochbau. Der Stuttgarter Architekt Philipp Jakob Manz hat das größte Einzelgebäude der Stadt 1929 entworfen. Der Treppenbau war selbstverständlich höher als der von Povel, denn Konkurrenz kennzeichnete das Verhältnis der Firmen vom ersten Tage an. Povel hatte bereits 1872 die Produktion aufgenommen und 1889 die „Nordhorner Waterschürzen“ auf den Markt gebracht. „Amerika hatte die Jeanshose, wir hatten die Kittel“, sagt Hoesmann.

1897 gründeten Bernhard Niehues und Friedrich Dütting die Firma „Niehues & Dütting“ (ab 1950 als NINO) und produzierten anfangs ebenfalls Waterschürzen. Warb Povel mit dem Slogan „Das Beste vom Besten“, so setzten Niehues & Dütting eins drauf: „Das Allerbeste vom Besten“.

Nur Rawe, gegründet 1896, hielt sich bei diesem eigentümlichen Wettstreit ein wenig zurück. Der Dritte im Bunde wurde in den 1920er Jahren zu einem der größten Produzenten von Baumwollsäcken in Europa, mit einem Stoff, der sich bestens auch als Geschirrtuch eignete.

Siedlungen entstanden

Wer qualifizierte Arbeiter wollte, musste in den Wohnungsbau investieren. Ganze Siedlungen entstanden, die neuen Kollegen aus dem Ruhrgebiet mussten auch nicht auf ihre „Trinkhalle“ verzichten. Nach und nach bekam das Ackerbürgerstädtchen ein neues Gesicht und wurde „die amerikanischste Stadt Deutschlands“, das jedenfalls befand die Autorin einer Reportage, die 1933 in der Zeitschrift „Reclams Universum“ erschien.

1942 weilte der Fotograf Paul Wolff („Pionier der Kleinbildkamera“) in Nordhorn und dokumentierte den Produktionsprozess, vom ersten Telefonat des Chefs über die Ankunft der Baumwolle bis hin zu den fertigen Stoff- bahnen. Wer genau hinsieht, erkennt eine Frau, deren Arbeitskleidung einen Aufnäher mit dem Kürzel „OST“ trägt – sie war eine von mehreren Hundert Zwangsarbeiterinnen aus Polen und der ehemaligen Sowjetunion.

Noch zu Beginn der 1960er Jahre waren in den drei großen Nordhorner Textilfirmen 12 000 Menschen beschäftigt. Zeitweise stammten mehr als zwei Drittel aller in der Bundesrepublik verkauften Damen- und Herrenmäntel aus Nordhorn. Besonders populär waren „NINO-Flex-Mäntel“, bekannt aus Funk und Fernsehen sowie unzähligen Frauenmagazinen.

Bei Werbekampagnen und Modereportagen arbeitete NINO mit renommierten Fotografen zusammen, darunter Helmut Newton, F.C. Gundlach und Charles Wilp. Und auch Karl Lagerfeld wusste, wo Nordhorn liegt.

Die Modefotografien stehen heute im Mittelpunkt der Ausstellung „Menschen, Mode und Maschinen“ im NINO-Hochbau. Auf einem Foto sieht man Schlageridol Roy Black, er posierte mit Zigarre, auf einem anderen Diana Rigg alias Emma Peel, bekannt aus der Kultserie „Mit Schirm, Charme und Melone“. Ein Gruppenbild zeigt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft von 1974, eingekleidet von NINO. Entspannt fläzen sich die späteren Weltmeister um Sepp Maier, Paul Breitner, Jupp Heynckes und Gerd Müller in ihre Stühle.

Abstieg in den Achtzigern

NINO war ein Begriff. In den 1980ern kannten vier von fünf Bundesbürgern die Firma, die längst international agierte. Doch die Globalisierung forderte ihren Tribut. Weltweit wurden textile Produktionsstätten in Billiglohnländer verlegt. Die Stoffe und Kleider kamen nun vor allem aus Fernost. Dort galten andere Löhne, andere Gesetze. „Wir wussten, dass die Preise kaputt waren. Wir haben keine Gewinne mehr rausgeholt“, erinnert sich Hoesmann. 1978 ging Povel in Konkurs. Bei NINO lief die Produktion Ende 1994 aus. Und 2001 war auch bei Rawe Feierabend.

Der Niedergang der Textilindustrie hinterließ zahlreiche Industriebrachen. Nach der Sanierung kontaminierter Böden entstand ein neues Wohnviertel: die „Wasserstadt Povel“. Für Hoesmann ist es „ein Klein-Venedig, lauter Häuser mit weißer Fassade“, eigentlich untypisch für Nordhorn, eine Stadt, in der traditionell der rote Klinker dominiert. Auch die eingangs erwähnte Pyramide gehört zu diesem Viertel. Es handelt sich um die ehemalige Mülldeponie der Firma Povel, gut eingepackt und begrünt.

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