Bremen /Oldenburg Das Bundesfinanzministerium kündigte die neue Sondermarke selten poetisch an: Im „Seestück“ von Gerhard Richter, so die Regierungsstelle, prallten Himmel und Erde kraftvoll aufeinander. Die untergehende Sonne lege sich glitzernd auf die sanften Wogen des Meeres. Nun könne jedermann für 1,45 Euro „einen echten Richter“ sein Eigen nennen.

Botschafter des Landes

Millionenfach wurde der Mini-Richter mittlerweile abgeleckt, abgestempelt oder in Sammelalben gesteckt. Sein Schöpfer, das Bremer Künstler-Ehepaar Fritz und Sibylle Haase, hat das berühmte Werk von Deutschlands teuerstem Gegenwartskünstler auf Briefmarkengröße gequetscht. Ein aufwendiger, millimeterfeiner Gestaltungs-Prozess von der Bleistift-Skizze bis zur Vorlage für den elektronischen Druck.

Fritz und Sibylle Haase gehören zu den etwa 100 Designern, die deutsche Briefmarken entwerfen. 120 ihrer etwa 1000 Entwürfe haben es seit 1978 bis an den Postschalter geschafft. Spitze in der heimischen Designer-Szene.

Warum sie ausgerechnet Briefmarken entwerfen? Was für eine Frage! „Man erreicht das, was Warhol immer wollte: Millionenauflagen!“ Die Haases sind die personifizierte Wertschöpfung: Ihr Motiv „Gnadenkapelle Altötting“ schaffte eine Auflage von 3,9 Milliarden, die „Alte Oper Frankfurt“ 1,1 Milliarden, die „Roland-Säule Bremen“ 152 Millionen. „Briefmarken sind Botschafter ihres Landes. Das ist was Bleibendes.“

Mehrere tausend Entwürfe wurden zwischen 1839 und 1840 für die Gestaltung der weltweit ersten Briefmarke eingereicht. Doch keine Skizze fand Gnade vor Sir Rowland Hill (1795–1879), dem Wegbereiter der Briefmarke. Der Brite hatte jahrelang für eine Reform der Briefgebühr gekämpft. Während bis dahin der Empfänger eines Briefes das Porto entrichten musste, sollte der Tarif nun im Voraus durch „kleine auf der Rückseite mit Leim bestrichene Papiere“ quittiert werden. Viele Politiker hielten Hills Vorschlag für undurchführbar.

Aber am 6. Mai 1840 triumphiert er über alle Lästermäuler: An dem Tag wird das weltweit erste Postwertzeichen verkauft: die legendäre „One Penny Black“.

Nur wenige Jahre später startet die Briefmarke ihren weltweiten Siegeszug: 1843 in Brasilien und der Schweiz, 1849 in Frankreich, Belgien und Bayern. Die erste Oldenburger Briefmarke kommt am 5. Januar 1852 heraus.

Geheimer Wettbewerb

„Briefmarken zu sammeln ist ein schönes Hobby“, findet Designer Haase. Doch um die passionierten Sammler wird es immer einsamer: Die Zahl der Deutschen, die der Liebhaberei verfallen sind, hat sich seit den 1970er Jahren von sechs auf drei Millionen halbiert. Haase, mittlerweile stolze 78, hätte da einen Tipp, den Negativtrend zu stoppen: „Der Rapper Bushido sollte anfangen zu sammeln.“ Vielleicht fänden dann wieder mehr Jugendliche Interesse an den gezackten Kleinoden.

Im 19. Jahrhundert entschieden die Landesfürsten noch allein darüber, was auf einer Briefmarke zu sehen ist. Seit 1998 hat der Bundesfinanzminister das letzte Wort. Jeder Bürger darf Themen vorschlagen. Um die tausend Ideen gehen jedes Jahr ein, aber nur 50 Entwürfe schaffen den Weg in die Briefkästen und Sammelalben. Über die Themen diskutiert ein hochkarätig besetzter Kunstbeirat, verrät Haase.

Mehrmals schon wurden Haase-Marken zur schönsten deutschen Briefmarke des Jahres gewählt, darunter die Ausgaben „100 Jahre Künstlerdorf Worpswede“ (1989) mit einem Gemälde von Heinrich Vogeler und „Mit einander leben – Ausländer in Deutschland“ (1994).

Hat sich die Berliner Experten-Kommission auf ein Thema verständigt, wird ein geheimer Wettbewerb ausgeschrieben, an dem sechs vom Ministerium auserkorene Grafiker teilnehmen dürfen. Man kann sich nicht bewerben, man wird geladen. „Keiner weiß von dem anderen. Jeder ist zur Verschwiegenheit verpflichtet“, erzählt Grit Fiedler (48). Die Leipziger Grafik-Designerin hat gemeinsam mit ihrem Vater Jochen Fiedler 1990 das letzte Postwertzeichen der DDR entworfen: Eine 50-Pfennig-Marke mit der Parole der Montags-Demonstrationen „Wir sind das Volk!“

In Oldenburgwurden am 5. Januar 1852 erstmals Briefmarken herausgegeben. Der gelbschwarze Druck zeigte das großherzogliche Hauswappen über einem Schild mit der Wertangabe in Oldenburger und in Bremer Währung. Ab 1862 prangte auf dem Markenbild in einem ovalen Medaillon das Wappen des Großherzogtums. Die Oldenburger Firma Gerhard Stalling stellte die Postwertzeichen im Steindruckverfahren her.

Insgesamt 19 Marken gab Oldenburg im Laufe seiner kurzen philatelistischen Geschichte heraus. Am 1. Januar 1868 trat das Großherzogtum dem Norddeutschen Bund bei und gab damit sein eigenes Postregal auf.

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