Leticia /Kolumbien Eine wahrlich ungewöhnliche Freundschaft: auf der einen Seite der Rammstein-Sänger Till Lindemann, privat als eher einsilbig geltender Rockpoet, auf der anderen Joey Kelly, der – um es vorsichtig zu formulieren – durchaus auskunftsfreudig ist. Wie also soll das funktionieren, wenn diese beiden scheinbar grundverschiedenen Charaktere über Wochen gemeinsam in einem winzigen Falt-Kajak hocken, um die großen Flüsse unseres Planeten zu befahren?

Offenbar problemloser, als man vermutet hätte. Denn nach ihrer in einem opulenten Fotobuch festgehaltenen Reise auf dem Yukon vor vier Jahren waren sie jetzt wieder unterwegs. Diesmal auf dem Rio Javari, einem Nebenfluss des Amazonas. Die beiden lieben die Extreme!

Besondere Freundschaft

Kennengelernt haben sich Kelly und Lindemann vor einigen Jahren bei einer Preisverleihung, bei der die Garderoben von Rammstein und der Kelly Family direkt nebeneinander lagen. Aus anfänglicher Skepsis gegenüber der Welt des jeweils anderen ist eine enge Freundschaft geworden.

Vier- bis fünfmal pro Jahr besuchen sie einander, um nicht nur Stunden, sondern mitunter sogar mehrere Tage miteinander zu verbringen. So entstand die Idee einer gemeinsamen Kanufahrt. Dass es als erste Herausforderung gleich der Yukon sein musste, liegt wohl an der Extrem-Mentalität beider Musiker. „Die Freundschaft zwischen Joey und mir ist so besonders, weil sie anders ist als normale Bekanntschaften“, gestand Lindemann in „Yukon – Mein gehasster Freund“, dem ersten Reisebericht der ungleichen Kumpel im Jahr 2017.

Während Lindemann und Kelly auf dem Yukon-Trip nur Bären und Elche als für sie wirkliche Gefahr ausgemacht hatten, waren es jetzt auf dem Amazonas ganz andere Herausforderungen, denen sich die Freunde stellen mussten. Um ein Haar wäre Kelly einem gefräßigen Kaimanweibchen zum Opfer gefallen, nachdem er beim Angeln über Bord gegangen war. Und auch beim Kontakt mit Schlangen und Piranhas war stets größte Vorsicht geboten. „Amazonien ist halt Dschungelgebiet, dort überleben nur diejenigen Tiere, die andere fressen“, sagte Kelly.

Durchs Drogengebiet

Am unheimlichsten aber war der Besuch einer Coca-Plantage, die – wie so viele andere auch – in einem der undurchdringlichen Regenwälder versteckt lag. „Die größte Einnahmequelle dort ist die Kokainproduktion. Man reist also mitten in einem Drogengebiet.“

Im Bildband „Amazonas – Reise zum Rio Javari“ (National Geographic-Verlag) erzählt Lindemann, wie geheim diese Mission war – und bleiben musste: „Einer der Arbeiter hat auf seine Motorsäge gezeigt und über unseren Begleiter ausrichten lassen, dass er uns die Beine abschneiden würde, wenn wir fotografieren.“ Es gab auf der Reise also Momente purer Angst? Till Lindemann: „Keine Angst, eher eine Art beklemmendes Gefühl. Nach dem Motto: Hier findet uns keine Sau!“

Als besonders beklagenswert erlebten Kelly und Lindemann den verheerenden Raubbau an der Natur im Amazonasgebiet. Bereits beim Anflug auf ihren Startpunkt Leticia konnten die Zwei die flächendeckenden Brandrodungen erkennen.

Urwald massiv zerstört

„Man geht davon aus, dass pro Minute Urwaldfläche in einer Größe von anderthalb Fußballfeldern gerodet wird, für den Soja-Anbau oder Weidefläche für die Rinder-herden“, sagt Kelly. Dramatische Nebenwirkungen habe auch die Goldsuche. „Dort wird mit Quecksilber Gold aus Gestein und Lehm herausgewaschen. Das Quecksilber verteilt sich in den Flüssen, gelangt so in die Fische und von dort in die Menschen.“

Das alles wird Kelly und Lindemann dennoch nicht abhalten, weitere Ströme zu bereisen. Im August 2020 paddelten sie den Rhein hinunter, als nächstes sollen der Nil und der Mekong dran sein. Lindemann: „Vielleicht haben wir irgendwann einmal sechs große Bildbände dazu veröffentlicht.“

Joey Kelly, Till Lindemann: Amazonas – Reise zum Rio Javari; NG Buchverlag GmbH; 240 Seiten; 89 Euro

Der fast drei Kilo schwere Bildband ist randvoll mit beeindruckenden Fotos. Joey Kelly und Till Lindemann wollen mit diesem Schmöker der bedrohten Natur und der Wildnis Südamerikas ein Denkmal setzen. Man bekommt einen Eindruck vom Fluss und seinen Bewohnern, im Wasser ebenso wie an den Ufern. Außerdem gibt es im Buch ein langes Interview und unveröffentlichte Gedichte von Lindemann.

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