Oldenburg /Dangast Das hatte der kunstinteressierte Oldenburger zuvor noch nicht gesehen: diese kräftigen Farben, diesen dynamischen Malstil. Die Ausstellung im Augusteum mit Bildern von Karl Schmidt-Rottluff (1884–
1976) und Erich Heckel (1883–1970), die während ihrer Aufenthalte in Dangast und Dangastermoor entstanden waren, stieß 1908 nicht nur auf Begeisterung in der beschaulichen Residenzstadt, sondern sorgte auch für Irritationen.

„Ich für meine Person wäre aber sehr unglücklich, wenn ich die Welt in diesen rauschenden Farben sähe, und mir können die Abbilder solch starkgefärbter Vorstellungen auf die Dauer nicht sympathisch sein“, urteilte Wilhelm von Busch, Feuilleton-Chef der Oldenburger Nachrichten für Stadt und Land, über die Bilder der Gründer der Künstlergruppe „Brücke“.

Im Viertelstundentakt

Die 1905 in Dresden gegründete Künstlergruppe steht für den Aufbruch einer jungen Künstlergeneration, die Leben und Arbeiten als Einheit versteht und der traditionellen Kunstauffassung den Rücken kehrt. Ihr Ziel ist die Erneuerung der Kunst.

Neben Schmidt-Rottluff und Heckel gehören Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938) und Fritz Bleyl (1880–1966) zur Künstlergruppe, später stoßen noch Max Pechstein (1881–1951) und Otto Mueller (1874–1930) hinzu. Emil Nolde (1867–1956) ist für eineinhalb Jahre Mitglied.

Die Brücke-Künstler entwickeln gemeinsame Arbeitsweisen, darunter das sogenannte Viertelstundentaktzeichnen, bei dem die Künstler die Haltung des Modells in wenigen Minuten skizzieren. Nicht die anatomisch korrekte Abbildung der Körper ist wichtig, sondern vielmehr die Wiedergabe der persönlichen Wahrnehmung. Auch ihre Landschaftsmalerei ist davon geprägt.

Karl Schmidt-Rottluff und Erich Heckel kommen im Sommer 1907 zum ersten Mal nach Dangast – „eine Gegend, die man malerisch unbedingt festhalten muss“, schreibt Heckel an einen Freund. Heckel kommt bis 1910 jeden Sommer an den Jadebusen, Schmidt-Rottluff bis 1912. Dangast und die Umgebung werden für sie zu einem wichtigen Rückzugsort. Mit Fahrrädern erkunden sie die Landschaft und entdecken eine Vielzahl an Motiven. „Es ist unglaublich, wie stark man die Farben hier findet, eine Intensität, wie sie kein Pigment hat“, schreibt Schmidt-Rottluff an den Hamburger Sammler Gustav Schiefler.

Aus dem Jahr 1909 sind die ersten Künstlerpostkarten erhalten, die von Dangast und Varel aus an befreundete Maler, Sammler und Mäzene geschickt wurden. „Da wir alle nicht gerade eifrige Briefschreiber waren, dienten die Karten als kurze Mitteilungen über unsere Arbeit“, erinnert sich Schmidt-Rottluff später.

Bedeutende Werke von Brücke-Künstlern hat der Direktor des 1921 gegründeten Oldenburger Landesmuseums, Walter Müller-Wulckow (1886–1964), in seiner Privatsammlung. Er plant eine Ausstellung der Brücke-Künstler aus ihrer Dangaster Zeit. Die Ausstellung kommt nicht zustande, aber Müller-Wulckow erwirbt zügig einige Werke von Schmidt-Rottluff und Heckel aus ihrer Dangaster Zeit für das neue Museum. Unterstützt wird er dabei durch den Oldenburger Sammler Ernst Beyersdorff.

Bilder verschollen

Mit seiner Hilfe erwirbt Müller-Wulckow zur Eröffnung des Landesmuseums 1923 das Gemälde „Die gelbe Öljacke“ von Schmidt-Rottluff, das Beyersdorff bei der Präsentation 1908 im Augu­steum als den „Clou“ der Ausstellung bezeichnet hatte. „Die gelbe Öljacke“ wird eines der Hauptwerke der Modernen Galerie des neuen Landesmuseums Oldenburg.

Die Freude währt nicht lange. 103 Werke der Modernen Galerie werden von den Nationalsozialisten 1937 als entartete Kunst konfisziert, darunter fast alle Gemälde der Brücke-Künstler. Ein großer Teil gilt bis heute als verschollen, manche wurden verkauft, andere vernichtet.

Erst 1957 gelingt es, anlässlich der Ausstellung „Maler der Brücke in Dangast“ 38 Werke der Expressionisten für Oldenburg zu erwerben, darunter „Mittag in der Marsch“ (1907) von Heckel und 19 druckgrafische Blätter von Schmidt-Rottluff. Weitere Werke der Brücke-Künstler erhält das Landesmuseum in den 80er Jahren durch Schenkungen und Nachlässe

Von den beiden beschlagnahmten Gemälden Schmidt-Rottluffs, „Die gelbe Öljacke“ und „Kühe am Deich“, die zu den wichtigsten Werken seiner Dangaster Jahre gehören, sind in Oldenburg nur Farbdias erhalten geblieben – die einzige Erinnerung an die Farbenpracht dieser Bilder.

Das Landesmuseumfür Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg präsentiert von diesem Sonnabend bis zum 22. Januar 2017 einen Querschnitt durch das Schaffen der Künstlergruppe „Brücke“. Im Galeriesaal des Augusteums werden Spitzenwerke von Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Ernst Ludwig Kirchner, Max Pechstein und Otto Müller aus dem Brücke-Museum Berlin gezeigt, darunter Motive aus dem Oldenburger Land und Künstlerpostkarten. Zur Ausstellung ist ein reich bebilderter Katalog (Hirmer Verlag, 159 Seiten, 24 Euro) erschienen. Er ist im Museum erhältlich.

Öffnungszeiten:dienstags bis sonntags 10–18 Uhr, geschlossen am 24. und 25. Dezember, am 31. Dezember und 1. Januar.

Lore Timme-Hänsel Redakteurin / Kulturredaktion
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