Bremen Am 27. September 1965, einem Montag, war die Welt der Bremer Jugend eine andere. Am Sonnabend zuvor hatte Radio Bremen den ersten „Beat-Club“ ausgestrahlt, und nun waren alle Schulhöfe voll von Geschichten. Natürlich war jeder (bis auf „die Streber“) irgendwie dabei gewesen, jeder gab seinen Senf zur Show – und natürlich wusste niemand, was er da gesehen hatte: eine Kulturrevolution im Wohnzimmer.

Eine Provokation

Ein Aufstand, dem keiner zum Opfer fiel, der aber in seinen Auswirkungen ungewohnt dauerhaft war. Und obwohl der „Beat-Club“ nur sieben Jahre lang ausgestrahlt wurde, ist die Show auch nach 50 Jahren unvergessen. Nur die Wohnzimmer, in denen diese Revolution stattfand, haben längst neues Mobiliar.

Regisseur Michael „Mike“ Leckebusch und Gerd Augustin vom Bremer „Twen-Club“ hatten sich das Konzept ausgedacht. Ein wenig wurde dabei nach England zur Musikshow „Ready Steady Go“ geschaut, ein wenig auch zu amerikanischen Vorbildern.

Neben Gerd Augustin wurde die junge Architekturstudentin Uschi Nerke als Moderatorin angestellt, die Bremer Lokalmatadoren The Yankees untermalten mit „Halbstark“ den Urknall des „Beat-Clubs“, und schon wackelte die Fernsehröhre. „Uns war klar, dass die Art der Sendung und die Musik, die gespielt wurde, eine Provokation waren“, gab Uschi Nerke, die tapfer sämtliche 83 „Beat-Clubs“ durchmoderierte, Jahre danach zu Protokoll.

Die Sendung, so schimpfte ein Leserbriefschreiber, habe es geschafft, „singende Affen vor der Mattscheibe zu präsentieren“. Die Kritiker ließen sich auch vom späteren „Tagesschau“-Sprecher Wilhelm Wieben („… bitten wir um Verständnis: Dies ist eine Live-Sendung mit jungen Leuten für junge Leute“) nicht beruhigen. Die Zielgruppe jubelte dagegen im Jugendjargon ihrer Zeit: „Einfach fab!“ „Fab“ steht fürs englische „fabulous“ und heißt in etwa „fabelhaft“.

Schaut man sich die Aufzeichnungen von damals heute an, so ist die Aufregung über die (so ein Zuschauer) „obszöne Beatsendung“ unverständlich. Zu sehen sind frisch geföhnte und gekämmte junge Herren, die 50er-Jahre-Rock’n’Roll spielen (Yankees) sowie zwei ebenso adrette englische Bands (The Liverbirds und John O’Hara & his Playboys), die man aus dem Hamburger „Star-Club“ ausgeliehen hatte.

Doch der „Beat-Club“ arbeitete in der Folgezeit mächtig daran, dem Nerkeschen Motto der „Provokation“ gerecht zu werden. Schon in Folge drei zeigten Sonny & Cher, was richtig lange Haare und unangepasste Klamotten sind. In derselben Sendung bewiesen Achim Reichel (The Rattles), Jochen Laschinsky und der spätere Fußball-Nationalspieler Dieter Zembski (beide The Mushroams), dass auch auf deutschen Köpfen lange Matten wachsen. Und je lockerer die Bands (der Schlips, zunächst unverzichtbar, flog weg) wurden, desto zünftiger wurde die Musik. Die Eltern schmollten vorm Fernseher, ihre Kinder liebten den „Beat-Club“ dafür.

Keine Traumgagen

Nun war es nicht so, dass die Künstler Traumgagen bei Radio Bremen einsacken konnten. 500 D-Mark pro Band plus Spesen gab’s zunächst – und trotzdem trudelten fast alle Größen jener Tage ins Studio ein. Mehr noch: Sie wollten kommen, auch der Werbung wegen.

The Who führten eine 30-Minuten-Version ihrer Oper „Tommy“ als TV-Weltpremiere auf, Black Sabbath, Edgar Broughton Band, Deep Purple oder Soft Machine fanden neue musikalische Sphären. Dazu tanzten knapp bekleidete Go-Go-Girls, badete Uschi Nerke fast nackt in der Wanne. Der „Beat-Club“ war und blieb Provokation.

Die Zuschauer waren zunächst zufrieden. 75 Prozent aller Zwölf- bis 20-Jährigen sahen Ende 1969 regelmäßig zu, 50 Länder übernahmen die Show. Zahlen, die allerdings auch schon den Höhepunkt der Beliebtheit bedeuteten. Denn von nun an ging es bergab, bei sieben Prozent lag die Einschaltquote zuletzt. Am 9. Dezember 1972 begleitete die Teenie-Band The Osmonds ganz allein und wenig provokativ die Sendung ins Archiv. Vier Tage später wurde der erste „Musikladen“ ausgestrahlt, Mike Leckebuschs nächster Fernseherfolg.

Der „Beat-Club“ war Vergangenheit. Und lebt fortan in der guten Erinnerung seiner Zuschauer weiter.

Die Musiksendung von Radio Bremen (später koproduziert mit dem WDR) wurde vom 25. September 1965 bis zum 9. Dezember 1972 im Monatsrhythmus, aber mit einigen Unterbrechungen ausgestrahlt. Zunächst in Schwarz-Weiß, ab Folge 51 (31. Januar 1970) in Farbe.

Ständige Moderatorin war Uschi Nerke (heute 71). Unterstützt wurde sie im Laufe der Jahre von Gerd Augustin, Dave Lee Travis, Dave Dee sowie sporadisch von Eddy Vickers und Clem Dalton.

Rund 350 Bands und Solisten traten im „Beat-Club“ auf, überwiegend live. Die meisten Gastspiele hatten Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich mit neun Auftritten. Während Superstars wie Jimi Hendrix, The Who, The Bee Gees, Santana, Fleetwood Mac, Jethro Tull, Alice Cooper oder Frank Zappa sich nicht für einen Besuch in Bremen zu schade waren, ließen sich die großen Drei – Beatles, Rolling Stones, Bob Dylan – nur per Videofilm blicken.

Das Jubiläum „50 Jahre Beat-Club“ feiert Radio Bremen mit einer Fernsehnacht, die am 26. September um 23.25 Uhr im Dritten Programm von NDR/RB beginnt. Zunächst gibt es eine große Show mit Udo Lindenberg, Peter Maffay, Inga Rumpf, Wolfgang Niedecken und The Pretty Things. Ab 0.55 Uhr folgt „Das Beste aus dem Rock-Archiv 1965–1972“ und ab 3.55 Uhr die Dokumentation „Generation Beat-Club“.

Nachempfinden kann man die sieben Jahre in der vorzüglich edierten DVD-Kollektion „The Story of Beat-Club“. Außerdem werden in diversen ARD-Sendern alte „Beat-Clubs“ regelmäßig wiederholt.


     www.beatclub-edition.de www.ard.video.de 
Klaus Fricke
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