Berne „Bitte nicht platt treten – und nicht pflücken!“ Mit vorsichtigen Schritten geht die kleine Touristengruppe auf grünem Pfad entlang einer Wiese auf der Juliusplate bei Berne (Kreis Wesermarsch). Da steht es, ein fast exotisch wirkendes Liliengewächs zwischen Löwenzahn, Hahnenfuß und Wiesenschaumkraut – die Schachbrettblume.

„Es gibt nichts Vergleichbares“, schwärmt Gästeführerin Anke Bakenhus, die diesen Schatz seit Jahr und Tag wie ihren Augapfel hütet. Grazil neigt sich der etwa 20 Zentimeter hohe Stängel am Ende zu einer tulpenförmigen Glocke. Auf die sechs Blütenblätter hat Mutter Natur ein rotweißes – oder seltener – ein weiß-gelbes Karomuster gemalt. Jedem ist sofort klar, woher die auffällige Pflanze ihren Namen hat.

Nasse Wiesen

Schon in ihrer Kinderzeit, erzählt die 67-Jährige aus Berne stammende Gästeführerin, seien die Schachbrettblumen am Weserdeich etwas ganz Besonderes gewesen. Was für ein Anblick, wenn die zeitweise überschwemmten Wiesen sich zwischen Mitte April und Anfang Mai in ein purpurfarbenes Blütenmeer verwandelten! So etwas gebe es nur hier bei uns, habe ihr Opa behauptet. Und tatsächlich werden die wenigen noch verbliebenen Standorte dieser inzwischen streng geschützten Zwiebelpflanze wie Geheimtipps gehandelt.

Ein Berner Pastor soll die botanische Rarität um 1900 in seinen Garten gepflanzt haben, wo sie später in der Wesermarsch verwilderte. Ansonsten sind größere Vorkommen in Niedersachsen – außer auf der Juliusplate – nur noch in zwei Schutzgebieten an der unteren Elbe zu finden.

Warum das so ist? „Wir haben der Schachbrettblume sprichwörtlich das Wasser abgegraben“, bedauert Anke Bakenhus. Wo Nasswiesen trocken gelegt, Flüsse und Bäche begradigt und Deiche das Land vor Überflutungen schützen, hat die feuchtigkeitsliebende Pflanze keine Chance. Sie braucht das Hochwasser, um sich mit ihren schwimmfähigen Brutknospen neue Lebensräume zu erschließen.

Auch auf intensive Landwirtschaft reagiert die Dame empfindlich. Dünger mag sie überhaupt nicht. Und schon gar keine grobe Trampelei auf ihren in der Grasnarbe schlummernden Zwiebeln. Eine Mahd muss sein. Aber bitte erst ab Ende Juni. Dann sind ihre Samen reif und werden vom Winde verweht.

Zugegeben, ein sensibles Geschöpf. Und doch: Zu schade wäre ihr „Schach-Matt“. So kostbar und bezaubernd sei das zarte Pflänzchen, dass es im 16. und 17. Jahrhundert als „Barockblume“ die Schloss-und Herrengärten schmückte und viele Künstler inspirierte, erzählt Anke Bakenhus.

In Berne jedenfalls sind die karierten Schönheiten eine echte Touristenattraktion. Während der kurzen Blüte von nur etwa 14 Tagen führt Anke Bakenhus zahlreiche Besucher durch das Naturschutzareal, ganze Busladungen reisen an, um das Schachspiel auf der grünen Wiese zu bewundern. Nur Gucken und Fotografieren ist erlaubt. Und – ganz wichtig – auch außerhalb der Blütezeit auf den Wegen bleiben! „Vom Samenkorn bis zur ersten Blüte dauert es sieben Jahre“, erklärt sie, „da werden die Grundlagen der Pflanze oft unbewusst zertreten.“

Nicht pflücken

Ein Radler hält bei der Gruppe an. Es ist Olaf Brammer, der zuständige Landschaftswart. Auch er wacht mit Argusaugen über das einzigartige Biotop. Die seltene Blume habe in ihrem Bestand wieder etwas aufgeholt, lässt er wissen. Bei der diesjährigen Kartierung hätte man auf der Juliusplate über 7000 Exem­plare gezählt. „Zum Glück sind die meisten Naturtouristen vorsichtig und vernünftig“, stellt er fest, „es gibt nur noch wenige Unverbesserliche, die mit großen Sträußen abmarschieren oder sich ein Eimerchen mitbringen, um die stark gefährdete Wildpflanze für den eigenen Garten auszubuddeln.“

„Pflücken hat ohnehin keinen Sinn“, ergänzt Bakenhus, „die Blume welkt nach wenigen Minuten, noch bevor sie in der Vase steckt.“ Ihr Tipp: Im Gartenfachhandel gibt es Zuchtvarianten, die jeder ganz legal und ohne schlechtes Gewissen mit nach Hause nehmen kann.

Klar, dass auch andere Wiesenbewohner vom Schutzstatus der Schachbrettblume profitieren. Auf der extensiv bewirtschafteten Fläche sprießen Heil- und Wildkräuter wie Knoblauchrauke, Hirtentäschl, Schafgarbe und sogar der seltene rote Pestwurz. Dazwischen krabbelt, summt und brummt das Leben. Einfach herrlich, so eine kunterbunte Blumenwiese, finden die Besucher. Und wie bestellt trillert irgendwo am Rand dieser Idylle eine Nachtigall.

Die Schachbrettblume hat viele Namen. Kiebitz­ei oder Marschentulpe wird sie auch genannt. Oder – ganz kurios – lateinisch „Fritillaria meleagris“, was soviel heißt, wie „perlhuhngesprenkelter Würfelbecher“. Das mit der Kaiserkrone verwandte Liliengewächs stammt ursprünglich aus Südosteuropa und wurde von Kreuzrittern eingeführt.

Die anmutige Schönheitliebt feuchte Wiesen mit nährstoffreichen Ton- und Lehmböden. Außer durch Samen breitet sie sich durch das Verdriften der (giftigen) Zwiebeln aus. Noch vor 100 Jahren gehörte sie millionenfach zu unseren heimischen Frühlingsboten. Inzwischen ist sie jedoch aufgrund von Entwässerungsmaßnahmen und extensiver Landwirtschaft vom Aussterben bedroht und seit 1936 als Naturdenkmal geschützt.

Bundesweit gibt es nur noch ganz wenige Standorte dieser apart gemusterten Wildblume – die Juliusplate in der Wesermarsch mit ihren regelmäßig überschwemmten Wiesen gehört zu den bedeutendsten. Fachkundige Gästeführungen – auch von Anke Bakenhus – unter


     www.gaestefuehrung-stedingen.de 
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