Oldenburg /Ganderkesee /Lemwerder Die Hainbuchenhecke scheint erst kürzlich gepflanzt worden zu sein, der Rasen ist frisch gemäht. Gäbe es das große Schild im Vorgarten mit dem Hinweis auf den Pfarrbezirk Bümmerstede in der evangelischen Kirchengemeinde Oldenburg-Osternburg nicht, würde nichts darauf hindeuten, dass es sich bei dem netten Einfamilienhaus mit dem roten Ziegeldach um ein Pfarrhaus handelt. Thomas Cziepluch öffnet die Haustür und führt den Besucher gleich links ins Dienstzimmer. Davor steht eine Martin-Luther-Plastik.

Im Dorf präsent

Seit 2011 wohnt der 51-Jährige mit seiner Familie in dem Musterpfarrhaus, von denen es sechs Stück gibt im Bereich der evangelisch-lutherischen Kirche Oldenburg. Das sechste aus der Baureihe mit immer gleichem Grundriss wurde kürzlich in Ganderkesee (Kreis Oldenburg) gebaut.

Vor seinem Umzug nach Oldenburg war Thomas Cziepluch 14 Jahre lang Pastor in Lemwerder (Kreis Wesermarsch). Es war seine erste Pfarrstelle, die Familie wohnte in einem Pfarrhaus aus den 50er Jahren. „Wir waren froh, dass wir es hatten“, sagt er, und seine Frau Anita nickt zustimmend. Für die drei Kinder war genug Platz.

Die unmittelbare Nähe von Pfarrhaus und Gemeindehaus führte zuweilen dazu, dass das Gemeindeleben auch im Wohnzimmer der Familie stattfand und spät abends noch an der Haustür geklingelt wurde, um den Pastor zu sprechen. „Wir waren sehr präsent im Dorf“, sagt Anita Cziepluch.

Als Brigitte Gläser, Pastorin in Oldenburg, 1988 ihre erste Pfarrstelle antrat, sollte sie in ein Pfarrhaus ziehen, das viel zu groß war für die Alleinstehende. Sie entschied sich für eine kleinere Wohnung im Nachbarort, hatte feste Büro- und Sprechzeiten. „Die Skepsis war anfangs groß“, erinnert sie sich. Aber der verbindliche Ort der Seelsorge müsse nicht unbedingt das Pfarrhaus sein, meint sie. Die Gemeinden seien in der Frage der Residenzpflicht oft weiter als die Kirchenleitung. Denn: Wenn der Pastor glücklich sei, sei es die Gemeinde auch.

Residenzpflicht

Die eigene Lebenssituation passe vielleicht nicht immer zum Pfarrhaus vor Ort, aber die Residenzpflicht geht für Cziepluch in Ordnung: „Wir wissen, auf was wir uns einlassen.“ Im Pfarrhaus sei man nah dran am Nächsten. Das müsse man wissen und akzeptieren. Und seinen Kindern habe das Leben im Pfarrhaus nicht geschadet. „Es hat sie sensibel gemacht für Menschen“, glaubt er.

Das klassische Bild vom evangelischen Pfarrhaus geht auf Martin Luther (1483–1546) zurück. Seine Frau Katharina von Bora (1499–1552) verwaltete und bewirtschaftete die Ländereien, die zur Pfarrstelle gehörten, betrieb Viehzucht und Bierbrauerei, verköstigte die Studenten, die zu Luther ins Haus kamen, und pflegte Kranke.

Ab Mitte des 18. Jahrhunderts wandelte sich das Bild. Das Pfarrhaus wurde zum Inbegriff des gelehrten bürgerlich-christlichen Lebensideals und blieb es bis ins 20. Jahrhundert hinein. Durch die 68er Studentenbewegung, die Friedensbewegung und Frauenbewegung bekam Kirche dann ein anderes Profil.

Nicht nur das Pfarrhaus wie zu Luthers Zeiten gibt es nicht mehr, auch die klassische Pfarrfrau gehört der Vergangenheit an. „Die Frau des Pfarrers ist nicht mit der Gemeinde verheiratet“, macht Anita Cziepluch klar.

Und Thomas Cziepluch möchte auch nicht mehr wie der Reformator leben: „Luther hat darauf gewartet, dass die Menschen zu ihm ins Pfarrhaus kommen. Heute muss der Pfarrer rausgehen zu den Menschen“.

Lore Timme-Hänsel Redakteurin / Kulturredaktion
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