Im Nordwesten Es ging ihnen um „Volkskunst im besten Sinne des Wortes“, so hatten es die Maler und Malerinnen der Künstlergruppe „Die Barke“ für ihre erste Ausstellung postuliert. Doch was sie den Betrachtern im Oldenburger „Augusteum“ vor genau 100 Jahren boten, war offenbar für manche Zeitgenossen zu viel. Wilhelm von Busch jedenfalls, der Chef- und Kulturredakteur der Oldenburger Tageszeitung „Nachrichten für Stadt und Land“, bescheinigte ihnen eine gewisse „Verachtung ausgeklügelter Technik“ und fragte sich, ob das Absicht gewesen sei oder mangelndes Können.

Einzig die Bilder des Jaderbergers Jan Oeltjen fanden seine Gnade, die anderen von Georg von der Vring, dessen Frau Therese, Willy Knoop, Georg Emil Baumann, Gerd Meyer oder Gertrud Göring-Erichsen verriss er. „Wie absichtlich ungelenk ist diese Darstellung“, wunderte sich von Busch über von der Vrings Selbstporträt.

Von der Vring (Zeichenlehrer in Jever), seine Ehefrau Therese, der Wilhelmshavener Georg Emil Baumann (Kunsterzieher in Rüstringen) und Karl Sommerfeld (Kunsterzieher in Wilhelmshaven) zählen zu den Gründern der „Barke“, die in den Protokollen des Oldenburger Kunstvereins im März 1921 so bezeichnet wird (im November 1920 schrieb der Protokollant über die Ausstellungsabsicht und bezeichnete die Gruppe als „Der Block“).

Und The-rese von der Vring wird ein Gemälde aus jenen Jahren zugeschrieben, das eine Barke zeigt. Signiert ist es nicht, der frühere, langjährige Besitzer beteuerte aber, es von Therese von der Vring erworben zu haben. Es befindet sich in Privatbesitz und wird zur Erinnerung an die erste Barke-Ausstellung ausgestellt (Außengelände hinter dem Schiffahrtsmuseum Brake, ab 10. April).

Die Barke stellte ab 12. April 1921 und dann noch einmal im März 1922 im Augusteum aus. Ausweislich der Verkaufslisten, die Lür Steffens vom Künstlerhaus Jan Oeltjen (Jaderberg) in den 90er Jahren einsah, hat Jan Oeltjen (zumindest 1922) am besten verkauft (Oeltjen war nicht Mitglied der „Barke“, stellte aber aus). Das Ölgemälde „Apfelernte IV“ ging für 1500 Mark an den Oldenburger Kaufmann Franz Reyersbach, Therese (Resi) von der Vring verkaufte für 500 Mark das Gemälde „Georginen“ und Gerd Meyer für 150 Mark eine „Flusslandschaft“ an Druckereibesitzer Hermann Notholt.

Auch für die März-Ausstellung 1922 hatte Redakteur Wilhelm von Busch keine gute Meinung von den gezeigten Gemälden. „Man muss befürchten, dass sich die Aussteller an die falsche Adresse wenden, dass die Volkskreise, die sie mit ihrer Richtung gewinnen wollen, nur die Kinderhaftigkeit belächeln müssen, wie die Schreibtafelkritzereien des kleinen Moritz oder die vorgetäuschte Einfalt der Witzblätterzeichner.“

Und Autodidakt Willy Knoop male „förmlich bolschewistenmäßig“. Von Busch empfahl: „Auf den entsetzlichen Kopf seiner Frau hin müsste sich diese von Rechts wegen von ihm scheiden lassen.“ Eine gute Meinung hatte er hingegen von den Zeichnungen der von der Vrings. Bei den Bildern gingen beide einen „unverständlichen Weg, der unmöglich in eine erträgliche Zukunft führt“.

Die Maler der Künstlergruppe gingen bald unterschiedliche Wege. Therese von der Vring starb 1927 an Tuberkulose. Ihr Ehemann Georg von der Vring, der in seinen Jeveraner Jahren mehrere Hundert Ölbilder, Aquarelle und Zeichnungen schuf, konzentrierte sich bald ausschließlich auf die Schriftstellerei und hatte in republikanischen Kreisen einen enormen Erfolg mit seinem Anti-Kriegsroman „Soldat Suhren“ (1927), während er im völkisch- nationalen Jever ein Außenseiter war.

Gerd Meyer wurde Finanzbeamter, Willy Knoop hatte unter den Nazis Ausstellungsverbot (und malte 1950 für den Skandalfilm „Die Sünderin“ mit Hildegard Knef), Karl Sommerfeld und Georg Emil Baumann arbeiteten als Kunsterzieher in Wilhelmshaven (1948 entwarf Baumann das Stadtwappen). Adolf Niesmann, der 1922 zur „Barke“ stieß, wird Kunsterzieher am Gymnasium (heute: Altes Gymnasium). Er schafft unter anderem Bühnenbilder für das Landestheater und das Wandfresko „Aufstieg und Sturz des Ikarus“ im Landesmuseum. Aufsehen erregt sein im Bauhaus-Stil errichtetes Wohn- und Atelierhaus im Oldenburger Stadtteil Eversten.

Im Februar 1921hatte sich die Künstlergruppe „Die Barke“ im oldenburgischen Rüstringen gegründet. Zu den Gründern zählten Karl Wilhelm Göring (Maskenbildner am Landestheater Oldenburg), Gertrud Göring-Erichsen (Malerin), Georg Emil Baumann (Kunsterzieher, Maler; Wilhelmshaven), Willy Knoop (Maler, Oldenburg), Alexander Minke (Architekt, Wilhelmshaven), Karl Sommerfeld (Kunsterzieher, Maler; Wilhelmshaven), Georg von der Vring (Kunsterzieher, Maler; Jever) und Therese von der Vring (Kunsterzieherin, Malerin; Jever). Die von der Vrings, Sommerfeld, Baumann und der 1922 zur „Barke“ gestoßene Adolf Niesmann (Oldenburg) hatten sich auf der Königlichen Kunstschule in Berlin kennengelernt. Die Nachkriegs-expressionistische Künstlergruppe stellte im April 1921 und im März 1922 im Augusteum in Oldenburg aus.

Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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