Im Nordwesten Ein bisschen gekniffen waren sie schon, die Betreiber der Camping- und Reisemobilplätze im Oldenburger Münsterland. Während ringsum im Land die Zelte und Wagenburgen aufgebaut wurden, mussten sie warten, zu hoch waren die Inzidenzwerte. „Der beste Monat geht komplett flöten“, bedauerte Max Wilken (27), der Junior-Chef eines Platzes an der Thülsfelder Talsperre, noch im Mai. Doch dann gingen wie von plötzlich die Corona-Zahlen hinunter und die der Buchungen hinauf. Vorbei die Zeit der langen Gesichter. Eine Branche atmet auf. Und die Kunden auch.

Thülsfelder Talsperre

Die Familie Wilken betreibt zwei Plätze an der Talsperre, einen für Dauer-Camper, eröffnet 1968, und einen für Kurzurlauber, eröffnet 2011. Letzterer ist zu Fronleichnam, einem Feiertag in NRW, komplett ausgebucht, insgesamt 150 Stellplätze. Auch vertraute Kennzeichen sind zu sehen: LER, WST, FRI, EL, ja selbst CLP – ein Paar aus Barßel macht eine Testtour mit dem neuen Wohnmobil, das gerade mal 300 Kilometer auf dem Buckel hat. Ein paar Wohn­mobile weiter steht ein Paar aus Lilienthal. Es hat den Platz im Internet entdeckt und ist „mal eben in zwei Stunden hergefahren, ohne Stau“.

Florian (35) und Anneke (29) aus Aurich gehören zu den eher jungen Familien, die sich rund um einen Spielplatz niedergelassen laben. Früher haben sie gezeltet, erzählt Anneke, doch das ist mit Mieke (3) und Fiete (1) „zu hell, zu laut“. Jetzt machen sie ihre erste Tour mit dem Wohnwagen, „da hat man alles drin und muss nicht 300 Sachen einpacken.“ Sie haben doppelt Glück – mit dem Wetter und dem Stellplatz. „Hier können wir eine Woche unseren Kindern beim Spielen zusehen.“ Und der Tierpark ist auch gleich um die Ecke.

Heidesee in Holdorf

EN, RE, UN, LH – die Gäste auf dem Platz am Heidesee in Holdorf kommen fast alle aus NRW, geht man nach den Autokennzeichen. Dazu gesellen sich immer wieder Skandinavier, die auf ihrem Weg in wärmere Gefilde für eine Nacht Station machen, denn der Platz liegt nur drei Minuten von der A1 entfernt.

Martin Bahlmann, 59, hat das Grundstück vor 13 Jahren gepachtet. Der gelernte Fernsehtechniker, früher selbst überzeugter Camper, hat „keine 28 Sekunden überlegt“ und es seither nicht bereut. 80 Prozent seiner Gäste sind Stammkunden.

Sabine und Jörg Schmidt aus Bergkamen kommen seit sieben Jahren hierher. Sie hocken vor ihrem Wohnmobil, im Schatten der Markise. Warum gerade hier? Der Platz ist übersichtlich, sauber, gastfreundlich, man kennt sich. „Die Küste? Zu voll da oben“, sagt Jörg. „Und die Kurtaxe haut richtig rein. Jeden Tag.“

Zugegeben, das Oldenburger Münsterland ist „nicht so die typische Urlaubsgegend“, sagt Martin Bahlmann. „Wie in Meck-Pomm“ schwärmen dagegen Michael und Helga Könker aus Osnabrück. Mal fahren sie mit dem E-Bike zum Dümmer, mal mit den Enkelkindern ins Museumsdorf Cloppenburg. Dazu der See gleich nebenan, Michael hat ihn bei einer Rollertour entdeckt. Seit 12 Jahren kommen sie nach Holdorf, 2021 ist ihr erster gemeinsamer Rentner-Sommer. Einmal in der Woche gucken sie in Osnabrück in den Postkasten, „ob Rechnungen drinliegen“, scherzt Helga. In Holdorf haben sie alles, was sie brauchen. Auf der Wäscheleine baumelt das blaue Trikot der Sportfreunde Lotte. Nur eines wollen sie hier nicht sehen: Gartenzwerge.

An der Sagter Ems

2019 hat Lars-Markus Schober zusammen mit seiner Partnerin Anna Ligarska den „Reisemobilpark Sagter Ems“ im saterländischen Strücklingen gekauft. Im August 2019 kürte die Redaktion des Fachmagazins „promobil“ den Platz zum „Stellplatz des Monats“. Anfang März 2020 hievten ihn die Leser bei der Wahl zum „Stellplatz des Jahres“ sogar aufs Treppchen – bundesweit Platz zwei in der Kategorie mit 51 bis 80 Stellplätzen. 55 sind es genau, doch die blieben leer, der Lockdown durchkreuzte ihre Pläne. Erst mal. „Bei aller Tragik – Camping-Tourismus ist der Gewinner von Corona“, sagt Schober heute.

Gut 100 000 Reisemobile und Wohnwagen wurden im vergangenen Jahr neu zugelassen. Als ehemaliger Veranstalter von kulinarischen Genussreisen weiß Schober, was der Wohnmobilist sucht: einen schönen Platz, möglichst am Wasser! „Die Fehn-Landschaft. Die Ruhe. Das Radfahren.“ Und als i-Tüpfelchen das kulinarische Angebot in „Annas Stüble“, mit einer „Nordisch-Schwäbischen Küche“, von Maultaschen bis Greetsieler Krabben.

Es sind überwiegend Gäste aus der Region, die ihre Gefährte ab- und die Satellitenschüssel hochstellen, im Schnitt für drei Tage. „Wir haben hier Fahrzeuge im Wert von bis zu 700 000 Euro“, sagt Schober und deutet auf ein Mobil, „High-End-Class“, mit Granitboden, Marmor-Arbeitsplatte und Wein-Kühlschrank.

Ein ähnliches Domizil besitzen auch Ralf (59) und Petra (57) aus Viersen. Angefangen haben sie vor 33 Jahren mit einem gebrauchten Wohn­wagen. Nun also die Fünf- Sterne-Variante mit Fußbodenheizung, Raumbad, Wlan-Drucker und drei TV-Bild­schirmen, „mehr als zu Hause.“ Sie stehen direkt an der Sagter Ems, weil hier der Kater, ein Burmese, frei herumlaufen kann.

Ins Heck des gut elf Meter langen Mobils passt der Mini-Cooper, mit dem die beiden Ausflüge machen, gern nach Papenburg, Bad Zwischenahn oder an die See. Zu ihren temporären Nachbarn gehört in diesen Tagen auch ein Paar, das aus Emden geflüchtet ist, dem aktuellen Corona-Hotspot. Nein, noch ist die Pandemie nicht aus der Welt. Die neuen Freiheiten, sie sind noch fragil.

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