Hannover Wenn das kein Traumjob ist: Als erste Frau nach der hannoverschen Kurfürstin Sophie (1630-1714) steht Anke Seegert an der Spitze der Herrenhäuser Gärten, eine der bedeutendsten barocken Gartenanlagen Europas. Doch die promovierte Landschafts- und Freiraumplanerin neigt nicht zu Überheblichkeit. Sie gehe mit Respekt ihre Aufgabe als Gartenmanagerin an, sagt Seegert. Und sie habe die Unterstützung eines Teams mit 190 Mitarbeitenden, darunter viele in Teilzeit.

Im Februar hat Seegert, die schon seit 2004 in den Herrenhäuser Gärten arbeitet, den Job des langjährigen Gartendirektors Ronald Clark übernommen. Die neue Chefin möchte die gut 135 Hektar große Anlage behutsam weiterentwickeln. Doch mit dem Krieg in der Ukraine, der Inflation und den explodierenden Energiepreisen haben sich die Rahmenbedingungen grundlegend geändert.

Gästezahl steigern

Für die sogenannte Überwinterungsgärtnerei, die mit einer Holzpellet-Heizung betrieben wird, hätten sich die Kosten verdoppelt. Gespannt wartet sie auf die Rechnungen für die Gewächshäuser und Anlagen. Greift der „Notfallplan Gas“, würden die Herrenhäuser Gärten von der Abschaltung verschont. Viele Pflanzen, darunter die mit 3000 Arten und 1000 Hybriden artenreichste Orchideensammlung der Welt, gelten als unschätzbar wertvoll. Sie dürfen keinesfalls erfrieren.

Mit derzeit rund 500 000 Gästen pro Jahr – die Veranstaltungen nicht eingerechnet – gelten die Herrenhäuser Gärten als Hannovers größte Touristenattraktion. Die Direktorin hat das Ziel abgesteckt: Die Marke von 600 000 Gästen aus den Vor-Corona-Jahren soll wieder erreicht werden. 74 Prozent der Besucherinnen und Besucher kommen mittlerweile aus Niedersachsen. 2015 hat die europäische Organisation EGHN die Gärten als beste historische Gartenanlage ausgezeichnet. Das ist bislang keinem deutschen Mitbewerber gelungen. Und damit die Herrenhäuser weiter in der Ersten Liga mitspielen, soll weiter investiert werden.

Die Arbeiten am Kakteenhaus haben begonnen. Die Mauern um den Berggarten werden Schritt für Schritt saniert. Auch die technische Infrastruktur – also Wasserversorgung und Beleuchtung – ist laut Seegert zufolge ein Dauerthema. Mit Kosten in Millionenhöhe wurden gerade die imposanten, über 150 Jahre alten Wasserräder und Pumpen der Wasserkunst wieder fit gemacht. Das nächste Projekt hat die Direktorin bereits vor Augen: das auf 13 Mio. Euro taxierte neue Schauhaus im Berggarten. Es soll mit kanarischen Pflanzen, Riesenseerosen und flatternden Schmetterlingen ein Besuchermagnet werden. Läuft alles nach Plan könnte schon im Sommer 2023 Baustart sein.

Sie habe ein „Gartenherz“ sagt die erste Frau an der Spitze der Herrenhäuser Gärten von sich. Und darum hat sie nicht nur Steine, sondern vor allem die Pflanzen im Blick. Und die leiden unter dem Klimawandel. „Einige Gehölze, etwa die Sandbirke, verlieren wir deutlich vor ihrer Altersgrenze“, erzählt Seegert. Auch die Kronen der Eichen werden immer schütterer; die Buchen leiden ebenfalls. „Wir werden ein anderes Gehölzsortiment nachpflanzen, etwa den Geweihbaum.“ Aber auch gegen Pilze der Gattung Verticillium oder den Buchsbaumzünsler kämpft das Gärtnerteam an.

Viel Kultur im Garten

Untrennbar verbunden sind mit den Herrenhäuser Gärten etliche Kulturveranstaltungen. Es gibt das GOP-Wintervarieté, Kunstfestspiele, den Feuerwerkswettbewerb, aber auch Lese-Picknick oder spezielle Kinder-Angebote. Vom 5. bis 28. August stehen die „Sommernächte“ mit Konzerten, Poetry Slams und Kino unterm Sternenhimmel auf dem Programm. „All das soll bleiben“, verspricht die 56-jährige Professorin. Aber es müsse eben zum Garten passen. „Wir haben hier ein Kleinod, das man in Deutschland erst einmal suchen muss.“

Zu den Publikumsmagneten gehört das „Kleine Fest im Großen Garten“. Die je 3900 Karten für die 23 Abende sind blitzschnell vergriffen. Doch weil die Intendanz wechselt, ist eine Diskussion um den Charakter des „Kleinen Festes“ in Gang gekommen. Die Frage müsse erlaubt sein, ob man wirklich in vier Wochen jeden Abend ein Feuerwerk zünden müsse, weist Seegert auf die Feinstaubbelastung und den Wünschen der Anlieger nach Lärmminderung hin.

An Ideen für die Zukunft mangelt es der Direktorin nicht: Wenn 2025 das 350-jährige Bestehen der Herrenhäuser Gärten gefeiert wird, soll die Historie einmal aus der Perspektive der Pflanzenwelt erzählt werden. Da könnte vielleicht die Linde wissen, dass viele Tagelöhner schon morgens um 4 Uhr angefangen haben. „Es gab damals Starkbier“, hat Teetrinkerin Seegert erfahren. Übrigens kümmert sich Anke Seegert trotz der Belastung im Management weiterhin um die Schmuckbeete und die saisonalen Ausstellungen. Und: Nervt sie der Titel „Erste Frau an der Spitze nach Kurfürstin Sophie“? „Nein“, so Anke Seegert mit einem gewinnenden Lächeln. „Ich hätte mich mit ihr wohl ganz gut verstanden.“

Stefan Idel Redakteur / Landespolitischer Korrespondent
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