Oldenburg Schlichte Pappkartons liegen alphabetisch sortiert und akkurat gestapelt in Büroschränken im Obergeschoss des Prinzenpalais. Auf den ersten Blick nichts Besonderes. Aber der Inhalt der Kartons weckt sogar das Interesse renommierter Museen, darunter das Bauhaus-Archiv in Berlin, und ist das Ergebnis der akribischen Arbeit von Dr. Claudia Quirin (41) und Andreas Rothaus (37).

Blaue Bücher

Für das Ausstellungs- und Forschungsprojekt „Neue Baukunst! Architektur der Moderne in Bild und Buch“ des Oldenburger Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte haben die Wissenschaftler den persönlichen Nachlass des Gründungsdirektors Walter Müller-Wulckow (1886–1964) gesichtet und erschlossen. Der Nachlass umfasst etwa 3000 Briefe, 1000 Fotografien, eine umfangreiche Bibliothek mit dicken Büchern, kleinen Broschüren, Zeitschriften und Werbung sowie etliche Glasdias. „Er hat sehr fleißig gesammelt, und seine Frau hat nichts weggeworfen. Ein Glücksfall für das Museum“, sagt der Historiker Rothaus.

Müller-Wulckows Anliegen war es, einem breiten Publikum Entwicklungen der modernen Architektur zugänglich zu machen und zu erklären. Er veröffentlichte von 1925 bis 1932 in der Reihe „Die Blauen Bücher“ vier Bände zur Architektur der Moderne. Mit einer Auflage von 130 000 verkauften Exemplaren waren die Bände ein Bestseller. Bis zum Erscheinen des ersten Bandes „Bauten der Arbeit und des Verkehrs“, der im Gegensatz zu späteren Auflagen auch Bilder vom Oldenburger Bahnhof zeigte, sollten allerdings neun Jahre vergehen. Der Druck musste wegen des Ersten Weltkrieges, Papierknappheit und Inflation immer wieder verschoben werden. Weniger Probleme gab es bei den Bänden „Bauten der Gemeinschaft“ (1928), „Wohnbauten und Siedlungen“(1929) und „Die deutsche Wohnung der Gegenwart“ (1932).

„Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Gesellschaft im Umbruch“, erklärt Rothaus. Die Architektur war ein Spiegelbild dieser Zeit. Es herrschte Wohnungsnot in den Städten. Das Bauen sollte und musste durch eine Standardisierung, neue Werkstoffe und neue Montageverfahren erschwinglich werden. Für die Bildbände zur modernen Architektur kontaktierte Müller-Wulckow nahezu alle bekannten Architekten, etwa 350, seiner Zeit. Seinen Wünschen nach Bildern verlieh er nicht selten Nachdruck durch den hartnäckigen Zusatz „Zusendung sofort“.

Über zehn Jahre korrespondierte Müller-Wulckow allein mit Walter Gropius (1883–1969). Er musste ihn ein ums andere Mal bitten, ihm endlich einen Satz Fotografien von den Fagus-Werken in Alfeld, heute Unesco-Weltkulturerbe, zu schicken. Gropius hingegen bat Müller-Wulckow um Beistand im Bauhaus-Streit.

Lange Diskussionen führte Müller-Wulckow immer wieder mit seinem Verleger Karl Robert Langewiesche (1874–1931), welche Gebäude in den Bänden aufgenommen werden und welche nicht. Den Segen beider fanden zum Beispiel das Delmenhorster Rathaus mit Wasserturm des Bremer Architekten Heinz Stoffregen (1879–1929), mit dem Müller-Wulckow seit 1908 einen Briefwechsel führte, und das Bootshaus vom Ruderverein Vegesack des Bremer Architekten Ernst Becker (1900–1968), den Müller-Wulckow häufiger besuchte.

Rabatte im Augusteum

Überhaupt unternahm er in Sachen Architektur viele Reisen – ins Rheinland, nach Wien, Königsstein, Berlin, Hamburg und Magdeburg. Sein Taschenkalender von 1928 gibt Aufschluss über seine Rastlosigkeit.

Im Oldenburger Schloss fand 1928 eine Ausstellung mit dem Titel „Neue Baukunst“ statt, organisiert von der Vereinigung für junge Kunst und mit Vorträgen von Müller-Wulckow und Erich Mendelsohn (1887–1953), ein Stararchitekt seiner Zeit. Er entwarf unter anderem den Einsteinturm in Potsdam und die Schaubühne in Berlin. Im Gästebuch von Ernst Beyersdorff (Mitbegründer der Vereinigung für junge Kunst), das während der Ausstellung auslag, hinterließ Mendelsohn eine schnell hingeworfene Skizze eines Kaufhauses für die Warenhauskette Schocken. „Dafür bekäme man heute auf dem Kunstmarkt viel Geld“, weiß Rothaus.

Eine weitere Ausstellung zur Architektur der Moderne fand 1931 im Augusteum statt. Diesmal stand die Innenarchitektur im Mittelpunkt. Wie in einem Möbelhaus waren ganze Wohnwelten aufgebaut, Möbel und Hausrat mit Preisschildern versehen, es gab Rabattangebote. „Oldenburger Firmen waren dabei sehr involviert“, weiß Claudia Quirin. Mancher Bürger dürfte damals ein Möbelstück gekauft haben, das heute als Antiquität begehrt ist.

Lore Timme-Hänsel Redakteurin / Kulturredaktion
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