Kirschweiler Der Besuch aus der Schweiz blieb länger als erwartet. Eigentlich wollte Tatjana Fabergé nur mal kurz in Manfred Wilds Schatzkammer vorbeischauen. Doch dann kam die letzte noch lebende Ur-Enkelin des berühmten Zaren-Juweliers Carl Peter Fabergé (1846–1920) aus dem Staunen nicht mehr heraus: Glitzernde Tiere aus Citrin und Perlen, filigrane Blumengebinde aus Brillanten und Gold, Buddhas aus Rubinen und Opalen funkelten entgegen. „Erst nach sechs Stunden war sie weg“, erzählt Manfred Wild.

56 Prunk-Eier hat Tatjana Fabergés berühmter Ur-Großvater zwischen 1885 und 1917 für die russische Zarenfamilie kreiert. Die edlen Stücke zählen heute zu den teuersten Antiquitäten der Welt. „Bei Versteigerungen sind sie kaum unter zehn Millionen Euro zu bekommen“, sagt Wild. Seinen berühmten Inspirator hat er längst um fast das Vierfache übertroffen. Mehr als 200 Luxus-Eier haben seit 1976 das Dorf Kirschweiler im Hunsrück verlassen.

Papierfeine Blüten

Besucher sind irritiert, wenn sie Wilds eher bescheidenes Anwesen im 1100-Seelendorf aufsuchen: ein schlichtes Einfamilienhaus in einem Garten mit Kirschbäumen. Auf dem Schreibtisch des kleinen Büros türmen sich Zeichnungen und Steine. Doch dann öffnet sich die Tür nebenan, und der Gast steht mittendrin in der funkelnden und glitzernden Edelstein-Welt. Sonne bricht sich in den kristallenen Segeln eines Schiffes, eine Nachbildung der „Gorch Fock“ aus 18-karätigem Gold, Bergkristall und Diamanten im Maßstab 1:150. Das Innere eines Stechpalmen-Ovals schmücken Blätter aus Jade, Gold und Koralle. Wild hat den Mut, so dünn wie möglich zu arbeiten. Seine papierfeinen Blüten wiegen sich bei jedem Luftzug. Besonders wertvoll: ein Buddha aus indischem Rubin in einem Ei aus Bergkristall auf einer gravierten Lotusblüte. „Es ist der größte Rubin-Buddha der Welt“, erzählt Wild.

Manche der Meisterstücke übersteigen jedes Ostereier-Maß: Sie sind bis zu 70 Zentimeter groß, wiegen fast 30 Kilo und sind mit filigranen Blüten aus Rubinen und Smaragden verziert. Andere Eier bergen Tierfiguren aus Juwelen in ihrem Innern. Zwölf Kilo Bergkristall, Brillanten, Saphire, Smaragde, Rubine und 18-karätiges Gold hat Wilds Werkstatt im „Ei der 150 000 Facetten“ verarbeitet. 8,2 Kilo wog der Rohstein für den größten geschliffenen Granat der Welt, der zu Eierschalen von 15 Zentimetern Durchmesser ausgehöhlt wurde. „Das Kreuz aus 18-karätigem Gold und Platin schmücken 456 Brillanten“, erklärt der Hoflieferant von Königin Elisabeth II. stolz.

Wilds Kreationen kosten bis zu 500 000 Euro. Ein Luxus, den sich nur betuchte Liebhaber leisten können. „Ich habe den schönsten Beruf der Welt, weil ich mit diesen Kostbarkeiten arbeiten darf.“

Einschlüsse inspirieren

Dabei hat Wild weder Edelsteinschleifer noch Kunstschmied gelernt. Statt wie sein Vater Steingraveur zu werden, begann er nach dem Schulabschluss eine Ausbildung zum Edelsteinkaufmann. Die Kunst des Schleifens und Schmiedens erlernte er autodidaktisch,

Meist arbeitet Wild im Auftrag namhafter Juweliere in London, Paris und Genf. Sie verkaufen die Kunstwerke weiter. Nur selten verschlägt es Privatkunden in die Idylle des Hunsrück. Oft erfährt der Meister erst nachträglich, wer seinen Luxus erstanden hat. Zum Beispiel, dass „Queen Mum“, die britische Königinmutter, ihre Verwandtschaft zu Weihnachten regelmäßig mit Kostbarkeiten von Wild überraschte.

Auch als Restaurator genießt Wild Weltruf: So fertigte er für das Grüne Gewölbe in Dresden einen reich verzierten Kaminaufsatz.

Ehrfurcht habe er vor den Edelsteinen, versichert er. Besonderen Respekt verdienten die Einschlüsse. Die „Fingerabdrücke Gottes“ seien berauschend schön. Was ist dagegen schon ein lupenreiner Diamant? „Es gibt nichts Langweiligeres als saubere Steine!“ Aus Steinen mit Verwachsungen, die andere als mangelhaft aussortieren würden, entwickelt Wild mit viel Fantasie Formen und Geschichten. Einschlüsse in Bergkristall erscheinen ihm wie „sanfte Wellen“. Einfach darauf ein paar edle Schwäne oder Enten setzen – fertig ist die „Szenerie am Teich“.

Peter Carl Fabergé(1846–1920) war ein russischer Goldschmied und Juwelier. Berühmtheit erlangte er durch seine kunstvollen und opulenten Fabergé-Eier. Die Russische Zarin erhielt jedes Jahr zu Ostern ein Schmuck-Ei aus seinem Atelier. Die Idee, das traditionelle russische Osterbrauchtum mit Goldschmiedekunst zu verbinden, stammte von dem finnischen Goldschmied Eric Kollin.

In den Wirren der Oktoberrevolution floh Fabergé nach Finnland und später nach Wiesbaden. Er starb in Lausanne in der Schweiz.

Das Fabergé-Museumin Baden-Baden (Sophienstraße 30) ist weltweit das erste und einzige Museum, das sich dem Lebenswerk Fabergés widmet. Die Sammlung umfasst über 1500 Exponate. Geöffnet: täglich 10–18 Uhr, Eintritt: 18 Euro (ermäßigt 12 Euro).

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