Bremerhaven Durch die solide Eingangstür geht’s auf kurzem Weg mitten hinein ins Theater. Viel Platz ist nicht. Zwischen der Bühne und ersten Stuhlreihe beträgt der Abstand – geschätzt – knapp 30 Zentimeter. Auf der Bühne stehen das Mobiliar der aktuellen Inszenierung und einige Stühle, auf denen noch die Rollenbücher für ein anderes Stück liegen. Die Probe scheint gerade erst zu Ende zu sein.

57 Sitzplätze

Freundlich wird der Besucher von Daniel Meyer-Dinkgräfe begrüßt. Seit August ist er Leiter des „piccolo teatro“, mit 57 Sitzplätzen eines der kleinsten Theater Deutschlands, mitten im Kneipenviertel von Bremerhaven. Geboren in München, hat der 60–jährige, bedingt durch den Schauspiel-Beruf seiner Mutter, schon viele Theater gesehen. Nach vielen Jahren als Professor an der Universität und in einem Alter, in dem sich andere auf den Ruhestand vorbereiten, ist er Theaterintendant geworden.

Dabei hat er schon als Kind Bühnenerfahrung gesammelt und zwar in Oldenburg. Nach Stationen in Kiel, Cuxhaven und Flensburg hat seine Mutter Ursula Dinkgräfe von 1965 bis 1969 ein Engagement am Oldenburgischen Staatstheater. Daniel Meyer-Dinkgräfe besucht die Grundschule Bürgeresch und bekommt seine erste Theaterrolle.

Im Weihnachtsmärchen „Aschenputtel“ spielt er den Polizisten, der Aschenputtels Schuh auf einem Samtkissen auf die Bühne trägt. Der Schuh fällt allerdings runter, Meyer-Dinkgräfe verliert auch noch seinen Säbel. „Es hat wohl fünf Minuten gedauert, bis ich alles wieder an Ort und Stelle hatte“, erinnert er sich. Sein Satz nach dem Missgeschick lautete: Immer mit der Ruhe. Dafür gibt es Szenenapplaus vom Publikum.

Nach dem Abitur studiert Meyer-Dinkgräfe in Düsseldorf Englisch und Philosophie fürs Lehramt und muss nach dem Referendariat feststellen, dass es für ihn an deutschen Schulen keine Arbeit gibt. Er geht nach Großbritannien, studiert Theaterwissenschaften und promoviert an der University of London. Er lehrt an der Universität in Aberystwyth in Wales und bis 2017 an der Universität in Lincoln im Westen Englands.

„Ich wollte mehr in die Praxis“, sagt Meyer-Dinkgräfe. Er beginnt, Hörbücher einzusprechen und Texte über Wikinger, Dinosaurier und Bienen für Sprachassistenten wie Alexa. Nach 80 Titeln in sechs Monaten hat er genug davon. „Nette Sache, aber nicht für die Ewigkeit.“

Meyer-Dinkgräfe sieht und hört sich in der Theaterszene um und trifft Roberto Widmer, der gerade einen Nachfolger für sein 2011 gegründetes „piccolo teatro“ in Bremerhaven sucht. Die Chemie zwischen beiden stimmt, Meyer-Dinkgräfe verkauft sein Haus in England und zieht mit Sack und Pack an die Weser. Dabei hat der Wissenschaftler mit dem festen Willen zur Praxis ein Ziel vor Augen: „Bis zum Ende dieser Spielzeit will ich aus den roten Zahlen raus sein.“

Dicht am Zuschauer

Das könnte ihm gelingen. Denn die Premiere des Stücks „Die Magd Zerline“ von Hermann Broch im September stieß beim Publikum bereits auf eine positive Resonanz. In der Inszenierung von Michael Gruner spielen Katharina Schumacher und Michael Schories. Das Stück läuft noch bis Anfang Dezember.

Seit einigen Tagen laufen parallel die Proben zum Drama „Die Perser“ von Aischylos, in dem auch Meyer-Dinkgräfe eine Rolle übernommen hat. Das älteste erhaltene Drama der Welt behandelt den Untergang der persischen Flotte in der Seeschlacht von Salamis 480 v. Chr. aus der fiktiven Sicht des persischen Königshofs.

Besonders freut sich der Theatermann, dass er für die Inszenierung mit Heinz-Uwe Haus einen international renommierten Regisseur gewinnen konnte. Ein griechisch-zypriotischer Komponist wird altgriechische Texte vertonen. Das hört sich experimentierfreudig an und soll es auch sein. Die Premiere ist am 14. November.

Selbst Regie führt Meyer-Dinkgräfe dann bei „Bildung für Rita“ von Willy Russell, das Stück hat am 5. Februar 2020 Premiere. „Es ist eine Pygmalion-Geschichte“, sagt er. Die junge Rita will aus ihrem Leben als Friseurin ausbrechen und beginnt ein Fernstudium der Literatur. Der ihr zugewiesene Tutor Frank, desillusioniert vom Universitätsbetrieb, setzt alles daran, aus Rita eine Akademikerin zu machen. Es spielen Annalena Müller und Cyrus Rahbar. „Die Interaktion der beiden ist lebhaft, ehrlich und tiefgründig komisch“, verspricht Meyer-Dinkgräfe.

Unterhaltsam verspricht auch das Ein-Personen-Stück „Penelope – nacherzählt“ von Caroline Horton zu werden, das Meyer-Dinkgräfe ins Deutsche übersetzt hat. Penelope erzählt, wie sie ihren Mann, den griechischen Helden Odysseus, vor seinem Aufbruch in den Krieg bewundert, wie sie die Einsamkeit während seiner langen Abwesenheit meistert und wie sich das Eheleben nach seiner unerwarteten Rückkehr gestaltet. Premiere ist am 16. April.

Aber nicht nur Theater wird im „piccolo teatro“ gespielt, es finden auch Lesungen, Vorträge und Gastspiele statt. Probleme, Künstler für sein kleines Haus zu gewinnen, hat Meyer-Dinkgräfe noch nicht gehabt. „So dicht am Zuschauer zu sein, finden viele interessant.“

Lore Timme-Hänsel Redakteurin / Kulturredaktion
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